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Gaby Divay's
Papers in German
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About FrL's Satirical Poems regarding Ernst Hardt, August Endell,
& FPG (ca.1923)*
How to cite this 2005 e-Article
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Else von Freytag-Loringhoven & Felix Paul Greve |
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Abrechnung und Aufarbeitung im Gedicht:
Else Baroness von Freytag-Loringhoven über drei Männer
Ernst Hardt, August Endell, Felix Paul Greve/Grove
Prepared for e-publication
by
Gaby Divay, University of Manitoba Archives
©July 2005

Includes e-Texts of six German Poems by FrL, 'Fanny Essler'
& FPG

TABLE
OF CONTENTS
1. Else vor 1902. -- 2.
Else & F. P. Greve 1903-1909. -- 3.
Amerika 1910/11. --
4. Berlin 1923: Ernst Hardt Satire. -- 5.
Endell Satire. --
6. "Herbst/Schalk": FPG Parodie.
--
7. F. P. Groves Settlers . -- 8.
Vergleich: FPG & FrL.
FrL-Gedichte:
Hardt. -- Endell.
Greve & Else's 'Fanny Essler' Poetry
Cycle, 1904/5
Greve, i.e., Herbst/Schalk &
'Fanny Essler's Three Sonnets
(1904).
"Du"
& 'Fanny Essler's 7.
Poem, "Und
hinter Husum hin..." (1905)
Greve's "Erster
Sturm" (1907)
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Else
Baroness von Freytag-Loringhoven (1874-1927) entwickelte sich
während ihres fast zwölfjährigen Amerika-Aufenthaltes
(1910-1923) zu einer bekannten Gestalt in New York. Als Modell
und Künstlerin verkehrte sie dort bei den einflußreichen
Arensbergs, und veröffentlichte seit 1917 in The Little
Review und ähnlichen avant-garde Zeitschriften. Bis
heute wird sie vor allem wegen ihrer Rolle in der kurzlebigen
New York Dada Bewegung in kunsthistorischen Beschreibungen
gewürdigt. Wichtige Verbindungen mit berühmten Persönlichkeiten
wie Marcel Duchamp, Man Ray, William Carlos Williams, Berenice
Abbott, Djuna Barnes und vielen anderen tragen zu ihrer Bedeutung
bei. In fast sämtlichen Memoiren dieser Zeit wird sie
erwähnt, wobei ausnahmslos ihre exzentrische Aufmachung
und Verhaltensweise herausstechen. Heutigen Nachschlagewerken
gilt sie gar als Vorläuferin von "body art"
und "punk."
Geboren 1874 im pommerschen Swinemünde, zog Else Ploetz
mit achtzehn Jahren nach Berlin, wo sie in mehr oder weniger
halbseidenen Theater- und Künstlerkreisen verkehrte.
Sie lebte etwa ein Jahr lang mit Melchior Lechter, einem der
künstlerischen "Meister" des George-Kreises,
der eine neugothische Kunstrichtung vertrat und gerne Nietzsche
und Wagner bei Kerzenlicht in Mönchskutte genoß.
Dann verband sie eine stürmische, zweijährige Beziehung
mit Ernst Hardt, die sich auch in dessen heute fast vergessenem
Werk niedergeschlagen hat. Nachdem Else Hardts offizielle
Verbindung mit der griechischen Diplomaten-Tochter Polyxena
von Hoeßlin gegen Ende 1898 zu Ohren kam, reiste sie
wutschnaubend mit Richard Schmitz nach Italien ab. Richard
war ein Bruder des Klatschmauls O. A. H. Schmitz, den Else
auch kannte, und den Franziska von Reventlow geistreich "Ohaha"
nannte. Ihre Beziehung war freunschaftlich-platonisch.
Mit einer kleinen Erbschaft bedacht, konnte sie sich im Mai
1900 in Dachaus blühender Künstlerkolonie niederlassen
und Zeichenunterricht nehmen. Ihr Eintrag zeigt, daß
sie ..... In Dachau lernte sie den aufsteigenden Jugendstil-Architekten
August Endell kennen, der auch schon als "Meister"
im George-Kreis anerkannt war. Mit ihm verkehrte sie bald
in Karl Wolfskehls offenem Münchner Haus, bis sie und
Endell im August 1901 heirateten und nach Berlin zogen. Endell,
der bekannt ist für seine 1898 Fassade des Photoatelies
Elvira in München, entwarf nun Wolzogens "Buntes
Theater" in der deutschen Hauptstadt.
Seiner Ehe allerdings war nur Mißerfolg
beschieden: Endells Impotenz reizte Else zu tätlichen
Wutausbrüchen, die prompt als hysterische Symptome in
Dr. Gmelins Sanatorium in Boldixum bei Wyk auf Föhr --
erfolglos -- behandelt wurden. Im Januar 1903 entfloh sie
schließlich mit Felix Paul Greve, einem Freund ihres
Mannes, nach Palermo. Der doppelt betrogene Endell durfte
noch bis Neapel mitreisen, und wurde dort mit einem Trostfahrrad
zur körperlichen Ertüchtigung ausgesetzt.
Elses
grosser Leidenschaft in Sizilien wurde ein baldiges Ende bereitet:
Greve, im Mai "geschäftlich" nach Bonn abberufen,
wurde bei seiner Ankunft mit einem Pfennig in der Tasche verhaftet
und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er hatte seinen
Studienfreund Kilian um 10.000 Mark erleichtert, um damit
den dandyhaften Lebensstil à la Oscar Wilde (den er
fleissig verdeutschte) zu finanzieren, mit dem er Else und
andere Zeitgenossen blendete.
Eine deutlich ernüchterte Else mußte sich bis zu
Greves Entlassung im Juni 1904 in Italien alleine durchschlagen.
Danach lebte das gediegene Paar in Wollerau (Schweiz) und
in Étaple (Nord-Frankreich), bis es sich schließlich
Ende 1906 in Berlin niederließ. Aber trotz Greves titanischen
Anstrengungen als Übersetzer und Schriftsteller fand
er scheinbar weder genug Auskommen noch Anerkennung, und kurz
nachdem er seine Swift-Übertragung doppelt verkauft hatte,
setzte er sich im Juli 1909 mit einem fingierten Selbstmord
nach Amerika ab.
Else
folgte ihm im Juni 1910 nach Pittsburgh, wo sie im September
kurzfristig verhaftet wurde, weil sie sich öffentlich
in Greve's Kleidung & zigarettenrauchend promenierte.
Irgendwann verzogen Greve & sie sich dann auf eine kleine
Farm in Sparta, Kentucky. Dort wurde Else nach knapp einem
Jahr von ihm schnöde verlassen. Im nahe gelegenen, überwiegend
deutschsprachigen Cincinnati, dann in Philadelphia und schließlich
in New York, schlug sie sich notdürftig als Modell durch.
Im Dezember 1913 heiratete sie ein schwarzes Schaf der angesehenen
Freytag-Loringhoven Familie in Manhattan. Nach Kriegsausbruch
im August 1914 war sie wieder dann wieder allein und mittellos,
aber immerhin eine "Baroness." Als sie 1923 nach
Berlin zurückkehrte, fand sie wenig Gefallen an ihrer
alten Heimat, und versuchte mit allen Mitteln, wie viele ihrer
amerikanischen Freunde in Paris seßhaft zu werden. Nach
dreijähriger Wartezeit gelang ihr das auch, aber hochfliegende
Pläne eine eigene Modellschule aufzubauen fielen flach,
und trotz einflußreicher Gönner, wie zum Beispiel
wie Peggy Guggenheim, hatte sie nur noch mäßigen
literarischen und künstlerischen Erfolg. Im Dezember
1927 fand man sie tot in ihrer Wohnung auf.
Freytag-Loringhoven's Nachlaß an der University of Maryland,
College Park, enthält eine ausführliche Autobiographie
[1923-26], die im Klartext Greves Romane über Elses Leben
(1905 & 1907) widerspiegelt. In zahlreichen Gedichts-
und Briefentwürfen an alte Freunde und Liebhaber wird
Greve am häufigsten bedacht, aber Ernst Hardt, Richard
Schmitz, Marcus Behmer, und natürlich August Endell fehlen
auch nicht.
Hier
sollen nun zwei längere, satirische Gedichte über
Hardt & Endell und das kürzere Gedicht "Herbst",
in dem sie sich weniger lustig mit Greve auseinandersetzt,
zum erstenmal veröffentlicht und biographisch beleuchtet
werden. Ihre bittere Abrechnung mit ihm ist eine virtuose
Parodie auf seine Gedichte. Abschließend sollen einige
Bemerkungen zu Elses und Greves diametral entgegengesetzter
Ästhetik gemacht werden.
Else
von Freytag-Loringhoven über Ernst Hardt
(Freytag-Loringhoven
Collection, University of Maryland, College Park, Box
4, Fd. 10)
deutsch-englische / German-English Version:
http://www.umanitoba.ca/libraries/units/archives/collections/fpg/frl/txt_hardt.html
I.
Es hat mal einen Ernst gegeben
Der war für mich das Salz zum Leben.
Doch eines Tages krass und jäh
Verließ er mich und ging zur See.
II.
Nicht daß er etwa als Matrose
Die Welt durchflog, die grenzenlose.
O Gott -- ich sage, die Idee!
Er ging als Passagier zur See.
III.
Er ging direkt bis nach Athen,
Um seine Hochzeit zu begehn.
Das Mädchen, das dazu erkoren,
War nämlich in Athen geboren.
IV.
Ihr Temperament kam nie ins sieden.
So sehr war sie von mir verschieden.
Auch hatte sie, in Ernst vernarrt,
Auf Ernsten wartend ausgeharrt
V.
Der sieben Jahre ohne Zucken,
Auch ohne frech sich umzukucken
Nach andern, um damit zu flirten,
Und drum, um dieser unerhörten
VI.
Schätze von Tugend allerhand,
Zog Ernst zur See nach Griechenland.
Ich ging mit Richard in die Schweiz,
Die hat doch immer ihren Reiz.
VII.
Und Richard hatte Sympathie
Mit meinem Leid, und zeigte sie.
Auch hatte er das Geld bereit
Zum Trost in einer solchen Zeit.
VIII.
Am bläulichen Lugano See
Tat mir die Sehnsucht ernstlich weh.
Im Flieder sang die Nachtigall,
Da war es aus und war es all.
IX.
Ich legte mich auf kalte Fliesen
Und schrie nach Ernst und wünschte diesen.
Und als ich so nach Ernsten schrie,
Kam Richard mit der Sympathie
X.
Und mit dem Geld, der liebe Bengel,
Er war ein absoluter Engel.
Er war mir Stütze, Stab, und Ruder,
Er war so gut als wie ein Bruder.
XI.
Ein Glück, daß ich den Richard hatte!
Er war so gut als wie ein Gatte.
Mit diesem Gelde reist' ich Meilen
Und Meilen -- Ernsten zu ereilen,
XII.
Der noch in Dresden was besorgte.
Ich glaube, daß er sich was borgte.
Er konnte nämlich gar nicht sparen.
Er konnte nur in Droschken fahren,
XIII.
Um sich nicht seelisch zu besudeln
Und dichterisch zu übersprudeln.
Er war erst grade ausgewachsen,
Und er bekam dies Geld aus Sachsen.
XIV.
Doch nein, ich irre mich, aus Mainz.
Ernst hatte Geld so gut wie keins.
Sogar das Geld die Braut zu frein
War er genötigt, sich zu leihn.
XV.
Der Richard war sein Freund gewesen,
Er hatte auch sein Stück gelesen:
"Der Zank ums Zuckersüß" genannt,
Und weil er nichts davon verstand,
XVI.
Ich meine Richard, Ernst -- na, ja,
Doch das ist weder hier noch da.
Ich kritisiere hier kein Stück,
Ich klage um zerflognes Glück,
|
XVII.
Und überhaupt, das ganze Dichten
Hilft nicht den Lebensknoten schlichten.
Es ist nur, daß der Dichter klag'
Um etwas, daß er nicht mehr mag.
XVIII.
Ich sage es ganz ohne Zieren,
Ihr könntet mir den Ernst servieren
Mit Lorbeerkränzen und mit Bitten,
Umsonst -- ihr hättet euch geschnitten,
XIX.
Ihr hättet euch gemein verhauen,
Ich kann sein Dichten nicht verdauen.
Ich mache euch hier keine Flusen,
Ich kann sein Dichten nicht verknusen.
XX.
Doch damals, laßt es mich bekennen,
Ob mir vor Scham die Backen brennen,
Hätt' er gedichtet wie die Tante,
Wie heißt sie doch, na, die bekannte
XXI.
Ihr habt sie alle ja gelesen, die Natalie,
Hätt' er gedichtet so wie die,
Oder gechattert wie Karl May
Es war mir gänzlich einerlei,
XXII.
Es war für mich gar keine Chose,
Es war mir Jacke so wie Hose.
Es kam mir gar nicht in die Kiepe,
Es war mir schnurz, es war mir piepe.
XXIII.
Und lautete es monscheinharfen-prächtig,
Es war mir höchstens sehr verdächtig.
Was ging mich das Gesäusel an,
Er war der heiße Sonnenmann.
XXIV.
Sah er mich an mit Strahlenaugen,
Mußt' ich an seinen Lippen saugen.
Wie Trunkenbolde an 'nem Bittern.
Wir faßten uns, um loszuzittern.
XXV.
Ich war kein Mensch, ich war ein Schlauch,
Fest drängt' ich mich an seinen Bauch.
Schluchzjauchzend wie es Dichterbrauch
Tat er es schießlich, endlich, auch.
XXVI.
Dies war des Weltbaus Zweck und Sinn,
Und deshalb ging ich immer hin,
Und deshalb kam er zag und zier
Voll Sinnenlust auch hin zu mir.
XXVII.
Nach Keuschheit doch so [sehr] verlangte,
Weil es ihn um sein Dichten bangte.
Drum muß ich heut' mich noch beschweren:
Die in Athen konnt' ihn entbehren.
XXVIII.
Wer sieben Jahre warten kann,
Braucht überhaupt doch keinen Mann,
Der sieben Jahre langes Warten
Läßt Liebe zum Fantom entarten.
XXIX.
Sie konnte pudelselig sein
Mit dem Fantom, der Ernst war mein.
Ich hatte ihn mir glatt erworben,
Ich wäre süß für ihn gestorben.
XXX.
Ich hätt' das Leben ihm gegeben,
Viel besser als Polly in Theben.
Ach nein, Athen; doch im Exzesse
Hieb er mir einstmals in die Fresse,
XXXI.
Aus Dichtergram und Hysterei,
Verlangend nach der Polizei.
Drum ging ich mit dem Richard reisen,
Und überließ ihn seinen Preisen
XXXII.
Und seiner Braut aus Mondenschein
.......................................pottallein.
|
Elses Verbindung mit Ernst Hardt war, wie man sieht, leidenschaftlich
und krisenreich. Reflektiert wird sie früh in Greves
Roman-à-clef über Elses Erfahrungen im George-Kreis
im Berlin der 1890iger Jahre (Fanny Essler, 1905).
Auch in Hardts neuromantischem Drama Der Kampf ums Rosenrote
(1903; in Str. XV "Der Zank ums Zuckersüße")
und dem Kurtisanen-Drama Ninon von Lenclos (1905) wird
Else thematisiert.
Im
Roman findet Fanny einen Brief von der sorgfältig verschwiegenen
Braut, und es kommt zum heftigen Streit mit dem doppelzüngigen
Geliebten. Auch die wutschnaubende Abreise mit Richard Schmitz
wird wahrheitsgetreu beschrieben. In Hardts Darstellung im
"Kampf" -- wie schon sein Erstling, Tote Zeit,
eine wenig gelungene Ibsen-Imitation -- steht er in dem zeittypischen
Konflikt zwischen der reinen und der sinnlichen Frau (siehe
auch Str.III-VI&XXVI-XXX). Nach dem polaren Madonnen-
/ Huren Muster war Else/Käthe natürlich nicht salon-
und noch weniger heiratsfähig. Das ganze Stück ist
eine weinerliche Selbstrechtfertigung des Helden Ernst Hardt
und seines zwar weitverbreiteten, aber darum nicht weniger
zweifelhaften Doppelstandards.
Elses ästhetisches Urteil ist hier, wie so oft, von erstaunlicher
Sicherheit, und das zu einer Zeit, wo der herrschende Geschmack
noch weitgehend blind für die sentimentalen Übertreibungen
der Jahrhundertwende war: ihr undatiertes Manuskript dürfte
wie ihre Memoiren aus der Berliner Zeit stammen (1923-26).
Heute ist Hardts "mondscheinharfen-prächtig[es]
Gesäusel" (XXIII) noch weniger zu "verdauen"
und "verknusen" (XIX) als es nach ihrem Empfinden
damals war, und ohne biographisches Interesse wäre die
Lektüre des Dramas unerträglich gewesen. Für
Else stand eindeutig die Liebesbeziehung an erster Stelle,
was sie ungeschminkt in den Strophen XXIV-XXVI ausdrückt.
Und gerade deshalb ist ihr die verlogene Zweiteilung in "Pollys"
abstrakte Tugend (XXVII) und ihre reale Leidenschaft (XXIX)
unbegreiflich. Hardts konventionelle Entscheidung gegen Else
wird damit auf der Ebene einer zeit- und kontextlosen, also
universellen, Moral als Verbrechen entlarvt.
Man kann nicht sagen, daß Else sich jemals viel um zeitgenössische
Konventionen geschert hätte. Viele ihrer männlichen
Zeitgenossen haben sie schlicht als Prostituierte klassifiziert.
Diese Abstempelung teilt sie mit anderen freidenkenden und
konsequent freilebenden Frauen ihrer Generation, wie zum Beispiel
Franziska (Fanny) von Reventlow. Dieser Münchner Kultfigur
aus Husum kam allerdings der Vorteil ihres adligen Titels
zugute, den Else erst ab 1913 in Amerika ausspielen konnte.
Es besteht kein Zweifel, daß die Einstellung beider
Frauen zu Liebesangelegenheiten identisch war, und der Fanny
Essler Roman von 1905 weist klare, intertextuelle Bezüge
zu Reventlows fiktiver Lebensbeschreibung Ellen Olestjerne
(1903) auf. Beide verteidigen ihr für damalige Begriffe
skandalöses Verhalten mit der höheren Gewalt der
Gefühle; beide verweisen mit Recht auf den gewaltigen
Unterschied zwischen ihren Beziehungen und der käuflichen
Liebe; und beiden ist oft gesagt worden, daß sie als
"Kurtisanen" reich werden könnten, anstatt
ärmlich ihr Leben zu fristen. Direkte Verbindungen sind
nicht belegt, aber die Reventlow verkehrte in denselben Kreisen
wie Else & Endell, und Greve hat nachweislich mit ihr
getanzt, wie in Th. Th. Heines Lebenserinnerungen belegt ist.
Eine neue und ambivalente Note in Elses Fragment betrifft
die Tätlichkeiten, die in den Strophen XXX & XXXI
zum Ausdruck kommen: weder in Hardts literarischer Verarbeitung
noch in Elses Autobiographie wird erwähnt, daß
Ernst "[ihr] eine in die Fresse hieb"; und seltsamerweise
verlangte ER "nach der Polizei." Von allem, was
man von Elses notorischem Temperament heute weiß, ist
es mehr als wahrscheinlich, daß SIE dem ungetreuen
Geliebten "im Exzesse" so verhaute, daß er
die staatliche Autorität bemühen wollte. Der interessante
Widerspruch in diesen Versen muß zu ihren Ungunsten
gelöst werden: nicht nur hat sie den armen Endell an
den dünnen Haaren gezogen & mit Pantoffeln nach ihm
geschmissen, auch William Carlos Williams wurde von ihr terrorisiert,
und der Kunstsammler Biddle berichtet von einem tätlichen
Ausfall gegen Jerome Blum im renommierten New Yorker Brevoort
Hotel. Auch andere New York Künstler trauten sich kaum
noch aus dem Haus, wenn Else einseitig ein Auge auf sie geworfen
hatte. Noch vier Monate vor ihrem Tod stritt sie ab, Marcel
Duchamp mißhandelt zu haben: "I neither knifed
Marcel Duchamp, nor smashed his pictures..." (an Peggy
Guggenheim). Man muß also Elses Berichte von angeblich
erlittenen Mißhandlungen mit Vorsicht genießen,
vor allem, wenn ihre Darstellungen text-intern unstimmig sind.
Im Zusammenhang
mit Jerome Blum, dem sie Modell gestanden hat, erlaubt Else
sich eine ihrer unangenehm krassen, antisemitischen Bemerkungen.
Auch Wolfskehl wird in der Erinnerung an eine mißlungene
Liebesnacht um 1895/6 wegen seiner jüdischen Herkunft
bösartig abwertet.
Hardts Ehe mit der Diplomatentochter Pollyxena von
Hoesslin, am 11.11.1899 in Athen geschlossen, wurde nach beachtlicher Dauer
schließlich
1930 geschieden, und zwar ironischerweise wieder nach siebenjähriger
Wartezeit (die Trennung erfolgte 1923; Hardt, Briefe,
7). Eigenartigerweise erwähnt Else in ihrer Korrespondenz
mit Djuna Barnes, daß sie ihm gleich nach ihrer
Ankunft in Berlin 1923 geschrieben hat, und die Aussicht,
im Oktober desselben Jahres in Weimar (als Statistin
oder Künstlermodell?) Arbeit zu finden, dürfte
sie seinem Einfluß verdankt haben -- er war bis
Mitte 1924 Leiter des dortigen Theaters. Möglicherweise
haben ihre Briefe und vor allem das obige Gedicht eine
ernsthafte Ehekrise ausgelöst.
Else
von Freytag-Loringhoven über August Endell
"Puckellonders sonderbare Geschichte"
(Freytag-Loringhoven
Collection, University of Maryland, College Park, Box
4, Fd. 2)
deutsch-engl Version:
http://www.umanitoba.ca/libraries/units/archives/collections/fpg/frl/txt_endell.html
|
I.
Herr August Puckellonder war
ein Architect höchst sonderbar.
Nicht daß ich meine die Figur -
Dinge persönlicher Natur -
hier zu erwähnen - oder so -
das fände ich gemein und roh.
II.
Wer ihn zu sehn begierig ist,
der gehe, was nicht schwierig ist,
in sein Büro, vielleicht um eins,
bestell ein Schloß, vielleicht auch keins,
vielleicht erst mal ein Himmelbett
ein'n Stiefelknecht, ein Bücherbrett,
Herrn Puckellonders Kunstgenie
erschafft auch das, wie sonsten nie.
III.
Wem sein gesamtes Mobiliar
nicht so wie seine Seele war:
Wer sich mit seinem Bett gezankt,
wer sich für sein Büffet bedankt,
vor grünem Plüsch erzittert bass,
vor rotem tief verbittert, daß
bei Perlen oder Kreuzstich
er albbedrückt brüllt nächtiglich
-
kurz, diesen ist der Mann ein Gott,
den Kreuzstichgläubigen ein Spott.
IV.
Doch was ich hier berichten will,
und was ich hier bedichten will,
ist, wie der hochberühmte Mann,
der mehr als Van de Velde kann:
der es fein tiftelig versteht
daß er [ein] seelisches Porträt
von einem Urinator späht --
wie dieser Geist im zagen Leib
sich blindlings tastete zum Weib.
V.
Es gibt in Bayern eine Stadt,
die Kunst und Bier wie keine hat.
In diese kam als junger Mann
Herr August Puckellonder an.
Er wohnte dicht am grünen Park
besitzend vierzigtausend Mark.
Er hatte diese nicht erworben,
sein guter Vater war gestorben.
VI.
Herr August Puckellonder war
damals bereits schon sonderbar:
der dunkle Trieb erregte ihn
im Dämmern durch die Stadt zu ziehn.
Held Eros spornt ihn vorn im Trab,
St. Anton zupft von hinten ab;
die Hose bauscht in Zuversicht,
der Schoßrock hinten hängt so schlicht
-
so kehrt er in sein Atelier
zum Abendtee, stets tête sans têt.
VII.
Doch endlich trifft ihn eine Maid
in einem keusch gestärkten Kleid,
die wußte gleich mit ihm Bescheid.
Sie war nicht schön, sie war nicht jung,
(es war ja in der Dämmerung).
Die klagte ihm, ihr trautes Heim
sei wie ihr Herz aus Rand und Leim.
VIII.
Herr August Puckellonders dunkler Trieb
verkehrt sich prompt in Menschenlieb.
Die Mutter war ihr sterbenskrank,
Papa war flüchtig, Gott seidank!
Der Onkel, der dem Vater glich,
erwartete Verhaftung sich -
Denn er ernährte die Familie,
die kranke Mutter und Ottilie.
Ottilie ging nicht auf "talon."
Nein! Lieber sprang sie vom Balkon!
Herr Puckellonder half da aus
mit an die kühlen dreissigtaus.
IX.
Jetzt aber ward es sternenklar:
Ottilie war auch sonderbar:
Nachtnächtig fuhr sie viel spaziern
mit Civilisten und Offiziern -
ihr Kleid war nicht mehr keusch gestärkt
(selbst Puckellonder hat's bemerkt).
Der wollte grade jetzt beginn'n,
die auffinanzte Maid zu minn'n --
das Künstlerhochgefühl - au Backe!
stand kerzensteif zur Frontattacke!
Da half kein Zier'n, half kein Genier'n,
und fand sich nichts zu attackier'n!
X.
Grad pürschend wollend in die Bresche
verflüchtigt sich die neckisch-fesche
Ottilie, finanziell gestärkt --
(selbst Puckellonder hat's bemerkt).
Nun fing er an zu überlegen
wieso - warum - weshalb - weswegen?
|
zu speculirn
zu sontisiern
zu simulirn
zu fintisirn
ein problematscher Akt der Seele
wie der, war ohne Parallele!
Er exclusiv war so bescheert --
das war die dreissigtausend wert.
XI.
Mit zugespitzter Spürernäse
schwingt er sich auf die Seelenchäse:
"Warum bin ich kein Hasser nicht?
Warum bin ich kein Prasser nicht?
Warum ist es mir nicht gegeben
Warum lass' ich Ottilen nicht
verhaften von dem Amtsgericht?
Doch findet dieser Akt mir die
verwickelte Maschinerie
der Seele, die's geschehen ließ?
War sie berechnenden Genies?
War's meine Eselei, war die's?
XII.
Ist sie zu tadeln, ist sie blind?
bin ich tollkühn, wie Männer sind?
Das Weib ist fleischlicher Natur,
die Seele reizt es keine Spur!
Hat nicht das Mädchen gründlich recht?
Sie ist anbetungswürdig echt!
Ottilie du! Weib primitiv, nicht schlecht!
In Schönheit lächle ich Verzicht,
Du liebtest, kanntest mich ja nicht!
Hätt'st du gewartet, glaubend an den Glanz
--
Pah! du bist die Betrogne, ganz!"
spricht tiefe, tiefe Obsevanz.
XIII.
Nach dieser Lustbarkeitsselbststeuer
(Psychologie in Praxis teuer)
ward er noch schüchterner, noch scheuer!
Doch kommt's auch hier, vom ersten Kuß
zum unoriginellen Schluß.
Wer zweifelnd spottet wird sich irr'n,
beweisend Mangel an Gehirn:
Er küßte mich ekstatisch auf die Stirn!
XIV.
Dies gab mir Rätsel über Rätsel --
(ich war ja noch so'n kleines Mädsel!)
Eins aber wurde sonnenklar,
daß dieser Kuß fachmännisch war,
er war verblüffend sonderbar!
Ein roter Schimmer wurde wach,
Herr Puckellonder hält in Schach
ein Temprament, hinreißend, jach --
das mich, Gott ja, na also, ach!
Dies aber war, na wissen Sie,
ein Popanz reger Phantasie.
Ein Temprament von meiner Art
geht trällernd auf die Himmelfahrt.
Er war von löblicher Familie,
sein Geld besaß meistens Ottilie,
der Rest, infolge Zähigkeit
nächster Verwandten Sterblichkeit
war nicht vollendet erbbereit.
Dies diente uns zum krassem Frommen,
sonst hätt' Ottilie es geklommen
XV.
Hier muß ich streng mich selbst beschwichten,
zuchtvoll verzichten auf's Berichten,
dies darf ich nun nicht weiterdichten.
Die Discretion erfordert Pflichten
von Bräuten, Frauen, Tanten, Nichten
der besseren Gesellschaftsschichten.
Erläuternd eh'liches Charmir'n,
den zagen Gatten zu blamir'n
mußt ich mich legitim genir'n.
Es ist nicht einwandfreier Styl,
besudelnd alles Zartgefühl --
man weiß zu viel, man harrt so schwül
auf dem Pfühl
-- ornamental --
des Himmelbetts auf den Gemahl:
"Wo bleibt der Glanz ---?"
schreit bittertiefe Observanz,
hohnwütig, kritisierend-kühl,
laut-raus --
Graus.
Vor solchem Scheußlichkeitsscandal
verfärb ich mich aschgreulich fahl.
Bis hier, dies merkt der Denker jeder,
floß es mir harmlos aus der Feder,
munter, ein episches Gezeder.
XVI.
So viel merkt doch ein jeder Narr:
auf meine Art bin ich und war
auch sonderbar --
sonst wären wir kein Ehepaar
geworden -wesen, in dem Jahr,
Jahr-zeit Liebe. War das einmal wahr?
Son-der-bar. |
Else hätte schon in Dachau guten Grund gehabt, an Endells
Männlichkeit zu zweifeln: der höchste Ausdruck der
Gefühle war ein keuscher Kuß auf die Stirn (XIII).
Trotzdem entschloß sie sich zur Ehe mit dem hochbegabten
und sensiblen Mann. Aus ihren Memoiren geht deutlich hervor,
daß sie Endell aufrichtig schätzte, und fest an
eine erfolgreiche Verbindung mit ihm glaubte. Wie das Gedicht
darlegt, hatte Endell wie Else gerade eine unglückliche,
wenn auch ganz anders gelagerte Erfahrung hinter sich, und
die Ebene gemeinsamer Entäuschung war sicher kein geringer
Grund für die seltsame Beziehung. Außerdem wollte
Endell bestimmt auch das so unbürgerliche, "gefallene
Mädchen" wieder der ehrbaren Gesellschaft zuführen,
wie ja auch die Geldsorgen der nur scheinbar anständigen
Ottilie Retterinstinkte in ihm erweckt hatten (VIII). Er scheint
von dem Erfolg seiner Reformabsichten überzeugt gewesen
zu sein: O.A.H. Schmitz berichtet er stolz, daß Else
ihm schon fleißig zur Hand ginge, und daß man
sie nur vom Fasching, Rauchen, und der Gräfin Reventlow
fernhalten müsse... (DLA, Marbach). Der Wolfskehl-Kreis
war entsetzt, als die Beziehung zu Else legalisiert wurde.
Der Psychologe und Liebhaber Franziska von Reventlows, Ludwig
Klages, der Endell in seiner Seelenforschung beigestanden
haben könnte (XI&XII), nannte Else im Rückblick
"eine Berliner Buhlerin, die in Intelligenzkreisen durch
viele Hände gegangen war." Und leider sollten alle
Münchner Zweifler recht bald ihre schlimmsten Befürchtungen
bestätigt sehen.
Endell, als Architekt besonders für die beschwingte Jugendstilfassade
des Münchner Photoateliers Elvira bekannt, war auch ein
prominenter Vertreter der modernen angewandten Kunst (siehe
II&III). Für Elses Mitarbeit hat sich bis heute kein
Nachweis gefunden. Sie selbst erwähnt Buchumschläge
aus weißer Seide, die in Endells Repertoire eingegangen
sein könnten, und auch bei seinen Kleider- und Monogrammentwürfen
hat sie vielleicht mitgewirkt. Es ist bezeichnend, daß
ihr Beitrag auch hier unterschlagen wird: sie hat ihre eigene
Begabung erst notgedrungen anerkannt, als mit zunehmendem
Alter ihre Liebesabenteuer seltener und weniger erfolgreich
wurden. Und selbst dann haben andere das Lob für ihre
Einfälle geerntet: Morton Schamberg wurde noch bis vor
kurzem ihre eindrucksstarke Skulptur "God" zugeschrieben
(etwa 1917, Arensberg Collection, Philadelphia Museum of Art).
Die Bett-Probleme im Berliner Haushalt gipfelten zu Weihnachten
1902 im Ehebruch mit Greve. Die Rehabilitations-Pläne,
das Ehe-Experiment, und die Kur auf Föhr waren sämtlichst
fehlgeschlagen:
"...my
husband sent me to a sanatorium...to be away from him and
to have, by the way, for his impotence, my womb
massaged, so that he should not look the only guilty one"
(Ab 28). ... "the man -- who was to be my first potent
mate [with whom I also remained together the longest time
I ever was with one man, about ten years] -- was in Berlin,
keeping my husband company -- I dreaming about him, but also
about my husband whom I did not desire to abandon, not even
for this miracle of a youth -- if it was only possible, and
he came up to my expectations after my wombsqueeze excursion.
But he did not, and the matter ended with hair-pulling and
slipper-hurling on my part" (Ab 30).
Als Greve dann ab Juni 1903 wegen Betruges im Bonner Gefängnis
saß, versuchte Endell vergeblich in Palermo, Else zurückzugewinnen.
Die Ehe wurde zwar ein Jahr später annuliert oder sogar
geschieden, aber rechtliche Schwierigkeiten müssen weiterhin
bestanden zu haben: Endell konnte sich nach fünfjähriger
Verlobungszeit erst 1909 wieder vermählen. Else und Greve
haben erst im August 1907 heiraten können, obwohl sie
sich schon früh munter als Ehepaar präsentierten.
Mit ihren
respektiven Ehen später in New York und in Manitoba wurden
beide übrigens zu Bigamisten. Wie viele ihrer Bekannten,
wird Else dann 1923 ganz bestimmt auch Endell nicht mit teils
flehenden, teils unverschämten Bettel- und Forderungsbriefen
verschont haben.
Ein
undatierter Entwurf an "Tse" befindet sich in ihrem
Maryland Nachlaß (Box 2, Correpondence, Unidentified
German). Selbst ohne Vorwissen, daß Else und Endell
sich gegenseitig "Tse" und "Ti" zu nennen
pflegten (chinesisch für "Meister" und "Herrin,"
Ab. 38), kann man aus diesem eigenartigen Dokument klar ersehen,
daß es an Endell gerichtet ist, und zwar im Winter 1923/24,
als sie Zeitungen auf dem Kurfürstendamm verkaufen mußte.
In einer für sie typischen Mischung von Flehen und kaum
verhüllter Drohung beruft sie sich ungeniert auf ihre
kurzen, ehelichen Beziehungen von 1901/2, vor mehr als zwanzig
Jahren. Fast klingt es so, als ob sie sich gerade vor Kurzem
und in Bestem Einvernehmen getrennt hätten, statt vor
langer Zeit und unter höchst fragwürdigen Umständen.
Selbst Endells vormalige Bewunderung für Felix Paul Greves
Eleganz wird beschworen, in totaler Verachtung der großen
Wahrscheinlichkeit, daß der damals doppelt betrogene
Endell sein Urteil nach Weihnachten 1902 gründlich und
permanent geändert haben wird. Daß Endell als Direktor
der Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe eine
hohe, öffentliche Position innehatte -- er war 1918 noch
vom Kaiser dorthin berufen worden (Reichel, 88) -- war ihr
nicht unbekannt. Und sie scheint wild entschlossen gewesen
zu sein, mit allen Mitteln aus dieser Stellung Vorteil zu
ziehen.
Ob sie nun gerade diesen Briefentwurf verschickt hat, oder
ob ein leicht oder stark überarbeitetes Dokument an Endell
abging ist unbekannt. Dagegen ist anzunehmen, DASS sie ihn
mit einem ähnlichen Schreiben belästigt hat. Weiterhin
besteht die Möglichkeit, daß sie sich auch direkt
an Endells zweite Frau Anna Meyn gewandt hat: dieselbe Mappe
mit dem "Tse"-Entwurf enthält auch ein Fragment
an die Frau eines früheren Liebhabers (auf Briefpapier
der Galerie & Zeitschrift Sturm). Auf der Rückseite
befindet sich ein Brief an Richard Schmitz und das ihm gewidmete
Gedicht "Jorkan." Beide legen einen Erpressungsversuch
an diese Adresse nahe. Die Lebensgefährtinnen Hardts
und Endells sind aber keineswegs ausgeschlossen. Jedenfalls
mutet es seltsam an, wenn man in Reichels Endell-Biographie
folgendes liest:
"Ab
1923 verschlechterte sich der Gesundheitszustand Endells rapide.
Im Herbst 1924 erlitt er auf der Rückfahrt von einem
Ferienaufenthalt in Bayern einen Herzanfall und kehrte nicht
mehr nach Breslau zurück... (Reichel,98).
Er starb in Berlin am 15.4.1925, drei Tage nach seinem 54.
Geburtstag. Sein frühzeitiges Ende könnte mit Elses
Einbruch in sein privates und vielleicht auch öffentliches
Leben indirekt oder sogar direkt in Verbindung stehen. Dieser
erweiterte Kontext läßt das scheinbar leichte,
lustige Gedicht über Endell in einem neuen und weniger
hellen Licht erscheinen. Als rein private, therapeutische
Aufarbeitung der Vergangenheit hätte es Else als jemanden
ausgezeichnet, der auch über sich selbst lachen kann.
Die Tatsache aber, daß sie ihr "Spottgedicht"
in dem Briefentwurf als zusätzliches Druckmittel einsetzt
(auf der ersten Seite wird gleich der keusche Stirn-Kuß
erwähnt), nimmt der Satire den harmlosen Anstrich und
macht sie, wie schon das Hardt-Gegenstück, zu einer scharfen
und nicht ungefährlichen Waffe.
Else von
Freytag-Loringhoven über FPG
[um 1922,
New York; auf Hotel Brevoort Papier]
Herbst
(Freytag-Loringhoven
Collection, University of Maryland, College Park, Box
4, Fd. 1)
deutsch-engl. 'Fanny Essler' Gedichte:
Der
Herbst, im grün und bronzenen Metall,
Sitzt an dem flachen Fluss, beim Wasserfall.
=Hinweis
auf Greves 1907 Gedicht "Erster
Sturm" (1907)
Die Bäume brausen girr, der Wind schwirrt
lau
Sein Haar gleisst Flitter Gold,
sein Aug glitzt blau.
Sein Mund so rot
wie Blut blickt streng wie Wein,
Im Knie gebogen steht sein rechtes Bein.
Um enge Schenkel, alabastertot
Wirft sich der Mantelschwall, verbeenenrot.
Weiss, seine grosse, weite Mörderhand
Streift glänzend um das kniegestützt
Gewand.
Geschnitten in geglättetes Gestein,
Erglimmt sein Antlitz, hehr wie das des Kain.
Auf seiner Hochstirn brauner Haselnuss
Karfunkelsteine zucken mit dem Fluss --
Er sitzt, ein roter Specht lacht wie ein Narr,
Sein Aug ist blau,
sein Sonnenherz ist starr.
Um seine Scharlachlippen biegt der Gram
Des, der zu schlagen tief, zu töten, kam
--
Auf seinem Scharlachmantel liegt die
Hand
Die morgen dir zermorscht Getier und Land.
Die, jach, auch dich versehrt, du Mensch - o Wurm,
Es ist der Trüger Herbst
- der Tod - der Sturm!
=Hinweis
auf Greves 1907 Gedicht "Erster Sturm"
UND 'Fanny Esslers' 3. Sonett (1904, Mund)
Es ist Vernichtung, heulende, in Wut,
Die dir das Blut verdirbt - verdünnt das
Blut.
Es ist die Kälte, es ist alles Weh,
Siehst du das Rot? Es ist der Schalkknecht - geh!
Glüht er auch wie ein Vogel, leuchtend schön
Es ist Verwesung, wo sie tritt - Gestöhn.
Greve's "Erster Sturm" (Die
Schaubühne, 1907)
Faksimile
der drei FE Sonette, Oct. 1904: Hand, Auge, Mund
|
2nd,
3rd, &1st FE
Sonnets, Oct.1904
II. Ein breites, schweres und gewölbtes
Lid --
Die Haut verrät des Blutes rote Gänge --
Und wunde Blässe an den Rändern zieht
Um gelbe Wimpern dünne Seidenhänge:
Ein Auge, daß die
Müdigkeiten mied,
Das noch vom frechsten Denken Tat erzwänge,
Das hell und unberührt die Dinge sieht
Unter des Lides purpurblasser Länge --
...
III.
Sein Mund der feinen und geschwungenen Züge
Wechselt im Spiel von Scherz und Energie --
Die schmale Oberlippe ist, als trüge
Sie herbe Klugheit, leichte Fantasie:
Die untere schweift ein volleres Gefüge
Dem schwere Sinnlichkeit das Zeichen lieh:
Und beide sind der Thron der großen Lüge:
Auf scharlachrotem Kissen lagert sie
...
I. Aus schmaler Wurzel
festgefügtem Bau
Wächst schlank und groß die weiße
Hand hervor-
So schimmern weiß die Hände einer Frau
--
Ein Netz von Adern hebt die Haut empor:
Darinnen leuchtet kalt ein blasses Blau
Wie Wasser, das in kleinen Flüssen fror --
Die Regung jedes Fingers zeigt genau
Der Rückenknochen dreigezweigtes Rohr:
... |
"Herbst" ist eine frühere Variante von Freytag-Loringhovens
ebenfalls zwei Seiten langem Gedicht "Schalk," das
am oberen Rand den wertvollen Hinweis "Sparta, Kentucky,
am Eagle Creek" liefert, und unten ausdrücklich
angibt: "Der Herbst ist -- als Bild -- ein Porträt
Felix Paul Greves." Mit
diesem wenig schmeichelhaften "Porträt" wird
Greves endgültiges Verschwinden aus Elses Leben in Sparta,
Kentucky, literarisch glänzend verarbeitet. Als Ausgangspunkt
und Grundlage für ihre gründliche Abrechnung zieht
Else "Ein Porträt: drei Sonette" von 1904/5
heran (siehe rechte Spalte): schon damals war von seinen wenig
einnehmenden kalten Augen, den brutalen Händen und dem
Lügen-Mund die Rede. Nun, zwanzig Jahre später,
stellt sie noch eine ganze Reihe von weiteren, Eigenschaften,
wie seine alabastertoten Schenkel (Str. 4), sein steinernes
Antlitz (Str. 6), und sein starres Herz (Str. 8) dar, die
alle seine Kälte unterstreichen. Außerdem
integriert sie meisterhaft Elemente aus Greves Lieblingsgedicht
"Erster Sturm" von 1907. Das es ihm offensichtlich besonders
am Herzen lag, kann man schon daraus ersehen, daß er
es als Grove in Kanada auch in den zwanziger Jahren in fast
identischer Form niederschrieb, und es außerdem kunstgerecht
in ein realistisches, kanadisches Wintergedicht übersetzte
(Grove Collections, University of Manitoba). Im
neuromantischen Original wütet ein allegorischer Herbststurm
durch die Lande. Aber anstatt wie Greve Nietzsches Verherrlichung
individueller Selbstverwirklichung "jenseits von Gut
und Böse" zu huldigen, verlagert Else den Schwerpunkt
eindeutig auf den zerstörerischen Aspekt der außer-moralischen
"Naturgewalt", die für niemand anderen als
Greve selbst steht. Obwohl ihr "Herbst"-Gedicht
alles andere als satirisch leicht und lustig ist, erweist
es sich durch den doppelten Bezug auf die früheren Gedichte
als eine ausgesprochen gelungene Parodie.
Der unter Elses und Greves gemeinsamem Pseudonym 'Fanny Essler'
erschienene Gedichts-Zyklus von 1904/5 und Else's Variante
von "Herbst", das Gedicht "Schalk", sind
schon veröffentlicht und eingehend mit Greve/Groves "Erster
Sturm" verglichen worden. (Divay, 1994 & e-Ed.
2005). Eindeutige Hinweise in ihrer Autobiographie und
seinen Briefen an André Gide im Oktober 1904 belegen,
daß er sich nicht nur ihr Material, sondern auch ihre
Schreibversuche angeeignet hat: ihre Lebensgeschichte veröffentlichte
er als seine eigenen Romane im Flaubert-Gewand, ihren sieben
'Fanny Essler' Gedichten, die ausschließlich IHN zum
Thema haben, gab er die perfekte, petrarkistische Gestalt.
Nicht umsonst hatte er schon um 1898 Sonette aus Dante's Vita
Nuova übertragen, und auch in seiner Gedichtssammlung
Wanderungen (1902) gab es eine Reihe von Sonetten.
Die Struktur der 'Fanny Essler' Gedichte bemüht eine
weitere Eigenart der Tradition des Dolce Stil Nuovo:
die zyklische Anordnung. Wie in einem mittelalterlichen Flügelaltar
bilden je zwei narrative Gedichte den zeitlich-geschichtlichen
Rahmen [Greve in absentia auf der Nordsee Insel Föhr
und im sizilianischen Palermo] für das zeitlos-statische,
dreiteilige Sonetten-Porträt mit Else/Fannys angehimmeltem
Liebes-Objekt im Zentrum. Ein Vergleich mit Greves eigenen,
geschwollenen Gedichten um diese Zeit zeigt, daß ihm
nur hier und dank Elses Inhalt ein ausgesprochenes Meisterwerk
gelungen ist.
Zurecht hat Else ihm später künstlerisches
Talent abgesprochen, seine Form- und Geschäftsbegabung
dagegen hervorgehoben. Im Zusammenhang mit "seinen"
Romanen sagt sie:
"He
even thought of himself as a genius, art genius... until the
end when he broke off, or down, his career deciding to become
a business genius, or potato king in America. Felix had written
two novels. They were dedicated to me in so far as material
was concerned; it was my life and persons out of my life.
He did the executive part of the business, giving the thing
the conventional shape and dress. He esteemed Flaubert highly
as stylist...so he tried to be Flaubert...He took it all outwardly
as mere industry, except for the material in it. They must
be fearful books as far as art is concerned." (Ab. 34-35)
Ihr treffendes Urteil gilt nicht nur für Greves Werk,
es gilt auch für sein gesamtes weiteres Schaffen in Kanada,
von dem Else nichts mehr wußte. Er tauchte im September
1912 als Frederick Philip Grove in Manitoba auf, und lehrte
ein ganzes Jahrzehnt lang in den entlegensten Ecken der selbst
schon reichlich entlegenen Prärie-Provinz. Daß
er sich regelrecht vor Else versteckt hielt, liegt nahe, und
seiner zweiten Frau, Catherine "Tina" Wiens, von
ihm auch häufig "Ti" genannt, gegenüber
erwähnte er schon 1915, daß er vielleicht auf Knall
und Fall seine Sachen packen und verschwinden müßte,
"wegen einer Frau". Seine Befürchtungen waren
in der Tat gerechtfertigt. Wenn Else herausgefunden hätte,
wo ihr treuloser FPG sich niedergelassen hatte, wäre
sie ihm mit einiger Sicherheit gefolgt, und Schlimmes wäre
ihm bestimmt zuteil geworden. Greve/Grove hätte aber
auch zusätzliche Grunde für sein freiwilliges Exil
im ländlichen Manitoba haben können: vielleicht
verließ er seinen letzten, vor-kanadischen Posten als
Buchhalter bei der Amenia & Sharon Land Company, einer
Bonanza-Farm bei Fargo, North Dakota, nicht ganz so freiwillig
wie er es in seinen autobiographischen Büchern von 1927
& 1946 dargestellt hat.
Grove's erster und einziger Artikel vor 1922 war "Rousseau
als Erzieher" in der deutschkanadischen Tageszeitung,
Der Nordwesten von November bis Dezember 1914. Der
Inhalt bestätigt Elses Aussage, daß Greve in Amerika
ein mehr erdgebundenes als großstädtisches Leben
führen wollte. Die Wendung "zurück zur Natur"
schloß zu ihrem Leidwesen auch das Wiederaufleben seines
alten Jungfrauen-Ideals ein, dem er vor ihrer Zeit um 1901/2
anhangen hatte. Vermutlich war Helene Klages die "travelling
virgin," von der Else erbost berichtet. Vor allem anderen
bot dies den Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen,
und gipfelte schließlich 1911/12 in der endgültigen
Trennung in Sparta, Kentucky.
Grove scheint ein wachsames Auge auf Elses weiteren Werdegang
gehabt zu haben. Jedenfalls blieben seine beiden ersten Bücher
(1922&1923) noch harmlose Landschaftsbeschreibungen, die
wie alle FPG Prosawerke nach dem Bonner Gefängnisaufenthalt
in 1903/4 deutlich Flauberts symbolischem Realismus verpflichtet
sind. In Groves erstem kanadischen Roman Settlers of the
Marsh (1925) wird die Kentucky-Zeit therapeutisch dann
verarbeitet, und zwar auf Elses Kosten, der er in der "femme
fatale" Gestalt Clara Vogel ein ausgesprochen bösartiges
Denkmal gesetzt hat. Der tugendhafte, mit dreißig Jahren
noch unschuldige [!] Niels/FPG -- ganz und gar blütenweiß
-- erliegt den Verführungen der verworfenen Frau -- ganz
und gar pechschwarz --, heiratet sie, und sieht sich schließlich
gezwungen, sie zu erschießen. Obwohl Greve seine Frau
in Wirklichkeit nicht umbrachte, sondern sie nur feige mittellos
in der Kentucky "Wildnis" sitzenließ, kann
man unschwer ein gewisses Wunschdenken in Grove's Buch entdecken,
und nur zu gerne hätte er ihr wahrscheinlich bei den
temperamentvollen, ehelichen Auseinandersetzungen den Hals
umgedreht. Im
Herbst 1925, als das Buch erschien, war Else schon seit reichlich
zwei Jahren wieder in Berlin. In seiner hochinteressanten,
halb-fiktiven Autobiographie von 1927 wird das Jahr in Kentucky
mit ihr einfach unterschlagen, wahrscheinlich, weil es ja
schon in seinem "Pionierroman" abgehandelt worden
war. Auch sonst wird sie nirgendwo erwähnt, obwohl er
manchmal scheinbar grundlos auf sie anspielt: so sagt er zum
Beispiel im Zusammenhang mit Palermo, daß sein Kommen
nach Amerika mit einer Frau zu tun gehabt habe. Grove's
Settlers Roman war noch nicht einmal der Skandalerfolg,
den er herauszufordern versuchte, und zwar mit dem Hinweis,
daß sein Buch ganz wie seinerzeit Flauberts Madame
Bovary einer prüden Zensur zum Opfer gefallen war.
Für die kanadischen Verhältnisse der Zeit war der
Absatz nicht gerade schlecht, wenn er auch kaum Grove's hochgesteckten
Hoffnungen entsprach, und die Rezensionen waren im Ganzen
gesehen durchaus freundlich. Weit über die Grenzen gelangte
der Ruhm allerdings nicht. Selbst wenn Else sich 1925 noch
in New York aufgehalten hätte, ist es unwahrscheinlich,
daß ihr FPGs Bericht über ihre langjährige
Verbindung zu Augen oder Ohren gekommen wäre. In Berlin
oder gar Paris waren die Chancen dafür gleich Null. Es
ist interessant, daß Grove die Beziehung sieben Jahre
dauern läßt, also ohne das Gefängnisjahr von
1904 bis 1911 rechnet, während sie aus Elses Sicht "fast
zehn Jahre" gedauert hat, nämlich von Ende 1902
bis 1911.
In seiner gesamten kanadischen
Roman-Produktion hält FPG zäh an Flauberts Vorbild
fest. Seine Gedichte, zwar wohltuend vereinfacht, verraten
durchweg die sogenannte "George-Mache." Seine zeitkritischen
Essais lesen sich wie O. Spenglers Kulturkritik oder H. Vaihingers
Philosophie des Als-Ob. Nietzsche wird besonders offen
in Aphorismen nachgeahmt, so zum Beispiel Zarathustra
in Groves einundsechzig "St. Nishivara" Absätzen.
Aber schon der Titel des 1914 Rousseau-Artikels verweist ganz
gezielt auf die Dritte unzeitgemäße Betrachtung,
"Schopenhauer als Erzieher." Selbst das satirische
Fragment Consider Her Ways (1947) ist nicht viel mehr
als eine durchsichtige Swift-Imitation. Erstklassiger Handwerker
mit Geschäftssinn und Verkaufstalent -- Elses scharfsinnige
Formel für Greves europäisches Wirken von 1902 bis
1911/12 hat sich auch fünfundzwanzig Jahre darüber
hinaus für Groves Werk von 1914-1948) bewährt.
Groves starres Festhalten an traditionellen Mustern läßt
Elses künstlerische Anpassungsfähigkeit umso heller
leuchten. In dem Nachlaß kann man ihren typischen Arbeitsprozess
verfolgen: ausgehend von wohlgeformtem, neuromatischen Material
-- sie scheint um 1900 mehr gedichtet zu haben als sie zugibt
-- streicht sie resolut alle Bindewörter und oft noch
Wichtigeres, bis schließlich expressionistisch anmutende
Wortgebilde oder auch nur noch nackte, aber erstaunlich ausdrucksstarke,
Wortkolonnen übrigblieben. Die veröffentlicht sie
dann auf Englisch. Reine dadaistische Lautgedichte, Bildgedichte
oder spontane, expressionistische Neuschaffungen bleiben relativ
selten.
FPG hat auf beiden Kontinenten Rollen gespielt, Masken getragen,
und sein enormes Wissen kunstfertig verwertet. Er war ein
Hochstapler von Format in seiner Frühzeit, und seine
Bedeutung heute liegt weniger in seinen fast unbekannten Werken
als in seinem Doppelleben, und in seinen Kontakten zu Stefan
George, Gide, H. G. Wells und vor allem Thomas Mann, für
den er sehr wahrscheinlich das Modell des Felix Krull
abgab (Divay, 1996). Else ist immer nur sie selbst gewesen.
Trotzdem war sie eine begabte Künstlerin, während
seine eigentliche Begabung dem selbst empfundenen "Genie"-Anspruch
kaum Rechnung trug. Eine zeitlang war FPG zwar ein großer
Fisch im kleinen kanadischen Teich, Else aber genießt
noch heute wohlverdienten Ruhm als ein vielleicht kleiner
Fisch in immerhin internationalen Gewässern.
Als "Freundin bedeutender
Männer" (Musil) war Else um 1900 in Europa und um
1920 in Amerika weit mehr als nur Inspiration und Muse. Es
ist gut möglich, daß sie auch an der Berliner und
Pariser Kunstszene der zwanziger Jahre aktiveren Anteil hatte,
als man heute annimmt: "Sturm"-Briefpapier
bringt sie in den Umkreis dieser bekannten, expressionistischen
Zeitschrift und Kunstgalerie; ein Zettel mit Brancusis Atelier-Adresse
und ein Reklameblatt für Kikis Kunstausstellung in 1927,
auf dem Else auch James Joyce erwähnt, verweisen auf
wichtige Verbindungen in Paris (Maryland Nachlaß).
Wenn auf der Kunstseite noch viel zu ihrem Vorteil zu entdecken
ist, sieht es für eine erweitere Charakterzeichnung ihrer
Person eher traurig aus. Ihr Geisteszustand darf im Licht
der erpresserischen Aktionen, ob in Gedicht- oder Briefform,
in Frage gestellt werden. Schon von New York aus bekam die
Freytag-Loringhoven Familie von ihr zu hören. Der Herr
General im Reichstag ließ diese Angelegenheit sowie
einen erneuten Versuch aus Berlin durch seinen Rechtsanwalt
in Jena regeln (Box 5, Personal Papers); und als Berenice
Abbott 1921 in Paris eintraf, wo sie sich bald als Man Ray's
Assistentin zur bekannten Porträt-Photographin entwickeln
sollte, mußte sie André Gide einen von Elses
formal und inhaltlich extravaganten Brief überbringen.
Er enthielt die sonderbare Aufforderung, er solle sie nach
Paris kommen lassen und dort zum künstlerischen Vorteil
dieser Stadt aushalten.
Ein ähnlich größenwahnsinniges Angebot scheint
sie dann aus Berlin auch an Bernhard Shaw gerichtet zu haben
(Entwurf in Box 5; ebenfalls erwähnt in Briefen an Djuna
Barnes). Ihr Anerbieten war in diesen beiden bekannten Fällen
derart übertrieben, um nicht zu sagen, verrückt,
daß es sowohl von Gide als auch von Shaw einfach ignoriert
wurde.
Mit Behmer,
Richard Schmitz, Hardt und Endell hat sie nachweislich
Verbindung aufgenommen, und fast allen hat sie mit Enthüllungen
intimer Erinnerungen gedroht. Vielleicht hat sie die
beiden hier vorgeführten Gedichte sogar herumgezeigt
oder veröffentlicht, aber selbst wenn sie nur gezielt
an die jeweilige Adresse geraten sein sollten, war der
wahrcheinliche Effekt katastrophal. Hardt hat sie dabei
vermutlich die Ehe, Endell sogar das Leben gekostet.
Somit hat die Funktion dieser Gedichte von "Kunst
als Aufarbeitung" zur "Kunst als Erpressungsmittel"
verlagert. Sie bestätigen zwar, daß Else
eine ausgezeichnete Künstlerin war, aber auch,
daß sie als Gesamtpersönlichkeit sich oft
skrupel- und rücksichtslos gebärdete.
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Fußnoten & Bibliographische Angaben
"Kiki (Alice Prin), Vernissage, 25.3.-9.4.1927;"
auf der Rückseite, Else's Sonnet "Herzlich,"
"inspired by J.J.'s Ulysses," und eine Notiz
[an Djuna Barnes?] ,daß es besser in der deutschen Version
ist, weil "Herz" da mit "Unverz" reimt.
Kiki war das bekannte Modell Man Rays.
Elsa
Baroness von Freytag-Loringhoven Collection. University
of Maryland, College Park.
Greve/Grove Collections, University of Manitoba Archives.
Divay,
Gaby, "Fanny Essler's Poems: Felix Paul Greve's
or Else von Freytag-Loringhoven's?" Arachne: An
Interdisciplinary Journal of Language and Literature,
v. 1, no. 2 (1994), 165-197.
rev. e-Edition: http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/FEArt/
Divay,
Gaby, "F. P. Greve/Grove's Relations with
Thomas Mann, 1902 & 1939," Midlands Conference
on Language and Literature, Creighton University, Omaha, March 1996.
Hardt, Ernst. Briefe an Ernst Hardt: eine Auswahl
aus den Jahren 1898-1947. In Verbindung mit Tilla Goetz-Hardt,
hrsg. von Jochen Meyer. Marbach: Deutsches Literaturarchiv,
1975.
Reichel, Klaus. Vom Jugendstil zur Sachlichkeit: August
Endell, 1871-1925. [Dissertation]. Bochum, 1974.
Van Rysselberghe, Maria van. Les cahiers de la petite
dame. 4 v. Paris: Gallimard, 1973-1977.
Original im Anhang, hier aber parallel
zu Else's Gedicht "Herbst":
Elses Inhalt -- Greves Form: "Ein Porträt:
Drei Sonette" / von Fanny Essler
(Freistatt 6, Heft 42, 10. October
1904, 840-41)
Seit März 2005 sind alle
sieben 'Fanny Essler' Gedichte zweisprachig auf
der folgenden Netzseite zu finden: http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/FEPoems05/
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