Obwohl Musil seine Novelle Die
Portugiesin nennt,
haben die Figur des Herrn von Ketten und seine Suche nach Selbstverwirklichung
die zentrale Bedeutung in der Erzählung.
Von Anfang an wird die Zweideutigkeit
seiner Existenz unterstrichen: Name, Ursprung, Ort des Wohnsitzes und Eigenschaften
weisen alle auf eine wesenhafte Polarität hin. Zugleich wird deutlich,
daß Herr von Ketten weniger
eine Einzelperson als einen Typus verkörpert, der in der Portugiesin,
die ebenfalls in ihren typischen Eigenschaften dargestellt wird, seine
Antithese findet. Insofern handelt es sich in dieser Novelle, wie übrigens
auch in Grigia und Tonka, weniger um die zwischenmenschlichen Beziehungen
des Paares, als um die Darstellung zweier grundlegender Seinsweisen, und
die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, ihre Synthese zu verwirklichen.
In
der Portugiesin gelingt es zwar, durch ein Wunder diese Synthese herbeizuführen,
aber Musil läßt seine Erzählung in diesem Augenblick enden.
Es bleibt daher offen, ob eine solche Synthese von Dauer sein kann, und
wie es im Einzelnen um sie bestellt ist.
Herr von Ketten wird zunächst
als Vertreter des reinen Tatmenschen dargestelt. Der Bereich des Geistig-Seelischen,
zu dem es ihn dunkel drängt,
kommt ihm nur als unbestimmtes Sehnen zum Bewußtsein. Daß dieser
Bereich jedoch in ihm angelegt ist, kommt durch die Doppeldeutigkeit zum
Ausdruck, mit der Musil seine Situation und Eigenschaften umschreibt.
Da
ist zunächst der Name, der auf italienisch und deutsch in den
Urkunden gefunden wird, was auf die Zughörigkeit zu zwei Kulturkreisen
hinweist. Delle Catene oder von Ketten ist der Name eines
Geschlechts das "aus
dem Norden gekommen" ist und sich "an der Schwelle des Südens"
niedergelassen hat, (Musil, 1979, S.63). Der
Norden steht hier vermutlich für den kriegerischen, aktionsfreudigen
germanischen Kulturkreis, während der Süden mehr schöngeistige
Anliegen und verfeinerte lebensweise verkörpern mag. Die von Ketten
leben demnach als Aktionsmenschen, und obwohl sie eine andere Seinsart
erkennen können, haben sie den Anschluß daran noch nicht vollzogen:
sie haben eben "an der Schwelle ... halt gemacht" (S.63). Die
Hauptfigur der Novelle als Vertreter dieses Geschlechts hat offensichtlich
an dieser Grenzsituation teil, und zwar wird damit auch auf seine innere
Problematik aufmerksam gemacht.
In seiner eingehenden stilistischen
Analyse der beiden Anfangsparagraphen weist Werner Zimmermann (S.113) auf
die nüchterne Reihung im ersten
Abschnitt hin: "sie hießen...; sie waren...; sie gebrauchten." Dieses
Beispiel erinnert an Caesars militärisch-kurzen Stil, insbesondere
an sein berümtes "ich kam, ich sah, ich siegte".
Die
Bedeutung des Namens selbst ist ebenso zweideutig wie die geographische
und ethnische Zugehörigkeit dieses Geschlechts: einmal drückt
sich darin Herrn von Kettens Verbundenheit mit der Geschlechtstradition
aus, indem er gleichsam als ein Glied in der Generationskette erscheint;
zum anderen weist der Name auf seine Verstrickung im Aktionsmodus hin,
indem sich darin eine Verkettung an das Tatdenken und damit die Notwendigkeit
einer Befreiung spiegelt. Die "In-Ketten"-Symbolik weist ebenfalls
auf eine bedeutungsvolle Isolierung hin, die nicht nur durch die soziale
Sonderstellung der Fremdlinge aus dem Norden, sondern auch durch die Lage
ihrer Burg verdeutlicht wird: sie liegt hoch oben auf einer "lotrechten
Wand", ist also unzugänglich, und wird außerdem noch so
von dem Getöse eines wilden Gebirgsflusses umschlossen, daß "kein
Schall der Welt...von außen in das Schloß" (S.63) dringen
kann. Ein möglicher Ausweg aus dieser Situation führt von innen
nach außen: das Auge kann dieses Gefängnis durchbrechen, wobei
es dann von der "tiefen Rundheit des Ausblicks" überrascht
wird.
Die Polarität von Norden und Süden, oben (Lage
der Burg) und unten (Ausblick), innen und außen, Toben des Flusses
und Rundheit des Ausblicks versinnbildlicht zwei gegensätzliche Lebesweisen,
die mit der mittelalterlichen Philosophie durch vita activa und vita
contemplativa umschrieben werden könnte. Die von Ketten repräsentieren
die erstere zum Beispiel schon dadurch, daß ihr Handeln auf ihren
Vorteil ausgerichtet ist. Viermal erscheint dieses Wort in den ersten fünf
Paragraphen. "Kein Vorteil entging ihnen in weitem Umkreis",
heißt es beispielsweise im dritten Absatz (S.63); und: "sie
nahmen, was sie an sich bringen konnten, und gingen dabei redlich oder
gewaltsam oder listig zu Werk" (id.). Mit allen Mitteln also kämpfen
sie um ihn. Auch in der Wahl ihrer Frauen spielt deren Reichtum eine Rolle.
Und obwohl ihre Schönheit auch entscheidend ist, wird sie weniger
als ein ästhetisches Attribut als eine nützliche Fortpflanzungseigeneschaft
angesehen: sie wollten schöne Söhne (S.64). Die "glänzenden
Kavaliere" (id.) in den Herren von Ketten kommen nur in dem einen
Jahr ihres Lebens zum Tragen, in dem sie werben. Selbst dieser Zug wird
also nur nutzbringend und sozusagen als Waffe eingesetzt. Bei dem Herrn
von Ketten in der Erzählung wird auch deutlich, wie sehr der Krieg
sein Element ist, und gleichzeitig, wie fremd ihm die Seinsweise seiner
Frau ist: "Traulich erschien ihm dagegen Kriegslist, politische Lüge,
Zorn und Töten! Tat geschieht, weil andre Tat geschehn ist...Befehlen
ist klar; taghell und dingfest ist dieses Leben...wie wenn man mit dem
Finger weist und sagen kann, das ist dies." (S.72).
Während
Herrn von Kettens Welt "taghell" ist und von Kriegführen, "Jagd,
Abenteurern und Dingen" (S.71) bestimmt wird, ist die der Portugiesin
in seinen Augen "fremd wie der Mond" (S.72). Ihr Element ist
dementsprechend die Nacht. "Mondnächtige Zauberin" (S.75)
nennt ihr Mann sie während seiner Krankheit, und sowohl die Zeugung
ihres zweiten Kindes als auch die Vereinigung der Ehepartner am Ende der
Erzählung vollziehen sich im Zeichen der Nacht. Rätselhaft und
wesensfremd erscheint ihm seine Frau. Denn im Unterschied zu Herrn von
Ketten, dessen Leben zielkräftig ausgerichtet ist wie ein Pfeil, der
trifft (so ähnilch sieht ihn seine Frau, S.68), ist die charakteristische
Seinsweise der Portugiesin ein abgerundetes In-sich-selbst-ruhen. Herr
von Ketten vergleicht sie mit ihren Perlen, deren Rundheit eine "unbegreifliche" Sicherheit
ausstrahlen. (S.65). "Schweigend wie eine Rose" hatte sie sich
ihm anvertraut (S.71), und wie ein Brunnenstrahl "nur aus sich heraussteigend
und in sich fallend" symbolisiert sie ruhige Gelassenheit (id.). Paul
Requadt (S.326) hat auf einen "selbstverständlichen Bezug zu
C. F. Meyers Gedicht" hingewiesen, und dieses Bild als "Selbstgenügen
und Unangreifbarkeit des Schönen: (id.) interpretiert. Daß dieser
ausgewogene Zustand allerdings ebenso wie der des Herrn von Kettens erlösungsbedürftig
sein soll (S.327) will uns nicht einleuchten. Das Selbstgenügen der
Portugiesin steht offenbar auch in Verbindung mit dem instinktiven, naturhaften
Sein der Frau, das unter anderem in der romantischen Auffassung des Weiblichen
postuliert wird.
Ein bedeutsamer Wesensunterschied besteht in der
spezifischen Kraft des Herrn von Ketten und der Portugiesin: die seine
ist physischer, fast animalischer Art, wie sie sich im Bild des wilden
Wolfes darstellt. Daß seine
Kraft aus den "Augen und Stirnen zu kommen" (S.63) scheint, ist
eher ein Hinweis auf die Möglichkeit, die entgegengesetzte Seinsweise
unter ganz gewissen Umständen erleben zu können. Weitaus häufiger
sind Metaphern, die wie die "sehnengeflochtene Hand" (S.65) auf
körperliche Stärke hinweisen. Dagegen ist die Kraft der Portugiesin
psychischer Art, und liegt in ihrer unerschütterlichen Ruhe. Da diese
Art seelischer Kraft Herrn von Ketten fermd ist, erscheint sie ihm als
Ausdruck unbegreiflicher, fast magischer Mächte.
Das Wort
Sehnen erscheint häufig (S.65, 67, 72, 73) und ist ebenso
doppeldeutig wie Herrn von Kettens Familienname. Meistens bedeutet es,
wie erwähnt, körperliche Kraft. Aber zumindest einmal erscheint
es als Verb (S.72) und deutet damit auf Herrn von Kettens halb unbewußten
Wunsch hin, die sehnige Kraft für einem anderen Zustand aufzugeben.
Was Annie Reniers-Servranckx im Zusammenhang mit dem Wirklichkeitsmenschen
Homo in Grigia sagt, trifft auch auf Herrn von Ketten zu: er ist auf der
Suche nach dem "unauffindbaren Kern des Selbst." (S.169).
Die
Gegensätze Tag und Nacht, männlich und weiblich, tatkräftig
und ruhend, Tun und Sein, und wohl auch die Nord-Süd Polarität,
die mit den Farben grün und blau symbolisiert wird, stehen mit der
wichtigen Musil'schen Dialektik von ratioiden und nicht-ratioiden Existenzarten
in engem Zusammenhang. Auf diesen und die Bedeutung des ebenso wichtigen "anderen
Zustands" werden wir später zurückkommen.
Schon
vor seiner Krankheit zeigt Herr von Ketten Anzeichen, daß er
aus seinem Tat- und Zweckdasein auszubrechen wünscht. Dieser Zug wird
sogar als einer allen von Kettens gemeinsamer beschrieben: "Sie wußten
aber selbst nicht, zeigten sie sich in diesem einen Jahr (der Werbung,
gd) so, wie sie wirklich waren, oder in allen andren" (S.64).
Diese Unwissenheit, was ihr Sein anbelangt, ist schon vorher in ihrer Grenzlage
an "der Schwelle des Südens" und in der Tatsache, daß sie "sich
nirgends hingehören" fühlen (S.63), versinnbildlicht.
In
Herrn von Ketten verdichtet sich die Suche nach einem anderen Sein im zwölften
Jahr seiner Kriegsführung gegen den Bischof von Trient
zu einer Existenzkrise. Erste Hinweise liegen in der Abwesenheit seines
Blickes, wenn er sich in der rohen Gesellschaft seiner Kriegsgefährten
befindet, und obwohl er ihre "groben Scherze" erwidert, dabei
unbeteiligt bleibt (S.69). Er hat "keine Freude an Ordnung, Hausstand
und wachsendem Reichtum" (S.72), und er sehnt "sich aus der Seele
hinaus" (id.). Im Zusammenhang mit seinem "taghellen, dingfesten" Leben
(id.) heißt es: "Das andre aber ist fremd wie der Mond. Der
Herr von Ketten liebte dies andere heimlich" (id.). Das "andere" wird
von seiner Frau verkörpert, und obwohl er versucht in ihre Welt einzudringen,
will es ihm nicht gelingen, Zugang zu ihr zu finden. Im Gegenteil erlebt
er "den Schlag eines magischen Widerstandes" (S.71). Obwohl er
sich von dem "anderen" in der Portugiesin und in sich selbst
angezogen fühlt, weicht er ihm verbissen aus: "Wenn er morgens
in den Sattel stieg, fühlte er jedesmal noch das Glück, nicht
nachzugeben, die Seele seiner Seele" (S.72). Er vermeidet fast ängstlich,
zu Hause bei seiner Frau zu verweilen ("Er...war nie länger als
zweimal zwölf Stunden zu Hause", S.69) und gönnt sich keine
Ruhe "wie sich ein Müder nicht setzen darf" (id.). Sein
krampfhaftes Sich-zurückziehen hinter seine Kriegstaten wird von der
Portugiesin richtig als Schutzwall ausgelegt: wenn sie ihrerseits versucht
die Welt ihres Mannes zu verstehen, findet sie im Wald, der Herrn von Ketten
und seine Seinsart symbolisch repräsentiert, "immer neue Mauern" (S.66). "Der
Wald öffnet sich, aber seine Seele weicht zurück", beobachtet
sie (S.72). Als der Krieg aber plötzlich endet, verliert Herr von
Ketten seinen wichtigsten äußeren Halt: "So hatte ein Ende
gefunden, was nun schon in der vierten Erbfolge wie eine Zimmerwand gewesen
war, die man jeden Morgen beim Frühbrot vor sich sieht und nicht sieht:
mit einem Male fehlte sie" (S.74). Herr von Ketten hat damit seinen
vertrauten, wenn auch ungenügenden, Lebensinhalt verloren und noch
nichts gefunden, was ihn ersetzen könnte. Folgerichtig löst selbst
ein so nichtiger Anlass wie der Fliegenstich (S.74) seinen Zusammenbruch
aus: er erlebt die totale Auflösung seines Seins. Seine Krankheit
ist wie ein Fieber-Purgatorium in dem er dahinschmilzt: "Der Kranke
schmolz in seinem Feuer täglich mehr zusammen, aber auch die bösen
Säfte schienen darin verzehrt und verdampft zu werden" (S.75).
Nichts als "eine Form voll weicher heißer Asche" (id.)
bleibt von ihm übrig, und man wird dabei an den Phönix-Mythos
erinnert: Herr von Ketten scheint nun bereit, sich in einer neuen Daseinsart
wieder zu erheben.
Nanda Fischer (S.227-228) beschreibt die Notwendigkeit
eines solchen Auflösens
im Zusammenhang mit dem "anderen Erleben" des Zöglings Törless: "Die
Vorgänge im Menschen werden als Auf- oder Loslösung, auf die
eine neue Zusammenschau folgt, erlebt". Ein "Aufbrechen der Wirklichkeit" und "eine
Erschütterung des normalen Ich" sind unerlässlich, um die
Aufnahme eines "anderen Zustandes" zu ermöglichen. Genau
das scheint uns die Funktion der Krankeit des Herrn von Kettens zu sein:
auch er wartet darauf, daß eine neue Existenz ihm zuteil wird: "alles
aber lag in einer riesigen gütigen Hand, die so mild war wie eine
Wiege... Das mochte Gott sein. Er zweifelte nicht, es erregte ihn aber
auch nicht; er wartete ab..." (S.76). Nichts scheint ihm jedoch zuteil
zu werden. Nachdem er mit der Tötung des Wolfes, den seine Frau aufgezogen
hatte, auch noch die letzten Reste seiner früheren Wildheit überwindet,
lebt er in einem nebelartigen Zustand (S.80) und scheint längere Zeit
nichts als eine Karikatur seiner selbst zu sein. Selbst sein Kopf ist geschrunken.
Zu dieser Zeit wendet die Portugiesin von ihm ab und "dem Jugendfreund" zu.
Herr von Ketten kann sich in seinem Schwächezustand nicht durchsetzen,
und obwohl er diesen Freund wegwünscht, bleibt er. Eine Wahrsagerin
sagt ihm, er müsse "etwas" vollbringen, wenn er gesund werden
wolle - um was es sich handelt, bleibt unausgesprochen. Dieses "etwas
vollbringen müssen" erinnert an Sartre, in dessen literarischen
Illustationen seiner Existenz-Philosophie l'acte die Selbstverwirklichung
des Individuums herbeiführt und damit ein ansonsten absurdes menschliches
Dasein zu rechtfertigen vermag.
Das plötzliche Auftauchen
der kleinen Katze und ihr Martyrium führt
die entscheidende Wende für die drei Personen herbei. Auf der realen
Ebene, die der Knecht vertritt, hat sie die Räude und wird deshalb
nach furchtbarem Leiden erschlagen. Auf einer übertragenen Ebene ist
sie eine durchsichtige Parallele des Leidens Christi, und auch ihre Funktion
in Bezug auf die drei Menschen in der Novelle ist die einer entscheidenden
Erlösung. Für die Portugiesin ist die Katze wie ein Kind, dem
sie ihre mütterliche Zärtlichkeit zukommen läßt. Für
den Portugiesen ist sie ein Vorwand, der begehrten Frau körperlich
näher zu kommen. Die größte Bedeutung aber hat sie für
den Herrn von Ketten: er fühlt sich erinnert an seine "halb überwundene
Krankheit" (S.81) und tatsächlich ebnet ihr Leiden und Sterben
den Weg zu seiner völligen Genesung.
Die kleine Katze ist
ein Wunder im christlichen Sinne. Hinweise wie "zweites
Wesen" (S.81) "Ab-Wesen" (id.), "stiller Heiligenschein" (id.;
auch S.82), "leuchtend schwach" (id.), "ihr Martyrium" (S.82),
ihr Abnehmen an "Körperlichkeit" (S.83), ihre Löslösung "vom
Irdischen" (id.) und ihre "Menschwerdung" (id.) erhärten
die These der Christus-Parallele.
Nach diesem Ereignis begegnen
die Ehepartner sich wortlos. In einer "Kuppel
von Stille" (S.84) vereint sie das Bewußtsein, ein bedeutsames
Zeichen erhalten zu haben. Herr von Ketten trifft zum erstenmal seit seiner
Krankheit eine Entscheidung: er will den Portugiesen töten, falls
er bis zum Abend nicht weggeritten sein sollte. Aber was ihm in seinem
vorkrankheitlichen Leben leichtfiel und selbstverständlich war, ist
ihm jetzt fremd: "Diese Musik seines Lebens war ihm mißtönend;
Kampf erschien ihm wie eine sinnlose Bewegung, selbst der Kurze Weg eines
Messers war wie eine unendlich lange Straße, auf der man verdorrt" (S.84).
Anderersits findet er, daß "auch Leiden...nicht seine Art" (id.)
ist. In Erwartung eines "Gottesurteils oder eines nahenden Wunders" (S.84)
beginnt er in einer Art Trance-Zustand die Burgwand zu erklimmen. Als er
sich seines Tuns bewußt wird, vollbringt er aus eigener Anstrengung "das
Unwahrscheinliche", und gesundet daran, wie es ihm von der Wahrsagerin
verkündet worden war. Ausdrücklich steht das Gelingen der Wanderklimmung
im Zusammenhang mit der kleinen Katze: "Nicht er, sondern die kleine
Katze aus dem Jenseits würde diesen Weg wiederkommen, schien ihm" (S.84).
Seine Genesung und die darauffolgende Vereinigung der Gatten vollziehen
sich also unter dem Einfluß des Wunders.
Herr von Ketten
stellt fest, daß der Portugiese weggeritten ist,
und als er das Zimmer seiner Frau betritt, ist es als habe sie auf ihn
gewartet. Alles deutet darauf hin, daß die beiden gegensätzlichen
Bereiche, die er und die Portugiesin verkörpern, sich in einer glücklichen
Synthese zusammenfinden. Der "Vorhang des Brausens", anfänglich
Symbol der Isolierung der von Kettens, umschließt jetzt beide wie
ein Schutz. Die Portugiesin bestätigt in Anlehnung an ein Zitat aus
Novalis Fragmenten Herrn von Kettens Erlösung und das ebenso wunderbare
Zusammenfallen der Gegensätze: "Wenn Gott Mensch werden konnte,
kann er auch Katze werden." (S.86).
Helmut Arntzen in seinem
Musil-Kommentar hat Die Portugiesin "die
geschlossenste, poetologisch sicherlich am meisten befriedigende Erzählung" (S.57-58)
im Rahmen des Novellenkomplexes der Drei Frauen genannt. Das liegt
vielleicht daran, daß sich in dieser Novelle das Zusammenfallen des
ratioiden und nicht-ratioiden Bereiches, wenn auch nur andeutungsweise,
verwirklicht. In Grigia, Tonka, der Amsel und vor allem auch im Mann
ohne Eigenschaften versagen alle Bestrebungen dieses Ideal des "anderen
Zustands" herbeizuführen.
Karl Eibl bemerkt (S.414), daß Musil 1918 in Skizze der Erkenntnis
des Dichters "zwei ihrer Wesenheit nach verschiedene Gebiete" der
Erkenntnis unterscheidet, und die Begriffe ratioid und nicht-ratioid einführt.
Eibl fährt fort: "Obwohl er die 'Scheußlichkeit des Wortversuchs'
zugesteht und ihn noch 1930 als `provisorisch' bezeichnet, kommt er in
Aufzeichnungen und Essays immer wieder auf die Formel zurück. Auch
für den Interpreten kann sie ... als Formel zur Bezeichnung einer
Grundspannung in Musils Denken dienen, die ... Musils ganzes Werk bestimmt." Wo
Nanda Fischer (S.225) die beiden Bereiche umschreibt, fühlen wir uns
sehr an die Gegebenheiten in der Portugiesin erinnert: da ist im
Zusammenhang mit dem Ratioiden von allem von fester, praktischer Orientierung,
alltäglicher
Wirklichkeit, Objektverhalten und Kausalität die Rede: Herr von Ketten
ist ganz offensichtlich auf dieser Ebene anzusiedeln. Das Nicht-Ratioide
dagegen berührt die Portugiesin mit folgenden Beschreibungen: ethisch-ästhetische
Beziehungen, ursprüngliche Sehweise, Subjektverhalten und Sinn für
verdeckte Wirklichkeit.
Nach Alfred Doppler (S.140) verweist "die
Aufteilung des Lebens und der Welt in ein ratioides und nicht-ratioides
Gebiet ... deutlich auf die naturwissenschaftlich-philosophischen Anschauungen
Ernst Machs, mit dessen `Erkenntnishaltung' Musil sich in seiner Dissertation...(Berlin,
1908) eingehend beschäftigt hat".
Von den drei Seiten
(S.442-444), die Egon Friedell Mach in seiner vorzüglichen
Kulturgeschichte der Neuzeit widmet, ist Folgendes von Interesse: "Der
Gegensatz zwischen Welt und Ich, Ding und Empfindung, Physik und Psychologie
ist aufgehoben." Und Eberhard von Büren bemerkt ähnlich,
daß Musil mit der Unterscheidung ratioid/nicht-ratioid nicht die
Existenz zwei getrennter Wirklichkeiten, sondern zwei polare Anschauungsweisen
einer Wirklichkeit vorschlägt. Diese polaren Anschauungsweisen werden
in der Portugiesin deutlichst von der männlich-ratioiden Figur Herrn
von Kettens und der weiblich-nichtratioiden Figur seiner Frau vertreten.
Wie
manche Musil-Kritiker in Ulrich und seiner Zwillingsschwester Agathe
eine Einheit sehen, und Uwe Baur dasselbe für den Erzähler A2
und den Zuhörer A1 in der Amsel-Novelle annimmt, meinen auch
wir, daß Herr von Ketten und die Portugiesin Abstraktionen der ratioiden
und nicht-ratioiden Elemente, wie sie innerhalb eines jeden Individuums
vorhanden sind, darstellen sollen. Die auffallende Typologisierung der
beiden Figuren, die sich schon in Herrn von Kettens Rolle als Vertreter
seines Geschlechts und in der Namenlosigkeit der Portugiesin zeigt, und
die darüber hinaus in der oben erwähnten Antithetik von männlich/weiblich,
usw. ihren Niederschlag findet, scheint uns eine solche Annahme zu bestätigen.
Annie
Reniers-Servranckx (S.179) nimmt darüber hinaus an, daß die
Figur des Jugendfreundes einen Teil Herrn von Kettens verkörpert,
und zwar den galanten, werbenden jungen Mann, der er im Jahr seiner Werbung
war.
Mit Elizabeth Boa sind wir der Meinung, daß die religiöse
Thematik des Wunders nicht unbedingt darauf hinweist, daß die Synthese
der Gegensätze eine religiös-mystische Erfahrung bedeutet. Boa
wendet sich gegen Paul Requadts Auslegung in diesem Sinne (und damit auch
all derer, die ihm darin gefolgt sind, wie z.B. Murray Hall und Werner
Zimmermann) indem sie sagt: "(Requadt) confuses the religious perspective
of the characters with the intellectual perspective of their creator" (S.126).
In der Tat scheint uns nur der mittelalterliche Hintergrund der Portugiesin
die Einführung eines Wunders zu gewährleisten. Ohne ein solches
Wunder erweist sich ja das Zusammenfallen der Gegensätze, wie oben
erwähnt, in anderen Erzähungen als undurchführbare Utopie.
Nach allem hier Ausgeführten scheint es, daß für Musil
eine antithetische Sehweise charakteristischer ist als eine dialektische,
sei es im Sinne Hegels (These, Antithese, Synthese) oder Nietzsches (Sollen,
Wollen, Sein). Denn obwohl in der Portugiesin tatsächlich eine Synthese
erfolgt, wird diese eigentlich nur angedeutet, während die polaren
Unterschiede der Hauptfiguren detailliert herausgearbeitet werden, und
uns daher wesentlicher erscheinen.
Gaby Divay, Archives & Special Collections, University of Manitoba

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Originally prepared for a post-doctoral M.A. degree in German Studies, University
of Manitoba, Winnipeg
How to cite this e-Version:
Divay, Gaby. "Zur Dialektik in Robert Musils Novelle Die Portugiesin." e-Ed. ©2009
http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/psg/MusilPortug09.html Accessed ddmmmyyyy
[ex: 18aug2007]. [browser preview: 10 p.]
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