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Gaby Divay's Papers in German
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About FrL's Satirical Poems regarding Ernst Hardt, August Endell, & FPG (ca.1923)*

How to cite this 2005 e-Article

Else von Freytag-Loringhoven & Felix Paul Greve

Abrechnung und Aufarbeitung im Gedicht:
Else Baroness von Freytag-Loringhoven über drei Männer

Ernst Hardt, August Endell, Felix Paul Greve/Grove


Prepared for e-publication
by
Gaby Divay, University of Manitoba Archives

©July 2005


Includes e-Texts of six German Poems by FrL, 'Fanny Essler' & FPG

TABLE OF CONTENTS
1. Else vor 1902. -- 2. Else & F. P. Greve 1903-1909. -- 3. Amerika 1910/11. --
4.
Berlin 1923: Ernst Hardt Satire. -- 5. Endell Satire. --
6.
"Herbst/Schalk": FPG Parodie. --
7.
F. P. Groves Settlers . -- 8. Vergleich: FPG & FrL.

FrL-Gedichte:
Hardt. -- Endell.
Greve & Else's 'Fanny Essler' Poetry Cycle, 1904/5
Greve, i.e., Herbst/Schalk & 'Fanny Essler's Three Sonnets (1904).
"Du" & 'Fanny Essler's 7. Poem, "Und hinter Husum hin..." (1905)
Greve's "Erster Sturm" (1907)

 



    Else Baroness von Freytag-Loringhoven (1874-1927) entwickelte sich während ihres fast zwölfjährigen Amerika-Aufenthaltes (1910-1923) zu einer bekannten Gestalt in New York. Als Modell und Künstlerin verkehrte sie dort bei den einflußreichen Arensbergs, und veröffentlichte seit 1917 in The Little Review und ähnlichen avant-garde Zeitschriften. Bis heute wird sie vor allem wegen ihrer Rolle in der kurzlebigen New York Dada Bewegung in kunsthistorischen Beschreibungen gewürdigt. Wichtige Verbindungen mit berühmten Persönlichkeiten wie Marcel Duchamp, Man Ray, William Carlos Williams, Berenice Abbott, Djuna Barnes und vielen anderen tragen zu ihrer Bedeutung bei. In fast sämtlichen Memoiren dieser Zeit wird sie erwähnt, wobei ausnahmslos ihre exzentrische Aufmachung und Verhaltensweise herausstechen. Heutigen Nachschlagewerken gilt sie gar als Vorläuferin von "body art" und "punk."

     Geboren 1874 im pommerschen Swinemünde, zog Else Ploetz mit achtzehn Jahren nach Berlin, wo sie in mehr oder weniger halbseidenen Theater- und Künstlerkreisen verkehrte. Sie lebte etwa ein Jahr lang mit Melchior Lechter, einem der künstlerischen "Meister" des George-Kreises, der eine neugothische Kunstrichtung vertrat und gerne Nietzsche und Wagner bei Kerzenlicht in Mönchskutte genoß. Dann verband sie eine stürmische, zweijährige Beziehung mit Ernst Hardt, die sich auch in dessen heute fast vergessenem Werk niedergeschlagen hat. Nachdem Else Hardts offizielle Verbindung mit der griechischen Diplomaten-Tochter Polyxena von Hoeßlin gegen Ende 1898 zu Ohren kam, reiste sie wutschnaubend mit Richard Schmitz nach Italien ab. Richard war ein Bruder des Klatschmauls O. A. H. Schmitz, den Else auch kannte, und den Franziska von Reventlow geistreich "Ohaha" nannte. Ihre Beziehung war freunschaftlich-platonisch.

     Mit einer kleinen Erbschaft bedacht, konnte sie sich im Mai 1900 in Dachaus blühender Künstlerkolonie niederlassen und Zeichenunterricht nehmen. Ihr Eintrag zeigt, daß sie ..... In Dachau lernte sie den aufsteigenden Jugendstil-Architekten August Endell kennen, der auch schon als "Meister" im George-Kreis anerkannt war. Mit ihm verkehrte sie bald in Karl Wolfskehls offenem Münchner Haus, bis sie und Endell im August 1901 heirateten und nach Berlin zogen. Endell, der bekannt ist für seine 1898 Fassade des Photoatelies Elvira in München, entwarf nun Wolzogens "Buntes Theater" in der deutschen Hauptstadt.

     Seiner Ehe allerdings war nur Mißerfolg beschieden: Endells Impotenz reizte Else zu tätlichen Wutausbrüchen, die prompt als hysterische Symptome in Dr. Gmelins Sanatorium in Boldixum bei Wyk auf Föhr -- erfolglos -- behandelt wurden. Im Januar 1903 entfloh sie schließlich mit Felix Paul Greve, einem Freund ihres Mannes, nach Palermo. Der doppelt betrogene Endell durfte noch bis Neapel mitreisen, und wurde dort mit einem Trostfahrrad zur körperlichen Ertüchtigung ausgesetzt.

    Elses grosser Leidenschaft in Sizilien wurde ein baldiges Ende bereitet: Greve, im Mai "geschäftlich" nach Bonn abberufen, wurde bei seiner Ankunft mit einem Pfennig in der Tasche verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er hatte seinen Studienfreund Kilian um 10.000 Mark erleichtert, um damit den dandyhaften Lebensstil à la Oscar Wilde (den er fleissig verdeutschte) zu finanzieren, mit dem er Else und andere Zeitgenossen blendete.

     Eine deutlich ernüchterte Else mußte sich bis zu Greves Entlassung im Juni 1904 in Italien alleine durchschlagen. Danach lebte das gediegene Paar in Wollerau (Schweiz) und in Étaple (Nord-Frankreich), bis es sich schließlich Ende 1906 in Berlin niederließ. Aber trotz Greves titanischen Anstrengungen als Übersetzer und Schriftsteller fand er scheinbar weder genug Auskommen noch Anerkennung, und kurz nachdem er seine Swift-Übertragung doppelt verkauft hatte, setzte er sich im Juli 1909 mit einem fingierten Selbstmord nach Amerika ab.

    Else folgte ihm im Juni 1910 nach Pittsburgh, wo sie im September kurzfristig verhaftet wurde, weil sie sich  öffentlich in Greve's Kleidung & zigarettenrauchend promenierte. Irgendwann verzogen Greve & sie sich dann auf eine kleine Farm in Sparta, Kentucky. Dort wurde Else nach knapp einem Jahr von ihm schnöde verlassen. Im nahe gelegenen, überwiegend deutschsprachigen Cincinnati, dann in Philadelphia und schließlich in New York, schlug sie sich notdürftig als Modell durch. Im Dezember 1913 heiratete sie ein schwarzes Schaf der angesehenen Freytag-Loringhoven Familie in Manhattan. Nach Kriegsausbruch im August 1914 war sie wieder dann wieder allein und mittellos, aber immerhin eine "Baroness." Als sie 1923 nach Berlin zurückkehrte, fand sie wenig Gefallen an ihrer alten Heimat, und versuchte mit allen Mitteln, wie viele ihrer amerikanischen Freunde in Paris seßhaft zu werden. Nach dreijähriger Wartezeit gelang ihr das auch, aber hochfliegende Pläne eine eigene Modellschule aufzubauen fielen flach, und trotz einflußreicher Gönner, wie zum Beispiel wie Peggy Guggenheim, hatte sie nur noch mäßigen literarischen und künstlerischen Erfolg. Im Dezember 1927 fand man sie tot in ihrer Wohnung auf.

    Freytag-Loringhoven's Nachlaß an der University of Maryland, College Park, enthält eine ausführliche Autobiographie [1923-26], die im Klartext Greves Romane über Elses Leben (1905 & 1907) widerspiegelt. In zahlreichen Gedichts- und Briefentwürfen an alte Freunde und Liebhaber wird Greve am häufigsten bedacht, aber Ernst Hardt, Richard Schmitz, Marcus Behmer, und natürlich August Endell fehlen auch nicht.

    Hier sollen nun zwei längere, satirische Gedichte über Hardt & Endell und das kürzere Gedicht "Herbst", in dem sie sich weniger lustig mit Greve auseinandersetzt, zum erstenmal veröffentlicht und biographisch beleuchtet werden. Ihre bittere Abrechnung mit ihm ist eine virtuose Parodie auf seine Gedichte. Abschließend sollen einige Bemerkungen zu Elses und Greves diametral entgegengesetzter Ästhetik gemacht werden.


Else von Freytag-Loringhoven über Ernst Hardt
(Freytag-Loringhoven Collection, University of Maryland, College Park, Box 4, Fd. 10)
deutsch-englische / German-English Version:
http://www.umanitoba.ca/libraries/units/archives/collections/fpg/frl/txt_hardt.html

I.
Es hat mal einen Ernst gegeben
Der war für mich das Salz zum Leben.
Doch eines Tages krass und jäh
Verließ er mich und ging zur See.
II.
Nicht daß er etwa als Matrose
Die Welt durchflog, die grenzenlose.
O Gott -- ich sage, die Idee!
Er ging als Passagier zur See.
III.
Er ging direkt bis nach Athen,
Um seine Hochzeit zu begehn.
Das Mädchen, das dazu erkoren,
War nämlich in Athen geboren.
IV.
Ihr Temperament kam nie ins sieden.
So sehr war sie von mir verschieden.
Auch hatte sie, in Ernst vernarrt,
Auf Ernsten wartend ausgeharrt
V.
Der sieben Jahre ohne Zucken,
Auch ohne frech sich umzukucken
Nach andern, um damit zu flirten,
Und drum, um dieser unerhörten
VI.
Schätze von Tugend allerhand,
Zog Ernst zur See nach Griechenland.
Ich ging mit Richard in die Schweiz,
Die hat doch immer ihren Reiz.
VII.
Und Richard hatte Sympathie
Mit meinem Leid, und zeigte sie.
Auch hatte er das Geld bereit
Zum Trost in einer solchen Zeit.
VIII.
Am bläulichen Lugano See
Tat mir die Sehnsucht ernstlich weh.
Im Flieder sang die Nachtigall,
Da war es aus und war es all.
IX.
Ich legte mich auf kalte Fliesen
Und schrie nach Ernst und wünschte diesen.
Und als ich so nach Ernsten schrie,
Kam Richard mit der Sympathie
X.
Und mit dem Geld, der liebe Bengel,
Er war ein absoluter Engel.
Er war mir Stütze, Stab, und Ruder,
Er war so gut als wie ein Bruder.
XI.
Ein Glück, daß ich den Richard hatte!
Er war so gut als wie ein Gatte.
Mit diesem Gelde reist' ich Meilen
Und Meilen -- Ernsten zu ereilen,
XII.
Der noch in Dresden was besorgte.
Ich glaube, daß er sich was borgte.
Er konnte nämlich gar nicht sparen.
Er konnte nur in Droschken fahren,
XIII.
Um sich nicht seelisch zu besudeln
Und dichterisch zu übersprudeln.
Er war erst grade ausgewachsen,
Und er bekam dies Geld aus Sachsen.
XIV.
Doch nein, ich irre mich, aus Mainz.
Ernst hatte Geld so gut wie keins.
Sogar das Geld die Braut zu frein
War er genötigt, sich zu leihn.
XV.
Der Richard war sein Freund gewesen,
Er hatte auch sein Stück gelesen:
"Der Zank ums Zuckersüß" genannt,
Und weil er nichts davon verstand,
XVI.
Ich meine Richard, Ernst -- na, ja,
Doch das ist weder hier noch da.
Ich kritisiere hier kein Stück,
Ich klage um zerflognes Glück,

XVII.
Und überhaupt, das ganze Dichten
Hilft nicht den Lebensknoten schlichten.
Es ist nur, daß der Dichter klag'
Um etwas, daß er nicht mehr mag.
XVIII.
Ich sage es ganz ohne Zieren,
Ihr könntet mir den Ernst servieren
Mit Lorbeerkränzen und mit Bitten,
Umsonst -- ihr hättet euch geschnitten,
XIX.
Ihr hättet euch gemein verhauen,
Ich kann sein Dichten nicht verdauen.
Ich mache euch hier keine Flusen,
Ich kann sein Dichten nicht verknusen.
XX.
Doch damals, laßt es mich bekennen,
Ob mir vor Scham die Backen brennen,
Hätt' er gedichtet wie die Tante,
Wie heißt sie doch, na, die bekannte
XXI.
Ihr habt sie alle ja gelesen, die Natalie,
Hätt' er gedichtet so wie die,
Oder gechattert wie Karl May
Es war mir gänzlich einerlei,
XXII.
Es war für mich gar keine Chose,
Es war mir Jacke so wie Hose.
Es kam mir gar nicht in die Kiepe,
Es war mir schnurz, es war mir piepe.
XXIII.
Und lautete es monscheinharfen-prächtig,
Es war mir höchstens sehr verdächtig.
Was ging mich das Gesäusel an,
Er war der heiße Sonnenmann.
XXIV.
Sah er mich an mit Strahlenaugen,
Mußt' ich an seinen Lippen saugen.
Wie Trunkenbolde an 'nem Bittern.
Wir faßten uns, um loszuzittern.
XXV.
Ich war kein Mensch, ich war ein Schlauch,
Fest drängt' ich mich an seinen Bauch.
Schluchzjauchzend wie es Dichterbrauch
Tat er es schießlich, endlich, auch.
XXVI.
Dies war des Weltbaus Zweck und Sinn,
Und deshalb ging ich immer hin,
Und deshalb kam er zag und zier
Voll Sinnenlust auch hin zu mir.
XXVII.
Nach Keuschheit doch so [sehr] verlangte,
Weil es ihn um sein Dichten bangte.
Drum muß ich heut' mich noch beschweren:
Die in Athen konnt' ihn entbehren.
XXVIII.
Wer sieben Jahre warten kann,
Braucht überhaupt doch keinen Mann,
Der sieben Jahre langes Warten
Läßt Liebe zum Fantom entarten.
XXIX.
Sie konnte pudelselig sein
Mit dem Fantom, der Ernst war mein.
Ich hatte ihn mir glatt erworben,
Ich wäre süß für ihn gestorben.
XXX.
Ich hätt' das Leben ihm gegeben,
Viel besser als Polly in Theben.
Ach nein, Athen; doch im Exzesse
Hieb er mir einstmals in die Fresse,
XXXI.
Aus Dichtergram und Hysterei,
Verlangend nach der Polizei.
Drum ging ich mit dem Richard reisen,
Und überließ ihn seinen Preisen
XXXII.
Und seiner Braut aus Mondenschein
.......................................pottallein.

     Elses Verbindung mit Ernst Hardt war, wie man sieht, leidenschaftlich und krisenreich. Reflektiert wird sie früh in Greves Roman-à-clef über Elses Erfahrungen im George-Kreis im Berlin der 1890iger Jahre (Fanny Essler, 1905). Auch in Hardts neuromantischem Drama Der Kampf ums Rosenrote (1903; in Str. XV "Der Zank ums Zuckersüße") und dem Kurtisanen-Drama Ninon von Lenclos (1905) wird Else thematisiert.

    Im Roman findet Fanny einen Brief von der sorgfältig verschwiegenen Braut, und es kommt zum heftigen Streit mit dem doppelzüngigen Geliebten. Auch die wutschnaubende Abreise mit Richard Schmitz wird wahrheitsgetreu beschrieben. In Hardts Darstellung im "Kampf" -- wie schon sein Erstling, Tote Zeit, eine wenig gelungene Ibsen-Imitation -- steht er in dem zeittypischen Konflikt zwischen der reinen und der sinnlichen Frau (siehe auch Str.III-VI&XXVI-XXX). Nach dem polaren Madonnen- / Huren Muster war Else/Käthe natürlich nicht salon- und noch weniger heiratsfähig. Das ganze Stück ist eine weinerliche Selbstrechtfertigung des Helden Ernst Hardt und seines zwar weitverbreiteten, aber darum nicht weniger zweifelhaften Doppelstandards.

     Elses ästhetisches Urteil ist hier, wie so oft, von erstaunlicher Sicherheit, und das zu einer Zeit, wo der herrschende Geschmack noch weitgehend blind für die sentimentalen Übertreibungen der Jahrhundertwende war: ihr undatiertes Manuskript dürfte wie ihre Memoiren aus der Berliner Zeit stammen (1923-26). Heute ist Hardts "mondscheinharfen-prächtig[es] Gesäusel" (XXIII) noch weniger zu "verdauen" und "verknusen" (XIX) als  es nach ihrem Empfinden damals war, und ohne biographisches Interesse wäre die Lektüre des Dramas unerträglich gewesen. Für Else stand eindeutig die Liebesbeziehung an erster Stelle, was sie ungeschminkt in den Strophen XXIV-XXVI ausdrückt. Und gerade deshalb ist ihr die verlogene Zweiteilung in "Pollys" abstrakte Tugend (XXVII) und ihre reale Leidenschaft (XXIX) unbegreiflich. Hardts konventionelle Entscheidung gegen Else wird damit auf der Ebene einer zeit- und kontextlosen, also universellen, Moral als Verbrechen entlarvt.

     Man kann nicht sagen, daß Else sich jemals viel um zeitgenössische Konventionen geschert hätte. Viele ihrer männlichen Zeitgenossen haben sie schlicht als Prostituierte klassifiziert. Diese Abstempelung teilt sie mit anderen freidenkenden und konsequent freilebenden Frauen ihrer Generation, wie zum Beispiel Franziska (Fanny) von Reventlow. Dieser Münchner Kultfigur aus Husum kam allerdings der Vorteil ihres adligen Titels zugute, den Else erst ab 1913 in Amerika ausspielen konnte. Es besteht kein Zweifel, daß die Einstellung beider Frauen zu Liebesangelegenheiten identisch war, und der Fanny Essler Roman von 1905 weist klare, intertextuelle Bezüge zu Reventlows fiktiver Lebensbeschreibung Ellen Olestjerne (1903) auf. Beide verteidigen ihr für damalige Begriffe skandalöses Verhalten mit der höheren Gewalt der Gefühle; beide verweisen mit Recht auf den gewaltigen Unterschied zwischen ihren Beziehungen und der käuflichen Liebe; und beiden ist oft gesagt worden, daß sie als "Kurtisanen" reich werden könnten, anstatt ärmlich ihr Leben zu fristen. Direkte Verbindungen sind nicht belegt, aber die Reventlow verkehrte in denselben Kreisen wie Else & Endell, und Greve hat nachweislich mit ihr getanzt, wie in Th. Th. Heines Lebenserinnerungen belegt ist.

     Eine neue und ambivalente Note in Elses Fragment betrifft die Tätlichkeiten, die in den Strophen XXX & XXXI zum Ausdruck kommen: weder in Hardts literarischer Verarbeitung noch in Elses Autobiographie wird erwähnt, daß Ernst "[ihr] eine in die Fresse hieb"; und seltsamerweise verlangte ER "nach der Polizei." Von allem, was man von Elses notorischem Temperament heute weiß, ist es mehr als wahrscheinlich, daß SIE dem ungetreuen Geliebten "im Exzesse" so verhaute, daß er die staatliche Autorität bemühen wollte. Der interessante Widerspruch in diesen Versen muß zu ihren Ungunsten gelöst werden: nicht nur hat sie den armen Endell an den dünnen Haaren gezogen & mit Pantoffeln nach ihm geschmissen, auch William Carlos Williams wurde von ihr terrorisiert, und der Kunstsammler Biddle berichtet von einem tätlichen Ausfall gegen Jerome Blum im renommierten New Yorker Brevoort Hotel. Auch andere New York Künstler trauten sich kaum noch aus dem Haus, wenn Else einseitig ein Auge auf sie geworfen hatte. Noch vier Monate vor ihrem Tod stritt sie ab, Marcel Duchamp mißhandelt zu haben: "I neither knifed Marcel Duchamp, nor smashed his pictures..." (an Peggy Guggenheim). Man muß also Elses Berichte von angeblich erlittenen Mißhandlungen mit Vorsicht genießen, vor allem, wenn ihre Darstellungen text-intern unstimmig sind. Im Zusammenhang mit Jerome Blum, dem sie Modell gestanden hat, erlaubt Else sich eine ihrer unangenehm krassen, antisemitischen Bemerkungen. Auch Wolfskehl wird in der Erinnerung an eine mißlungene Liebesnacht um 1895/6 wegen seiner jüdischen Herkunft bösartig abwertet.

     Hardts Ehe mit der Diplomatentochter Pollyxena von Hoesslin, am 11.11.1899 in Athen geschlossen, wurde nach beachtlicher Dauer schließlich 1930 geschieden, und zwar ironischerweise wieder nach siebenjähriger Wartezeit (die Trennung erfolgte 1923; Hardt, Briefe, 7). Eigenartigerweise erwähnt Else in ihrer Korrespondenz mit Djuna Barnes, daß sie ihm gleich nach ihrer Ankunft in Berlin 1923 geschrieben hat, und die Aussicht, im Oktober desselben Jahres in Weimar (als Statistin oder Künstlermodell?) Arbeit zu finden, dürfte sie seinem Einfluß verdankt haben -- er war bis Mitte 1924 Leiter des dortigen Theaters.  Möglicherweise haben ihre Briefe und vor allem das obige Gedicht eine ernsthafte Ehekrise ausgelöst.


Else von Freytag-Loringhoven über August Endell
"Puckellonders sonderbare Geschichte"

(Freytag-Loringhoven Collection, University of Maryland, College Park, Box 4, Fd. 2)
deutsch-engl Version:
http://www.umanitoba.ca/libraries/units/archives/collections/fpg/frl/txt_endell.html

I.
Herr August Puckellonder war
ein Architect höchst sonderbar.
Nicht daß ich meine die Figur -
Dinge persönlicher Natur -
hier zu erwähnen - oder so -
das fände ich gemein und roh.
II.
Wer ihn zu sehn begierig ist,
der gehe, was nicht schwierig ist,
in sein Büro, vielleicht um eins,
bestell ein Schloß, vielleicht auch keins,
vielleicht erst mal ein Himmelbett
ein'n Stiefelknecht, ein Bücherbrett,
Herrn Puckellonders Kunstgenie
erschafft auch das, wie sonsten nie.
III.
Wem sein gesamtes Mobiliar
nicht so wie seine Seele war:
Wer sich mit seinem Bett gezankt,
wer sich für sein Büffet bedankt,
vor grünem Plüsch erzittert bass,
vor rotem tief verbittert, daß
bei Perlen oder Kreuzstich
er albbedrückt brüllt nächtiglich -
kurz, diesen ist der Mann ein Gott,
den Kreuzstichgläubigen ein Spott.
IV.
Doch was ich hier berichten will,
und was ich hier bedichten will,
ist, wie der hochberühmte Mann,
der mehr als Van de Velde kann:
der es fein tiftelig versteht
daß er [ein] seelisches Porträt
von einem Urinator späht --
wie dieser Geist im zagen Leib
sich blindlings tastete zum Weib.
V.
Es gibt in Bayern eine Stadt,
die Kunst und Bier wie keine hat.
In diese kam als junger Mann
Herr August Puckellonder an.
Er wohnte dicht am grünen Park
besitzend vierzigtausend Mark.
Er hatte diese nicht erworben,
sein guter Vater war gestorben.
VI.
Herr August Puckellonder war
damals bereits schon sonderbar:
der dunkle Trieb erregte ihn
im Dämmern durch die Stadt zu ziehn.
Held Eros spornt ihn vorn im Trab,
St. Anton zupft von hinten ab;
die Hose bauscht in Zuversicht,
der Schoßrock hinten hängt so schlicht -
so kehrt er in sein Atelier
zum Abendtee, stets tête sans têt.
VII.
Doch endlich trifft ihn eine Maid
in einem keusch gestärkten Kleid,
die wußte gleich mit ihm Bescheid.
Sie war nicht schön, sie war nicht jung,
(es war ja in der Dämmerung).
Die klagte ihm, ihr trautes Heim
sei wie ihr Herz aus Rand und Leim.
VIII.
Herr August Puckellonders dunkler Trieb
verkehrt sich prompt in Menschenlieb.
Die Mutter war ihr sterbenskrank,
Papa war flüchtig, Gott seidank!
Der Onkel, der dem Vater glich,
erwartete Verhaftung sich -
Denn er ernährte die Familie,
die kranke Mutter und Ottilie.
Ottilie ging nicht auf "talon."
Nein! Lieber sprang sie vom Balkon!
Herr Puckellonder half da aus
mit an die kühlen dreissigtaus.
IX.
Jetzt aber ward es sternenklar:
Ottilie war auch sonderbar:
Nachtnächtig fuhr sie viel spaziern
mit Civilisten und Offiziern -
ihr Kleid war nicht mehr keusch gestärkt
(selbst Puckellonder hat's bemerkt).
Der wollte grade jetzt beginn'n,
die auffinanzte Maid zu minn'n --
das Künstlerhochgefühl - au Backe!
stand kerzensteif zur Frontattacke!
Da half kein Zier'n, half kein Genier'n,
und fand sich nichts zu attackier'n!
X.
Grad pürschend wollend in die Bresche
verflüchtigt sich die neckisch-fesche
Ottilie, finanziell gestärkt --
(selbst Puckellonder hat's bemerkt).
Nun fing er an zu überlegen
wieso - warum - weshalb - weswegen?
zu speculirn
zu sontisiern
zu simulirn
zu fintisirn
ein problematscher Akt der Seele
wie der, war ohne Parallele!
Er exclusiv war so bescheert --
das war die dreissigtausend wert.
XI.
Mit zugespitzter Spürernäse
schwingt er sich auf die Seelenchäse:
"Warum bin ich kein Hasser nicht?
Warum bin ich kein Prasser nicht?
Warum ist es mir nicht gegeben
Warum lass' ich Ottilen nicht
verhaften von dem Amtsgericht?
Doch findet dieser Akt mir die
verwickelte Maschinerie
der Seele, die's geschehen ließ?
War sie berechnenden Genies?
War's meine Eselei, war die's?
XII.
Ist sie zu tadeln, ist sie blind?
bin ich tollkühn, wie Männer sind?
Das Weib ist fleischlicher Natur,
die Seele reizt es keine Spur!
Hat nicht das Mädchen gründlich recht?
Sie ist anbetungswürdig echt!
Ottilie du! Weib primitiv, nicht schlecht!
In Schönheit lächle ich Verzicht,
Du liebtest, kanntest mich ja nicht!
Hätt'st du gewartet, glaubend an den Glanz --
Pah! du bist die Betrogne, ganz!"
spricht tiefe, tiefe Obsevanz.
XIII.
Nach dieser Lustbarkeitsselbststeuer
(Psychologie in Praxis teuer)
ward er noch schüchterner, noch scheuer!
Doch kommt's auch hier, vom ersten Kuß
zum unoriginellen Schluß.
Wer zweifelnd spottet wird sich irr'n,
beweisend Mangel an Gehirn:
Er küßte mich ekstatisch auf die Stirn!
XIV.
Dies gab mir Rätsel über Rätsel --
(ich war ja noch so'n kleines Mädsel!)
Eins aber wurde sonnenklar,
daß dieser Kuß fachmännisch war,
er war verblüffend sonderbar!
Ein roter Schimmer wurde wach,
Herr Puckellonder hält in Schach
ein Temprament, hinreißend, jach --
das mich, Gott ja, na also, ach!
Dies aber war, na wissen Sie,
ein Popanz reger Phantasie.
Ein Temprament von meiner Art
geht trällernd auf die Himmelfahrt.
Er war von löblicher Familie,
sein Geld besaß meistens Ottilie,
der Rest, infolge Zähigkeit
nächster Verwandten Sterblichkeit
war nicht vollendet erbbereit.
Dies diente uns zum krassem Frommen,
sonst hätt' Ottilie es geklommen
XV.
Hier muß ich streng mich selbst beschwichten,
zuchtvoll verzichten auf's Berichten,
dies darf ich nun nicht weiterdichten.
Die Discretion erfordert Pflichten
von Bräuten, Frauen, Tanten, Nichten
der besseren Gesellschaftsschichten.
Erläuternd eh'liches Charmir'n,
den zagen Gatten zu blamir'n
mußt ich mich legitim genir'n.
Es ist nicht einwandfreier Styl,
besudelnd alles Zartgefühl --
man weiß zu viel, man harrt so schwül
auf dem Pfühl
-- ornamental --
des Himmelbetts auf den Gemahl:
"Wo bleibt der Glanz ---?"
schreit bittertiefe Observanz,
hohnwütig, kritisierend-kühl,
laut-raus --
Graus.
Vor solchem Scheußlichkeitsscandal
verfärb ich mich aschgreulich fahl.
Bis hier, dies merkt der Denker jeder,
floß es mir harmlos aus der Feder,
munter, ein episches Gezeder.
XVI.
So viel merkt doch ein jeder Narr:
auf meine Art bin ich und war
auch sonderbar --
sonst wären wir kein Ehepaar
geworden -wesen, in dem Jahr,
Jahr-zeit Liebe. War das einmal wahr?
Son-der-bar.

     Else hätte schon in Dachau guten Grund gehabt, an Endells Männlichkeit zu zweifeln: der höchste Ausdruck der Gefühle war ein keuscher Kuß auf die Stirn (XIII). Trotzdem entschloß sie sich zur Ehe mit dem hochbegabten und sensiblen Mann. Aus ihren Memoiren geht deutlich hervor, daß sie Endell aufrichtig schätzte, und fest an eine erfolgreiche Verbindung mit ihm glaubte. Wie das Gedicht darlegt, hatte Endell wie Else gerade eine unglückliche, wenn auch ganz anders gelagerte Erfahrung hinter sich, und die Ebene gemeinsamer Entäuschung war sicher kein geringer Grund für die seltsame Beziehung. Außerdem wollte Endell bestimmt auch das so unbürgerliche, "gefallene Mädchen" wieder der ehrbaren Gesellschaft zuführen, wie ja auch die Geldsorgen der nur scheinbar anständigen Ottilie Retterinstinkte in ihm erweckt hatten (VIII). Er scheint von dem Erfolg seiner Reformabsichten überzeugt gewesen zu sein: O.A.H. Schmitz berichtet er stolz, daß Else ihm schon fleißig zur Hand ginge, und daß man sie nur vom Fasching, Rauchen, und der Gräfin Reventlow fernhalten müsse... (DLA, Marbach). Der Wolfskehl-Kreis war entsetzt, als die Beziehung zu Else legalisiert wurde. Der Psychologe und Liebhaber Franziska von Reventlows, Ludwig Klages, der Endell in seiner Seelenforschung beigestanden haben könnte (XI&XII), nannte Else im Rückblick "eine Berliner Buhlerin, die in Intelligenzkreisen durch viele Hände gegangen war." Und leider sollten alle Münchner Zweifler recht bald ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt sehen.

     Endell, als Architekt besonders für die beschwingte Jugendstilfassade des Münchner Photoateliers Elvira bekannt, war auch ein prominenter Vertreter der modernen angewandten Kunst (siehe II&III). Für Elses Mitarbeit hat sich bis heute kein Nachweis gefunden. Sie selbst erwähnt Buchumschläge aus weißer Seide, die in Endells Repertoire eingegangen sein könnten, und auch bei seinen Kleider- und Monogrammentwürfen hat sie vielleicht mitgewirkt. Es ist bezeichnend, daß ihr Beitrag auch hier unterschlagen wird: sie hat ihre eigene Begabung erst notgedrungen anerkannt, als mit zunehmendem Alter ihre Liebesabenteuer seltener und weniger erfolgreich wurden. Und selbst dann haben andere das Lob für ihre Einfälle geerntet: Morton Schamberg wurde noch bis vor kurzem ihre eindrucksstarke Skulptur "God" zugeschrieben (etwa 1917, Arensberg Collection, Philadelphia Museum of Art).

     Die Bett-Probleme im Berliner Haushalt gipfelten zu Weihnachten 1902 im Ehebruch mit Greve. Die Rehabilitations-Pläne, das Ehe-Experiment, und die Kur auf Föhr waren sämtlichst fehlgeschlagen:

"...my husband sent me to a sanatorium...to be away from him and to have, by the way, for his impotence, my womb massaged, so that he should not look the only guilty one" (Ab 28). ... "the man -- who was to be my first potent mate [with whom I also remained together the longest time I ever was with one man, about ten years] -- was in Berlin, keeping my husband company -- I dreaming about him, but also about my husband whom I did not desire to abandon, not even for this miracle of a youth -- if it was only possible, and he came up to my expectations after my wombsqueeze excursion. But he did not, and the matter ended with hair-pulling and slipper-hurling on my part" (Ab 30).

     Als Greve dann ab Juni 1903 wegen Betruges im Bonner Gefängnis saß, versuchte Endell vergeblich in Palermo, Else zurückzugewinnen. Die Ehe wurde zwar ein Jahr später annuliert oder sogar geschieden, aber rechtliche Schwierigkeiten müssen weiterhin bestanden zu haben: Endell konnte sich nach fünfjähriger Verlobungszeit erst 1909 wieder vermählen. Else und Greve haben erst im August 1907 heiraten können, obwohl sie sich schon früh munter als Ehepaar präsentierten. Mit ihren respektiven Ehen später in New York und in Manitoba wurden beide übrigens zu Bigamisten. Wie viele ihrer Bekannten, wird Else dann 1923 ganz bestimmt auch Endell nicht mit teils flehenden, teils unverschämten Bettel- und Forderungsbriefen verschont haben.

    Ein undatierter Entwurf an "Tse" befindet sich in ihrem Maryland Nachlaß (Box 2, Correpondence, Unidentified German). Selbst ohne Vorwissen, daß Else und Endell sich gegenseitig "Tse" und "Ti" zu nennen pflegten (chinesisch für "Meister" und "Herrin," Ab. 38), kann man aus diesem eigenartigen Dokument klar ersehen, daß es an Endell gerichtet ist, und zwar im Winter 1923/24, als sie Zeitungen auf dem Kurfürstendamm verkaufen mußte. In einer für sie typischen Mischung von Flehen und kaum verhüllter Drohung beruft sie sich ungeniert auf ihre kurzen, ehelichen Beziehungen von 1901/2, vor mehr als zwanzig Jahren. Fast klingt es so, als ob sie sich gerade vor Kurzem und in Bestem Einvernehmen getrennt hätten, statt vor langer Zeit und unter höchst fragwürdigen Umständen. Selbst Endells vormalige Bewunderung für Felix Paul Greves Eleganz wird beschworen, in totaler Verachtung der großen Wahrscheinlichkeit, daß der damals doppelt betrogene Endell sein Urteil nach Weihnachten 1902 gründlich und permanent geändert haben wird. Daß Endell als Direktor der Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe eine hohe, öffentliche Position innehatte -- er war 1918 noch vom Kaiser dorthin berufen worden (Reichel, 88) -- war ihr nicht unbekannt. Und sie scheint wild entschlossen gewesen zu sein, mit allen Mitteln aus dieser Stellung Vorteil zu ziehen.

     Ob sie nun gerade diesen Briefentwurf verschickt hat, oder ob ein leicht oder stark überarbeitetes Dokument an Endell abging ist unbekannt. Dagegen ist anzunehmen, DASS sie ihn mit einem ähnlichen Schreiben belästigt hat. Weiterhin besteht die Möglichkeit, daß sie sich auch direkt an Endells zweite Frau Anna Meyn gewandt hat: dieselbe Mappe mit dem "Tse"-Entwurf enthält auch ein Fragment an die Frau eines früheren Liebhabers (auf Briefpapier der Galerie & Zeitschrift Sturm). Auf der Rückseite befindet sich ein Brief an Richard Schmitz und das ihm gewidmete Gedicht "Jorkan." Beide legen einen Erpressungsversuch an diese Adresse nahe. Die Lebensgefährtinnen Hardts und Endells sind aber keineswegs ausgeschlossen. Jedenfalls mutet es seltsam an, wenn man in Reichels Endell-Biographie folgendes liest:

 "Ab 1923 verschlechterte sich der Gesundheitszustand Endells rapide. Im Herbst 1924 erlitt er auf der Rückfahrt von einem Ferienaufenthalt in Bayern einen Herzanfall und kehrte nicht mehr nach Breslau zurück... (Reichel,98).

     Er starb in Berlin am 15.4.1925, drei Tage nach seinem 54. Geburtstag. Sein frühzeitiges Ende könnte mit Elses Einbruch in sein privates und vielleicht auch öffentliches Leben indirekt oder sogar direkt in Verbindung stehen. Dieser erweiterte Kontext läßt das scheinbar leichte, lustige Gedicht über Endell in einem neuen und weniger hellen Licht erscheinen. Als rein private, therapeutische Aufarbeitung der Vergangenheit hätte es Else als jemanden ausgezeichnet, der auch über sich selbst lachen kann. Die Tatsache aber, daß sie ihr "Spottgedicht" in dem Briefentwurf als zusätzliches Druckmittel einsetzt (auf der ersten Seite wird gleich der keusche Stirn-Kuß erwähnt), nimmt der Satire den harmlosen Anstrich und macht sie, wie schon das Hardt-Gegenstück, zu einer scharfen und nicht ungefährlichen Waffe.


Else von Freytag-Loringhoven über FPG
[um 1922, New York; auf Hotel Brevoort Papier]
Herbst
(Freytag-Loringhoven Collection, University of Maryland, College Park, Box 4, Fd. 1)
deutsch-engl. 'Fanny Essler' Gedichte:

Der Herbst, im grün und bronzenen Metall,
Sitzt an dem flachen Fluss, beim Wasserfall.
=Hinweis auf Greves 1907 Gedicht "Erster Sturm" (1907)

Die Bäume brausen girr, der Wind schwirrt lau
Sein Haar gleisst Flitter Gold, sein Aug glitzt blau.

Sein Mund so rot wie Blut blickt streng wie Wein,
Im Knie gebogen steht sein rechtes Bein.

Um enge Schenkel, alabastertot
Wirft sich der Mantelschwall, verbeenenrot.

Weiss, seine grosse, weite Mörderhand
Streift glänzend um das kniegestützt Gewand.

Geschnitten in geglättetes Gestein,
Erglimmt sein Antlitz, hehr wie das des Kain.

Auf seiner Hochstirn brauner Haselnuss
Karfunkelsteine zucken mit dem Fluss --

Er sitzt, ein roter Specht lacht wie ein Narr,
Sein Aug ist blau, sein Sonnenherz ist starr.

Um seine Scharlachlippen biegt der Gram
Des, der zu schlagen tief, zu töten, kam --

Auf seinem Scharlachmantel liegt die Hand
Die morgen dir zermorscht Getier und Land.

Die, jach, auch dich versehrt, du Mensch - o Wurm,
Es ist der Trüger Herbst - der Tod - der Sturm!
=Hinweis auf Greves 1907 Gedicht "Erster Sturm" UND 'Fanny Esslers' 3. Sonett (1904, Mund)

Es ist Vernichtung, heulende, in Wut,
Die dir das Blut verdirbt - verdünnt das Blut.

Es ist die Kälte, es ist alles Weh,
Siehst du das Rot? Es ist der Schalkknecht - geh!

Glüht er auch wie ein Vogel, leuchtend schön
Es ist Verwesung, wo sie tritt - Gestöhn.


Greve's "Erster Sturm" (Die Schaubühne, 1907)

Faksimile der drei FE Sonette, Oct. 1904: Hand, Auge, Mund
2nd, 3rd, &1st FE Sonnets, Oct.1904

II. Ein breites, schweres und gewölbtes Lid --
Die Haut verrät des Blutes rote Gänge --
Und wunde Blässe an den Rändern zieht
Um gelbe Wimpern dünne Seidenhänge:
 
Ein Auge, daß die Müdigkeiten mied,
Das noch vom frechsten Denken Tat erzwänge,
Das hell und unberührt die Dinge sieht
Unter des Lides purpurblasser Länge --
 ...

III. Sein Mund der feinen und geschwungenen Züge
Wechselt im Spiel von Scherz und Energie --
Die schmale Oberlippe ist, als trüge
Sie herbe Klugheit, leichte Fantasie:

Die untere schweift ein volleres Gefüge
Dem schwere Sinnlichkeit das Zeichen lieh:
Und beide sind der Thron der großen Lüge:
Auf scharlachrotem Kissen lagert sie
 ...

I. Aus schmaler Wurzel festgefügtem Bau
Wächst schlank und groß die weiße Hand hervor-
So schimmern weiß die Hände einer Frau --
Ein Netz von Adern hebt die Haut empor:
 
Darinnen leuchtet kalt ein blasses Blau
Wie Wasser, das in kleinen Flüssen fror --
Die Regung jedes Fingers zeigt genau
Der Rückenknochen dreigezweigtes Rohr:
 
...

     "Herbst" ist eine frühere Variante von Freytag-Loringhovens ebenfalls zwei Seiten langem Gedicht "Schalk," das am oberen Rand den wertvollen Hinweis "Sparta, Kentucky, am Eagle Creek" liefert, und unten ausdrücklich angibt: "Der Herbst ist -- als Bild -- ein Porträt Felix Paul Greves."     Mit diesem wenig schmeichelhaften "Porträt" wird Greves endgültiges Verschwinden aus Elses Leben in Sparta, Kentucky, literarisch glänzend verarbeitet. Als Ausgangspunkt und Grundlage für ihre gründliche Abrechnung zieht Else "Ein Porträt: drei Sonette" von 1904/5 heran (siehe rechte Spalte): schon damals war von seinen wenig einnehmenden kalten Augen, den brutalen Händen und dem Lügen-Mund die Rede. Nun, zwanzig Jahre später, stellt sie noch eine ganze Reihe von weiteren, Eigenschaften, wie seine alabastertoten Schenkel (Str. 4), sein steinernes Antlitz (Str. 6), und sein starres Herz (Str. 8) dar, die alle seine Kälte unterstreichen.     Außerdem integriert sie meisterhaft Elemente aus Greves Lieblingsgedicht "Erster Sturm" von 1907. Das es ihm offensichtlich besonders am Herzen lag, kann man schon daraus ersehen, daß er es als Grove in Kanada auch in den zwanziger Jahren in fast identischer Form niederschrieb, und es außerdem kunstgerecht in ein realistisches, kanadisches Wintergedicht übersetzte (Grove Collections, University of Manitoba).    Im neuromantischen Original wütet ein allegorischer Herbststurm durch die Lande. Aber anstatt wie Greve Nietzsches Verherrlichung individueller Selbstverwirklichung "jenseits von Gut und Böse" zu huldigen, verlagert Else den Schwerpunkt eindeutig auf den zerstörerischen Aspekt der außer-moralischen "Naturgewalt", die für niemand anderen als Greve selbst steht. Obwohl ihr "Herbst"-Gedicht alles andere als satirisch leicht und lustig ist, erweist es sich durch den doppelten Bezug auf die früheren Gedichte als eine ausgesprochen gelungene Parodie.     Der unter Elses und Greves gemeinsamem Pseudonym 'Fanny Essler' erschienene Gedichts-Zyklus von 1904/5 und Else's Variante von "Herbst", das Gedicht "Schalk", sind schon veröffentlicht und eingehend mit Greve/Groves "Erster Sturm" verglichen worden. (Divay, 1994 & e-Ed. 2005). Eindeutige Hinweise in ihrer Autobiographie und seinen Briefen an André Gide im Oktober 1904 belegen, daß er sich nicht nur ihr Material, sondern auch ihre Schreibversuche angeeignet hat: ihre Lebensgeschichte veröffentlichte er als seine eigenen Romane im Flaubert-Gewand, ihren sieben 'Fanny Essler' Gedichten, die ausschließlich IHN zum Thema haben, gab er die  perfekte, petrarkistische Gestalt. Nicht umsonst hatte er schon um 1898 Sonette aus Dante's Vita Nuova übertragen, und auch in seiner Gedichtssammlung Wanderungen (1902) gab es eine Reihe von Sonetten. Die Struktur der 'Fanny Essler' Gedichte bemüht eine weitere Eigenart der Tradition des Dolce Stil Nuovo: die zyklische Anordnung. Wie in einem mittelalterlichen Flügelaltar bilden je zwei narrative Gedichte den zeitlich-geschichtlichen Rahmen [Greve in absentia auf der Nordsee Insel Föhr und im sizilianischen Palermo] für das zeitlos-statische, dreiteilige Sonetten-Porträt mit Else/Fannys angehimmeltem Liebes-Objekt im Zentrum. Ein Vergleich mit Greves eigenen, geschwollenen Gedichten um diese Zeit zeigt, daß ihm nur hier und dank Elses Inhalt ein ausgesprochenes Meisterwerk gelungen ist.     Zurecht hat Else ihm später künstlerisches Talent abgesprochen, seine Form- und Geschäftsbegabung dagegen hervorgehoben. Im Zusammenhang mit "seinen" Romanen sagt sie:

"He even thought of himself as a genius, art genius... until the end when he broke off, or down, his career deciding to become a business genius, or potato king in America. Felix had written two novels. They were dedicated to me in so far as material was concerned; it was my life and persons out of my life. He did the executive part of the business, giving the thing the conventional shape and dress. He esteemed Flaubert highly as stylist...so he tried to be Flaubert...He took it all outwardly as mere industry, except for the material in it. They must be fearful books as far as art is concerned." (Ab. 34-35)

     Ihr treffendes Urteil gilt nicht nur für Greves Werk, es gilt auch für sein gesamtes weiteres Schaffen in Kanada, von dem Else nichts mehr wußte. Er tauchte im September 1912 als Frederick Philip Grove in Manitoba auf, und lehrte ein ganzes Jahrzehnt lang in den entlegensten Ecken der selbst schon reichlich entlegenen Prärie-Provinz. Daß er sich regelrecht vor Else versteckt hielt, liegt nahe, und seiner zweiten Frau, Catherine "Tina" Wiens, von ihm auch häufig "Ti" genannt, gegenüber erwähnte er schon 1915, daß er vielleicht auf Knall und Fall seine Sachen packen und verschwinden müßte, "wegen einer Frau". Seine Befürchtungen waren in der Tat gerechtfertigt. Wenn Else herausgefunden hätte, wo ihr treuloser FPG sich niedergelassen hatte, wäre sie ihm mit einiger Sicherheit gefolgt, und Schlimmes wäre ihm bestimmt zuteil geworden. Greve/Grove hätte aber auch zusätzliche Grunde für sein freiwilliges Exil im ländlichen Manitoba haben können: vielleicht verließ er seinen letzten, vor-kanadischen Posten als Buchhalter bei der Amenia & Sharon Land Company, einer Bonanza-Farm bei Fargo, North Dakota, nicht ganz so freiwillig wie er es in seinen autobiographischen Büchern von 1927 & 1946 dargestellt hat.    Grove's erster und einziger Artikel vor 1922 war "Rousseau als Erzieher" in der deutschkanadischen Tageszeitung, Der Nordwesten von November bis Dezember 1914. Der Inhalt bestätigt Elses Aussage, daß Greve in Amerika ein mehr erdgebundenes als großstädtisches Leben führen wollte. Die Wendung "zurück zur Natur" schloß zu ihrem Leidwesen auch das Wiederaufleben seines alten Jungfrauen-Ideals ein, dem er vor ihrer Zeit um 1901/2 anhangen hatte. Vermutlich war Helene Klages die "travelling virgin," von der Else erbost berichtet. Vor allem anderen bot dies den Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen, und gipfelte schließlich 1911/12 in der endgültigen Trennung in Sparta, Kentucky.     Grove scheint ein wachsames Auge auf Elses weiteren Werdegang gehabt zu haben. Jedenfalls blieben seine beiden ersten Bücher (1922&1923) noch harmlose Landschaftsbeschreibungen, die wie alle FPG Prosawerke nach dem Bonner Gefängnisaufenthalt in 1903/4 deutlich Flauberts symbolischem Realismus verpflichtet sind. In Groves erstem kanadischen Roman Settlers of the Marsh (1925) wird die Kentucky-Zeit therapeutisch dann verarbeitet, und zwar auf Elses Kosten, der er in der "femme fatale" Gestalt Clara Vogel ein ausgesprochen bösartiges Denkmal gesetzt hat. Der tugendhafte, mit dreißig Jahren noch unschuldige [!] Niels/FPG -- ganz und gar blütenweiß -- erliegt den Verführungen der verworfenen Frau -- ganz und gar pechschwarz --, heiratet sie, und sieht sich schließlich gezwungen, sie zu erschießen. Obwohl Greve seine Frau in Wirklichkeit nicht umbrachte, sondern sie nur feige mittellos in der Kentucky "Wildnis" sitzenließ, kann man unschwer ein gewisses Wunschdenken in Grove's Buch entdecken, und nur zu gerne hätte er ihr wahrscheinlich bei den temperamentvollen, ehelichen Auseinandersetzungen den Hals umgedreht.     Im Herbst 1925, als das Buch erschien, war Else schon seit reichlich zwei Jahren wieder in Berlin. In seiner hochinteressanten, halb-fiktiven Autobiographie von 1927 wird das Jahr in Kentucky mit ihr einfach unterschlagen, wahrscheinlich, weil es ja schon in seinem "Pionierroman" abgehandelt worden war. Auch sonst wird sie nirgendwo erwähnt, obwohl er manchmal scheinbar grundlos auf sie anspielt: so sagt er zum Beispiel im Zusammenhang mit Palermo, daß sein Kommen nach Amerika mit einer Frau zu tun gehabt habe. Grove's Settlers Roman war noch nicht einmal der Skandalerfolg, den er herauszufordern versuchte, und zwar mit dem Hinweis, daß sein Buch ganz wie seinerzeit Flauberts Madame Bovary einer prüden Zensur zum Opfer gefallen war. Für die kanadischen Verhältnisse der Zeit war der Absatz nicht gerade schlecht, wenn er auch kaum Grove's hochgesteckten Hoffnungen entsprach, und die Rezensionen waren im Ganzen gesehen durchaus freundlich. Weit über die Grenzen gelangte der Ruhm allerdings nicht. Selbst wenn Else sich 1925 noch in New York aufgehalten hätte, ist es unwahrscheinlich, daß ihr FPGs Bericht über ihre langjährige Verbindung zu Augen oder Ohren gekommen wäre. In Berlin oder gar Paris waren die Chancen dafür gleich Null. Es ist interessant, daß Grove die Beziehung sieben Jahre dauern läßt, also ohne das Gefängnisjahr von 1904 bis 1911 rechnet, während sie aus Elses Sicht "fast zehn Jahre" gedauert hat, nämlich von Ende 1902 bis 1911.      In seiner gesamten kanadischen Roman-Produktion hält FPG zäh an Flauberts Vorbild fest. Seine Gedichte, zwar wohltuend vereinfacht, verraten durchweg die sogenannte "George-Mache." Seine zeitkritischen Essais lesen sich wie O. Spenglers Kulturkritik oder H. Vaihingers Philosophie des Als-Ob. Nietzsche wird besonders offen in Aphorismen nachgeahmt, so zum Beispiel Zarathustra in Groves einundsechzig "St. Nishivara" Absätzen. Aber schon der Titel des 1914 Rousseau-Artikels verweist ganz gezielt auf die Dritte unzeitgemäße Betrachtung, "Schopenhauer als Erzieher." Selbst das satirische Fragment Consider Her Ways (1947) ist nicht viel mehr als eine durchsichtige Swift-Imitation. Erstklassiger Handwerker mit Geschäftssinn und Verkaufstalent -- Elses scharfsinnige Formel für Greves europäisches Wirken von 1902 bis 1911/12 hat sich auch fünfundzwanzig Jahre darüber hinaus für Groves Werk von 1914-1948) bewährt.     Groves starres Festhalten an traditionellen Mustern läßt Elses künstlerische Anpassungsfähigkeit umso heller leuchten. In dem Nachlaß kann man ihren typischen Arbeitsprozess verfolgen: ausgehend von wohlgeformtem, neuromatischen Material -- sie scheint um 1900 mehr gedichtet zu haben als sie zugibt -- streicht sie resolut alle Bindewörter und oft noch Wichtigeres, bis schließlich expressionistisch anmutende Wortgebilde oder auch nur noch nackte, aber erstaunlich ausdrucksstarke, Wortkolonnen übrigblieben. Die veröffentlicht sie dann auf Englisch. Reine dadaistische Lautgedichte, Bildgedichte oder spontane, expressionistische Neuschaffungen bleiben relativ selten.     FPG hat auf beiden Kontinenten Rollen gespielt, Masken getragen, und sein enormes Wissen kunstfertig verwertet. Er war ein Hochstapler von Format in seiner Frühzeit, und seine Bedeutung heute liegt weniger in seinen fast unbekannten Werken als in seinem Doppelleben, und in seinen Kontakten zu Stefan George, Gide, H. G. Wells und vor allem Thomas Mann, für den er sehr wahrscheinlich das Modell des Felix Krull abgab (Divay, 1996). Else ist immer nur sie selbst gewesen. Trotzdem war sie eine begabte Künstlerin, während seine eigentliche Begabung dem selbst empfundenen "Genie"-Anspruch kaum Rechnung trug. Eine zeitlang war FPG zwar ein großer Fisch im kleinen kanadischen Teich, Else aber genießt noch heute wohlverdienten Ruhm als ein vielleicht kleiner Fisch in immerhin internationalen Gewässern.     Als "Freundin bedeutender Männer" (Musil) war Else um 1900 in Europa und um 1920 in Amerika weit mehr als nur Inspiration und Muse. Es ist gut möglich, daß sie auch an der Berliner und Pariser Kunstszene der zwanziger Jahre aktiveren Anteil hatte, als man heute annimmt: "Sturm"-Briefpapier bringt sie in den Umkreis dieser bekannten, expressionistischen Zeitschrift und Kunstgalerie; ein Zettel mit Brancusis Atelier-Adresse und ein Reklameblatt für Kikis Kunstausstellung in 1927,[1] auf dem Else auch James Joyce erwähnt, verweisen auf wichtige Verbindungen in Paris (Maryland Nachlaß).     Wenn auf der Kunstseite noch viel zu ihrem Vorteil zu entdecken ist, sieht es für eine erweitere Charakterzeichnung ihrer Person eher traurig aus. Ihr Geisteszustand darf im Licht der erpresserischen Aktionen, ob in Gedicht- oder Briefform, in Frage gestellt werden. Schon von New York aus bekam die Freytag-Loringhoven Familie von ihr zu hören. Der Herr General im Reichstag ließ diese Angelegenheit sowie einen erneuten Versuch aus Berlin durch seinen Rechtsanwalt in Jena regeln (Box 5, Personal Papers); und als Berenice Abbott 1921 in Paris eintraf, wo sie sich bald als Man Ray's Assistentin zur bekannten Porträt-Photographin entwickeln sollte, mußte sie André Gide einen von Elses formal und inhaltlich extravaganten Brief überbringen. Er enthielt die sonderbare Aufforderung, er solle sie nach Paris kommen lassen und dort zum künstlerischen Vorteil dieser Stadt aushalten.[2] Ein ähnlich größenwahnsinniges Angebot scheint sie dann aus Berlin auch an Bernhard Shaw gerichtet zu haben (Entwurf in Box 5; ebenfalls erwähnt in Briefen an Djuna Barnes). Ihr Anerbieten war in diesen beiden bekannten Fällen derart übertrieben, um nicht zu sagen, verrückt, daß es sowohl von Gide als auch von Shaw einfach ignoriert wurde.

Mit Behmer, Richard Schmitz, Hardt und Endell hat sie nachweislich Verbindung aufgenommen, und fast allen hat sie mit Enthüllungen intimer Erinnerungen gedroht. Vielleicht hat sie die beiden hier vorgeführten Gedichte sogar herumgezeigt oder veröffentlicht, aber selbst wenn sie nur gezielt an die jeweilige Adresse geraten sein sollten, war der wahrcheinliche Effekt katastrophal. Hardt hat sie dabei vermutlich die Ehe, Endell sogar das Leben gekostet. Somit hat die Funktion dieser Gedichte von "Kunst als Aufarbeitung" zur "Kunst als Erpressungsmittel" verlagert. Sie bestätigen zwar, daß Else eine ausgezeichnete Künstlerin war, aber auch, daß sie als Gesamtpersönlichkeit sich oft skrupel- und rücksichtslos gebärdete.





Fußnoten & Bibliographische Angaben

[1]"Kiki (Alice Prin), Vernissage, 25.3.-9.4.1927;" auf der Rückseite, Else's Sonnet "Herzlich," "inspired by J.J.'s Ulysses," und eine Notiz [an Djuna Barnes?] ,daß es besser in der deutschen Version ist, weil "Herz" da mit "Unverz" reimt. Kiki war das bekannte Modell Man Rays.

[2]Maria van Rysselberghe in ihrer Gide-Chronic, Les cahiers de la petite dame, v.1.


Elsa Baroness von Freytag-Loringhoven Collection. University of Maryland, College Park.
Greve/Grove Collections, University of Manitoba Archives.
Divay, Gaby, "Fanny Essler's Poems: Felix Paul Greve's or Else von Freytag-Loringhoven's?" Arachne: An Interdisciplinary Journal of Language and Literature, v. 1, no. 2 (1994), 165-197.

rev. e-Edition: http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/FEArt/

Divay, Gaby, "F. P. Greve/Grove's Relations with Thomas Mann, 1902 & 1939," Midlands Conference on Language and Literature, Creighton University, Omaha, March 1996.
Hardt, Ernst. Briefe an Ernst Hardt: eine Auswahl aus den Jahren 1898-1947. In Verbindung mit Tilla Goetz-Hardt, hrsg. von Jochen Meyer. Marbach: Deutsches Literaturarchiv, 1975.
Reichel, Klaus. Vom Jugendstil zur Sachlichkeit: August Endell, 1871-1925. [Dissertation]. Bochum, 1974.

Van Rysselberghe, Maria van. Les cahiers de la petite dame. 4 v. Paris: Gallimard, 1973-1977.

Original im Anhang, hier aber parallel zu Else's Gedicht "Herbst":
Elses Inhalt -- Greves Form: "Ein Porträt: Drei Sonette" / von Fanny Essler
(Freistatt 6, Heft 42, 10. October 1904, 840-41)

Seit März 2005 sind alle sieben 'Fanny Essler' Gedichte zweisprachig auf der folgenden Netzseite zu finden: http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/FEPoems05/


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