Der kanadische
Autor Frederick Philip Grove, seit 1912 in Manitoba und
bis dahin Felix Paul Greve, verschwand 1909 mitels eines
fingierten Selbstmordes aus Berlin. Haargenau wie Grove
es 1927 gleich am Anfang seines ersten autobiographischen
Romans A
Search for America darlegt, war er Ende Juli
zweiter Klasse auf einem Dampfer der White Star Line
- das war die nagelneue Megantic -- von
Liverpool nach Montreal ausgewandert [Divay, Dez.
1998, e-publ. 2005]. Seine Frau Else folgte ihm etwa
ein Jahr später nach Amerika.
Es ist unklar, ob Greve
sie eigentlich schnöde verlassen hatte, wie er es ja im Herbst
1911 in Sparta, Kentucky, tatsächlich tun sollte.
In einem rätselhaften Brief an André Gide
vom 22. Juni 1908 sprach er von "einer Lücke",
die bald enstehen werde, & auch von "Scheidung" [siehe
Grove, Letters, 1976]. Es ist wahrscheinlich,
daß er Hals über Kopf aus den unten angegebenen
Gründen ohne sie floh, dann aber seine Meinung änderte
und sie nachkommen ließ. Möglich ist allerdings
auch, daß Else von Anfang an mit seinen Plänen,
in Amerika als "Kartoffel-König" reich
zu werden, vertraut war.
Vielleicht kann man sich die
Sache so erklären: als Greve im Juli verschwand, tappte
sie noch im Dunkeln, aber nach etwa sechs Wochen hatte
er von New York aus Kontakt mit ihr aufgenommen, und
machte sich nun mit oder ohne Anleitung daran, das
nötige Geld für ihre Überfahrt aufzutreiben.
Etwa neun Monate später, im Juni 1910, war es
dann soweit, daß sie ihm von Rotterdam über
New York nach Pittsburgh folgen konnte.
Erst Ende September 1909 schrieb
Else einen unverschämten Brief an den Direktor
des Insel-Verlages. In seiner umgehenden, meisterhaften
Antwort verwahrt sich Anton Kippenberg elegant vor
ihren Anschuldigungen, ER habe Greve in den Selbstmord
getrieben, weil er ihn mit Übersetzungsarbeit überhäuft,
unterbezahlt, und obendrein unfair kritisiert habe
[Grove, Letters, 1976]. Sollte Greve wirklich
den Tod gesucht haben, wovon Kippenberg offensichtlich
nicht überzeugt ist, so hätten ihn wahrscheinlich
sein enormer Schuldenberg und "die Tatsache, daß er
in der jüngsten Zeit dieselbe Arbeit zwei Verlegern
gegeben und sich von beiden hat honorieren lassen" zu
diesem verzweifelten Schritt veranlaßt. Kippenberg
entschuldigt Elses "Ton" mit "der begreiflichen
Erregung, in der Sie sich befinden", und bietet
ihr finanzielle Hilfe an. Ein Mitarbeiter des Verlages,
der kurz danach diverse Manuskripte abholte, darunter
Dickens David Copperfield, fand die trauernde
Witwe in hellem Sommerkostüm und in heiterer Stimmung...
Diese gute Laune kann ihren Grund gut in Elses Wissen
gehabt haben, DASS & WO ihr Gatte zu der Zeit lebte,
denn wie lange kann ihre "begreifliche Erregung" nach
Greves Verschwinden vor gut sechs Wochen schon angehalten
haben?
Es ist anzunehmen, daß Else
auch Greves anderen Verlegern zusetzte, und sich von
ihnen helfen ließ, bis sie endlich reisefähig
war.
Bis vor Kurzem waren die einzig
bekannten Annahmen, daß Else zu Greve nach Pittsburg reiste
[Spettigue, 1992], daß sich das skandalöse
Paar etwa ein Jahr lang auf einer kleinen Farm in Sparta,
Kentucky, aufhielt [Divay, 1993], daß Greve seine
Frau etwa im Spätsommer 1911 endgültig verließ [FrLs
Ab], daß er als Landstreicher erst Ohio-abwärts,
und dann gen Westen reiste, während Else in Cincinnati
Model stand, und sich über Philadelphia nach New
York durchschlug. Sie heiratete dort Baron Leo, das
schwarze Schaf der Freytag-Loringhoven Familie, im
November 1913, Greve/Grove heiratete Catherine Wiens,
seine Lehrer-Kollegin in Winkler, Manitoba, im August
1914. Damit wurden beide zu Bigamisten. Else, 39 Jahre
alt, machte sich zehn Jahre jünger, um mit ihrem
neuen Mann etwa gleichaltrig zu sein, und griff auf
ihren Mädchennamen Ploetz zurück. Grove war
zwar erst fünfunddreißig, gab aber an, er
sei ein vierzigjähriger Witwer aus Moskau.
Ein interessanter, nagelneuer
Fund hat nun folgendes Detail zu Tage gefördert: in
der New York Times vom 17. September 1910 findet man
folgende Notiz unter der Schlagzeile "She Wore
Men's Clothes: On Walking Tour with Husband, Mrs. Greve
Explains -- Police Let Couple Go":
"Pittsburg [sic!],
Mrs. Elsie Greve, recently of New York, but formerly
of Berlin, was arrested in crowded Fifth Avenue
this forenoon while walking by the side of
her husband, F. P. Greve of New York, dressed in
men's clothes and puffing a cigarette. Both Mrs.
Greve and her husband were taken, protesting, to
the central police station and locked up as suspicious
persons. / Both Greve and his wife asserted
that they were subjects of Germany, had done no wrong,
and intended no wrong. If they were not released
speedily, they would appeal to the German Ambassador
at Washington to-morrow morning, they said. Whether
this threat was considered or not is not known,
but this evening it was announced at Police Headquarters
that Mrs. Greve and her husband had been allowed
to leave the police station and go on their
way, and that Supt. of Police McQuaide issued a letter
to the pair setting forth that Mrs. Greve and
her husband were all right and that the woman was
wearing men's clothes only because she could walk
better and keep up with her husband, who was walking
out his vacation."
Das bedeutet, daß Else, die
am 29. Juni 1910 den Immigrationsbeamten in New York
erklärt hatte, sie sei im Begriff ihren "SCHWAGER
T.R. Greve" in Pittsburgh, "4th Ave 57",
zu treffen, sich noch acht Wochen später dort
mit ihrem Mann befand. Das Paar hat sich also nicht,
wie bisher angenommen, so schnell wie möglich
nach Sparta, Kentucky, verzogen. Die kurze Notiz füllt
damit eines der vielen kleinen Löcher in dem luftigen
Gewebe der spärlich belegten amerikanischen
Jahre von 1909 bis 1912.
Greve selbst war übrigens unter
seinem richtigen Namen, also wie in der Zeitungsnotiz
oben, als "F. P. Greve", im 1910 Addressbuch
als "Manager" eines nicht erwähnten
Unternehmens im vierten Stock der Hausnummer 524
in der 4th Ave aufgeführt. Als sein Wohnsitz
war der hügelige Vorort Carrick angegeben.
Vor einigen Jahren konnte ich auch noch herausfinden,
WAS Greve dort zu tun hatte, aber das ist eine
andere Geschichte.
Gaby Divay, Archives & Special
Collections, University of Manitoba

Divay, Gaby. "Felix
Paul Greve/Frederick Philip Grove's Passage to America
: The Discovery of the Author's Arrival in North America
and Its Implications," New Worlds: Discovering and
Constructing the Unknown: Festschrift for Walter Pache, München:
Verlag E. Vögel, 2000, 111-132. [e-publ.
2005]
Divay, Gaby. Introduction to Grove, Frederick Philip. Poems/Gedichte,
Winnipeg: Wolf Verlag, 1993.
Freytag-Loringhoven, Else Baroness von. Autobiography. ts.. 205 p.
University of Maryland, College Park ( FrL's Ab).
Freytag-Loringhoven, Gisi Baronin von. Personal communication, April 2002.
Gisi's discovery that Else & Greve were married in Berlin in 1907 is also acknowledged
in:
Irene Gammel's comprehensive FrL biography, Baroness Elsa: Gender, Dada,
and Everyday Modernity: a Cultural Biography. Cambridge, Mass.: M.I.T.
Press, 2002.
Grove, Frederick Philip. The Letters of Frederick Philip Grove. Ed.,
D. Pacey. Toronto: University of Toronto Press, 1976.
Grove, Frederick Philip. Poems/Gedichte, by F. P. Grove/F. P. Greve
and Fanny Essler. Edited, with an introd. notes and a concordance, by Gaby
Divay. Winnipeg: Wolf Verlag, 1993.
Spettigue, Douglas O. Introduction to Freytag-Loringhoven, Baroness Elsa, Ottawa:
Oberon, 1992.

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