Else von Freytag-Loringhoven


Else von Freytag-Loringhoven's Poem "Schalk/Herbst" [ca. 1923]
&
'Fanny Essler's 1904/05 Sonnets
[German-English e-Edition of all seven Fanny Essler Poems]
with reference to Greve's 1907 Fall-Poem "Erster Sturm"

Parallel Texts*
University of Manitoba Libraries
Archives FPG & FrL Collections
University of Manitoba Archives
* [adapted from: Divay, Gaby. "Fanny Essler's Poems: Felix Paul Greve's or Else von Freytag-Loringhoven's?"
Arachne: An Interdisciplinary Journal of Language and Literature, v. 1, no. 2 (1994), 165-197
.


Der Herbst, im grün und bronzenen Metall,
Sitzt an dem flachen Fluss, beim Wasserfall.

Die Bäume brausen girr, der Wind schwirrt lau
Sein Haar gleisst Flitter Gold, sein Aug glitzt blau.

Sein Mund so rot wie Blut blickt streng wie Wein,
Im Knie gebogen steht sein rechtes Bein.

Um enge Schenkel, alabastertot
Wirft sich der Mantelschwall, verbeenenrot.

Weiss, seine grosse, weite Mörderhand
Streift glänzend um das kniegestützt Gewand.

Geschnitten in geglättetes Gestein,
Erglimmt sein Antlitz, hehr wie das des Kain.

Auf seiner Hochstirn brauner Haselnuss
Karfunkelsteine zucken mit dem Fluss --

Er sitzt, ein roter Specht lacht wie ein Narr,
Sein Aug ist blau, sein Sonnenherz ist starr.

Um seine Scharlachlippen biegt der Gram
Des, der zu schlagen tief, zu töten, kam --

Auf seinem Scharlachmantel liegt die Hand
Die morgen dir zermorscht Getier und Land.

Die, jach, auch dich versehrt, du Mensch - o Wurm,
Es ist der Trüger Herbst - der Tod - der Sturm!

Es ist Vernichtung, heulende, in Wut,
Die dir das Blut verdirbt - verdünnt das Blut.

Es ist die Kälte, es ist alles Weh,
Siehst du das Rot? Es ist der Schalkknecht - geh!

Glüht er auch wie ein Vogel, leuchtend schön
Es ist Verwesung, wo sie tritt - Gestöhn.

Faksimile: 1904 'Fanny Essler' Sonnets about Greve's Hands, Eyes, Mouth

Erster Sturm / von Felix Paul Greve

1. Die Dünen fliegen auf mit grünem Schopf,
Sie wogen, branden, türmen sich und kippen,
Und jede rennt mit jähem Widderkopf --
Zerschellend an des Waldes schwarzen Klippen.

2. Da sprengt ein Herold mit gesenktem Stab
Auf gelbem Roß durch die gescheuchte Masse.
Hingellt sein Horn: Bereitet euch zum Grab!
Mir folgt mein Herr. Habt acht vor seinem Hasse!

3. Heraus die Banner: gelb und braun und rot,
Und locker hingehängt! Bestreut den Boden!...
Verachtet eurer einer sein Gebot,
Den wird mitsamt der Wurzel er entroden.

Die Schaubühne 3, Nr. 6 (7.2.1907), 154. (PEd 55; facsim., 59a)

= Greve's "Erster Sturm"(1907)

II. Ein breites, schweres und gewölbtes Lid --
Die Haut verrät des Blutes rote Gänge --
Und wunde Blässe an den Rändern zieht
Um gelbe Wimpern dünne Seidenhänge:
 
Ein Auge, daß die Müdigkeiten mied,
Das noch vom frechsten Denken Tat erzwänge,
Das hell und unberührt die Dinge sieht
Unter des Lides purpurblasser Länge --
 
Auf flacher Kuppel weißem Porzellan
Lichtblau ein Stern mit winziger Pupille:
Er leuchtet Speergeblitz und Beutezug --
 
Doch plötzlich legt sich -- ein gespielter Wahn-
Vor dieses Auge eine vage Brille:
Ein Nebel: ein Gewölk: ein Maskentrug.

III. Sein Mund der feinen und geschwungenen Züge
Wechselt im Spiel von Scherz und Energie --
Die schmale Oberlippe ist, als trüge
Sie herbe Klugheit, leichte Fantasie:

Die untere schweift ein volleres Gefüge
Dem schwere Sinnlichkeit das Zeichen lieh:
Und beide sind der Thron der großen Lüge:
Auf scharlachrotem Kissen lagert sie
 
Und biegt den bogenhaften Lippenrand,
Schmiegt in den Winkel sich mit leisem Spott
Und lächelt blöder Dummheit später Klage:
 
Sie ist als Dienerin ihm stets zur Hand,
Denn nicht ist sie ihm Herrin oder Gott:
Sie schüttet bunte Zier in bunte Tage.

I. Aus schmaler Wurzel festgefügtem Bau
Wächst schlank und groß die weiße Hand hervor-
So schimmern weiß die Hände einer Frau --
Ein Netz von Adern hebt die Haut empor:
 
Darinnen leuchtet kalt ein blasses Blau
Wie Wasser, das in kleinen Flüssen fror --
Die Regung jedes Fingers zeigt genau
Der Rückenknochen dreigezweigtes Rohr:
 
In spitzer Knöchel hartem Hügelrand,
In breiter Nägel rosig dünnem Horn,
In nervigen Fingern spielt bewußte Kraft:
 
Jählings errötet die geneigte Hand,
Die Adern schwellen dunkel -- bis im Zorn
Sie marmorn glatt und bleich zur Faust sich rafft.


4. Seht graugepanzert ihr die Schiffe nahn --
Im Westen hoch: sein bauchiges Geschwader?
Schon landet ihn sein Ferge, der Orkan.
Ich muß hinweg: ihr -- meidet seinen Hader!...

5. Und Orgelscherzi heulen schwer und schrill
Zum Flattern bunter Fetzen all der Fahnen,
Mit denen sich der Herbst behängen will
Auf dem Fanfarenritt zu seinen Ahnen.


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