Einleitung
In Kröners Philosophischem Wörterbuch heißt
es unter dem Stichwort Goethe (S.239):
"In der Gegenwart (1978) beschäftigt
man sich eingehend mit den naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes weil
man in ihnen ein Mittel zu finden hofft zur Vereinigung des mathematisch-physikalischen
Weltbildes - das "richtig", aber unanschaulich ist, - mit dem
naivnaturalistischen - das anschaulich, aber eben nicht "richtig" ist."
Dieses Interesse an Goethes Auffassung der Natur findet seine Berechtigung
in einem ethischen Anliegen, das wegen heutiger Probleme wie Umweltverschmutzung,
atomarer Waffenbedrohung und technologischem Übergewicht im Alltagsleben
zu einer kritischen Überprüfung des gängigen naturwissenschaftlichen
Weltbildes herausfordert. Zwei Weltkriege und die ständige Gefahr
einer monumentalen Selbstvernichtung der Menschheit durch nukleare Errungenschaften
haben die euphorische Bewertung des technologischen Fortschritts einer
negativ-kritischen Beurteilung weichen lassen.
Goethes Auffassung der Natur steht in polarem Gegensatz zu der mechanistisch-positivistischen
Richtung im Gefolge Bacons. Sie sieht den Menschen als integrierten Bestandteil
der Natur und ist durch ein respektvolles Verhältnis zu einer umfassenden
Ordnung und insbesondere zur organischen Natur gekennzeichnet. In Goethes
naturwissenschaftlichen Versuchen tritt eine geduldige und behutsame
Befragung zu Tage, deren einziges Ziel ein vertieftes Verständnis
der Natur ist. In diesem Zusammenhang spricht er von einer "zarten
Empirie", die allerdings einen hohen Grad ethischer Reife voraussetzt: "Es
gibt eine zarte Empire, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch
macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird." ( M&R,
Nr.509)
In den modernen Wissenschaften steht der Mensch der Natur schroff gegenüber,
und wenn er sie mit seinen Methoden befragt, liegt ihm an einem Naturverständnis
nur insofern, als es sich zur Naturausbeutung eignet. Man hat es also
da mit einer brutalen Empirie zu tun, deren Zielrichtung die einseitig
betriebene Nutzung im Hinblick auf den Menschen ist. Dabei wird rücksichtslos
abgebaut und ausgenützt was in dieser Sicht als "notwendig" erscheint.
Die zerstörerische Wirkung dieser Richtung sieht man nach knapp
300 Jahren an den erwähnten Umweltsproblemen, die deutlich einen
Erschöpfungszustand der Natur anzeigen. Der explosiv anmutende Fortschritt
auf technischem Gebiet steht mittlerweile in bedrohlichem Mißverhältnis
zu einem nur schwer faßbaren ethischen Bereich, in dem eine vergleichbare
Entwicklung nicht feststellbar ist. Weitdenkende Atomphysiker haben deshalb
die Menschheit mit einem Kleinkind verglichen, das ein gefährliches
Spielzeug in der Hand hält.
Goethe scheint diese bedrückende Situation vorausgeahnt zu haben.
Jedenfalls polemisiert er mit ungewöhnlicher Ausdauer und Verbissenheit
gegen Newton, der für ihn das neuzeitliche physikalische Naturverhältnis
verkörpert. Die zunehmende Abstraktion im wissenschaftlichen Denken
bildet für ihn eine lebensfeindliche Kluft zwischen Natur und Mensch,
und die Entwicklung immer komplizierterer Instrumente sind ihm ein Symbol
für diese Entfremdung.
Im folgenden wird versucht, der Entwicklung der Goethe'schen
Naturauffassung zu folgen, wobei besonders die naturwissenschaftlichen
Interessen von etwa 1780-1810 näher beleuchtet werden.
Der junge Goethe
In der frühesten Phase lassen sich naturmystische Anklänge
feststellen, wenn Goethe einen Altar für die Natur errichtet, auf
dem er die außer ihm waltenden Naturkräfte als etwas Geheimnisvolles
und doch Wesensgleiches verehren will. Ein naturmystischer Zug haftet
auch seinem Interesse für die hermetische Tradition und besonders
für die Magie an, die er 1769/70 im Kreise Susanne von Klettenbergs
pflegt.
Als er im Winter 1770 Herder in Straßburg kennenlernt, der diese
Bestrebungen als veraltet und unseriös bewertet, verheimlicht Goethe
sorgfältig seinen "mystisch-kabbalistische(n)" Hintergrund.
Die Überzeugung, daß in der Natur eine geistiges Kraft herrscht,
behält er allerdings sein Leben lang bei.
Für die Zeit vor Goethes naturwissenschaftlichen
Studien überwiegt
also ein gefühlesbetontes, mystisches Naturverhältnis, wie
es sich beispielsweise im Ganymed (1774) oder in der ersten Hälfte
des Werther (1774) ausdrückt. Bezeichnend ist, daß während
der Sturm-und-Drang Periode die Kunstproblematik Goethes Denken bestimmt.
Das Genie wird im Sinne Shaftesburys als eine unbändige Urkraft
aufgefaßt, und unterliegt einem immanenten Entwicklungsprinzip
oder einer inneren Form. Die äußere Form wird erst gegen Ende
der Frankfurter Zeit, wenn auch noch widerwillig, als notwendig anerkannt: "Jede
Form, auch die gefühlteste, hat etwas Unwahres; allein sie ist ein
für allemal das Glas, wodurch wir die heiligen Strahlen der verbreiteten
Natur ... sammeln" ( Der junge Goethe, Bd.5, S.352-3). Wachsmuth
(S.145) sieht in dieser Äußerung aus dem Vorwort zu Goethes
Brieftasche "einen ersten Brückenschlag zum nächsten
Lebensabschnitt".
Die frühen Weimarer Jahre
Als ersten naturwissenschaftlichen Beitrag sieht Dorothea Kuhn (1971,
S.164) die Mitarbeit an Lavaters Pysiognomischen Fragmenten,
von denen Goethe 1775 bemerkt, daß darin vom Äußeren
auf das Innere geschlossen werde. Ein wirklicher Umschwung von einer
innerlich gefühlten zu einer äußerlich dargestellten
Naturgesetzmäßigkeit, den Wachsmut (S.147) mit einer "kopernikäischen
Wendung" bezeichnet, vollzieht sich aber erst in den frühen
Weimarer Jahren.
Goethes innere Form der Genie-Zeit wird gern mit neuplatonischem Gedankengut
in Verbindung gebracht. Sie findet nun ihre Entsprechung in einem Formbegriff,
der letztlich auf Aristoteles zurückgeht. Daß die Monade sowohl
bei Giordano Bruno als auch bei Leibniz mit der aristotelischen Entelechie
auffallende Gemeinsamkeiten hat, ist offensichtlich, und auch die damit
verbundene Teleologie der keimhaft angelegten, wesenhaften Entfaltung
in einer graduellen Stufenfolge der Natur entspricht dem aristotelischen
Physis-Begriff (Nobis, S.56).
Leibniz hat mit dem Bild der lückenlosen Kette ("Natura non
facit saltus") einen außerordentlich großen Einfluß auf
das Naturbild des 18. Jahrhunderts ausgeübt. Durch Haller, Buffon
( Histoire naturelle (1749; dt.1771), und vor allem durch die
Keimlehre des Schweizer Biologen Bonnet findet sie weite Verbreitung.
Goethe soll Bonnet schon 1772 gelesen haben, und vor allem der Glaube
an kontinuierliche Übergänge in der Natur (Leibniz' Diktum
bei Bonnet:"Die Natur leidet keinen Sprung") findet sich überall
in Goethes geologischen, morphologischen und optischen Studien.
Anfang der achtziger Jahre liest Goethe mit großer Begeisterung
Buffons Contemplation de la nature(1764-1804) in dem
Nisbet das bedeutendste naturgeschichtliche Werk des 18. Jahrhunderts
sieht. Ähnlich wie Bonnet in den fünfziger Jahren von "moule
intérieur" und "dessin primitif" spricht, findet
Goethe hier den Begriff von einem "modèle intérieur".
Goethe ist überzeugt, daß ihm die Natur auf geduldige Befragung
ihr Geheimnis eines Urplanes enthüllen wird, und so hat er sich
zur Zeit seiner intensivsten Naturforschungen nicht entmutigen lassen,
Anzeichen dieses Planes zu entdecken und zu beschreiben.
Durch seine praktischen Aufgaben im Bergbau, Forstwesen und in der Weg-
und Wetterkommission sieht sich Goethe zu den verschiedensten naturwissenschaftlichen
Beobachtungen angeregt, und er eignet sich nun ein erstaunlich weitgreifendes
und gründliches Wissen an. Schon 1780 läßt er seine umfangreiche
Mineraliensammlung ordnen, und für Frau von Stein sind durch ihn "die
gehässigen Knochen und das öde Steinreich" interessant
geworden (HA,13,S.587).
1781 hört Goethe bei Loder in Jena anatomische Vorlesungen, und
nach eingehenden Untersuchungen kann er 1784 das Vorhandensein des Zwischenkieferknochens
im Menschen nachweisen. Er wurde bis dahin dem Menschen abgesprochen
und galt daher als Beweis, daß die Tiere grundlegend anderer Art
seien.
An Herder schreibt er (27.3.1784):
"Ich verglich
mit Lodern Menschen- und Tierschädel, kam auf
die Spur und siehe da ist es ... es ist wie ein Schlußstein zum
Menschen, fehlt nicht, ist auch da! Aber wie! Ich habe mirs auch in Verbindung
mit deinem Ganzen gedacht, wie schön es da wird." (HA, 13,
S.586).
Dieses "Ganze" ist der erste Teil von Herders Ideen,
der 1784 erschien und sich nach Wachsmuth (S.17) wie ein naturphilosophischer
Kommentar zu Goethes praktischen Studien ausnimmt.
Wie Goethe in einem Brief an Knebel (17.11.1784) zeigt, geht es ihm
darum, an den Tatsachen die lückenlose Stufenfolge und damit die
Harmonie der Natur zu beweisen. Im zweckvollen Aufbau der Tiere oder
des Menschen läßt sich diese Harmonie im Kleinen, im Inneren
beobachten. Zusammengenommen bilden aber auch alle Geschöpfe ein
harmonisches Ganzes: "Und so ist wieder jede Kreatur nur ein Ton,
eine Schattierung einer großen Harmonie."
Der Gedanke einer kosmischen Harmonie geht auf die pythagoräische
und platonische Sphärenmusik zurück und steht in engem Zusammenhang
mit der Stufenfolge. Herder und Goethe sind sich bis in die 90er Jahre über
diese Grundgedanken einig, wobei bei Herder der Humanitätsbegriff,
bei Goethe der Formbegriff zentral ist.
Um 1785 beginnt Goethe seine botanischen Studien, und auch hier geht
es ihm darum, einen weiteren Nachweis für die "große
Harmonie" anhand der "wesentlichen Form" (an Frau von
Stein, 5. & 10.7.1786) zu erbringen. Seine fluchtartig unternommene
Italienreise im Herbst 1786 war unter anderem auch durch die Hoffnung
motiviert, dort das "Muster", das "Modell", oder
mit einem später Terminus, den "Typus" aller Pflanzen
zu finden . In Palermo meint er, diesem Urbild greifbar nahe zu sein
(9.6.1787, an Fr.v.Stein).
Allerdings muß er bald einsehen, daß er das Naturgesetz
der inneren Formung aller Pflanzen keineswegs schlüssig darstellen
kann. Deshalb beschränkt er sich nach seiner Rückkehr aus Italien
auf die Beschreibung der kleinen Harmonie, nämlich auf das Urorgan
des Blattes: alle Teile der einjährigen Pflanze sind spezialisierte
Blattformen, vom kräftigen Stengel bis zum zartesten Blütenblatt.
Die knolligen Wurzeln, die hier nicht ganz ins Bild passen wollen, vernachlässigt
er dabei geflissentlich.
Den Gedanken der Metamorphose versucht Goethe bald nach 1790 auf das
Knochengerüst der Säugetiere anzuwenden. Dabei sucht er von
vornherein nach dem bestimmenden Organ, das er im Wirbelknochen vermutet.
Auf seiner zweiten Italienreise findet er 1790 auf dem Judenfriedhof
in Venedig einen zerborstenen Schafsschädel, an dem er sich von
der Natur darin bestätigt fühlt, daß der Schädel
aus Wirbeln geformt ist.
Auch hier wollte sich die verheißungsvolle Entdeckung
nicht gefügig
erweisen:
"Nur für einige Knochen des Kopfes schien ihm die
Umwandlung aus dem Wirbelknochen aufzeigbar. Für die Hilfsorgane:
Arme, Beine, Rippen, ging es schon gar nicht. Wie Oken es siebzehn Jahre
später
tat, die Parole in die Welt zu rufen: 'Der ganze Mensch ist nur ein Wirbelbein,
das war nicht Goethes Art.'" (Wachsmuth, S.21).
Nachdem der Wirbel als Organ-Modell versagt hat, sucht Goethe bis etwa
1796 nach dem Urtypus der Gestalt der Wirbeltiere. Obwohl er zu keiner
homogenen Typuslehre gelangt, bildet seine vergleichende Methode die
Grundlage der exakten Anatomie, die der Biologe Owen 1840 als Homologielehre
einführen wird.
Goethes morphologische Studien bleiben insgesamt fragmentarisch. Abgesehen
von der Metamorphose der Pflanzen (1790) wurde keine seiner Arbeiten
veröffentlicht. Der 1806 unternommene Versuch einer "Einleitung
zur Morphologie" geriet über die Anfangstadien nicht hinaus.
Erst in den sechs Heften "Zur Naturwissenschft überhaupt" (1817-1824)
erscheinen die wichtigsten Hauptgedanken in der Öffentlichkeit.
Der Goethe der Farbenlehre
Der entscheidende Anstoß zu seiner intensiven Beschäftigung
mit der Farbenlehre erfolgt rein zufällig: 1790, als Goethe lange
entliehene Prismen an den Jenaer Hofrat Büttner zurückgeben
soll, will er sie vorher noch schnell ausprobieren (G, Gesch. d. Farbenl., Konf.,
S.259). Zu seinem Erstaunen stellt sich die erwartete farbige Aufsplitterung
des Lichts nicht ein, und nur an der Grenze von Hell und Dunkel zeigen
sich Farben. Er folgert daraus, "daß eine Grenze notwendig
sei, um Farben hervorzubringen", und "daß die Newtonische
Lehre falsch sei. Nun war an keine Zurücksendung der Prismen mehr
zu denken." (ibid). Man ist sich damals wie heute einig, daß Goethe
hier irrt und dies bei genauerer Kenntnis Newtons auch hätte einsehen
können.
Goethe selbst spricht davon, daß "ein entschiedenes Aperçu" --
nämlich seine Intuition der falschen Folgerungen Newtons -- "wie
eine inokulierte Krankheit anzusehen" sei (G. Gesch. d. Farbenl., Komm.,
S.263), und das weist mit den deutlich polemischen Angriffen auf ein
emotional bedingtes Verhältnis zu seinem Forschungsobjekt. Während
Newtons Theorie das Licht in heterogene Teile zerlegt, ist es Goethe
um grundlegende Einheit zu tun: "Das Licht ist das einfachste, unzerlegteste,
homogenste Wesen, das wir kennen. Es ist nicht zusammengesetzt. Am allerwenigsten
aus farbigen Lichtern ... Die Farben werden an dem Licht erregt, nicht
aus dem Licht entwickelt".
Mehrmals erwähnt er Newtons Versuchsbedingungen, insbesondere die Camera
obscura (S.259, 261), die das Licht zersplittert. Er wiederholt
Newtons Versuche, und richtet seine Dunkelkammer "so finster als
möglich" (S.261) ein, lehnt aber von vornherein diese "Taschenspieler-Bedingungen" (ibid)
ab.
Er will "die Farbenlehre aus ihrer atomistischen Beschränktheit
... dem allgemeinen dynamischen Flusse des Lebens und Wirkens" wiedergeben
(G., Zur Farbenlehre, §746, S.490), und fordert die Studenten
der newtonischen Optik auf: "Man verlasse die dunkel Kammer, erfreue
sich am blauen Himmel und am glühenden Rot der untergehenden Sonne
nach unserer Anleitung".
Erst die Anfänge der Spektralanalyse um 1820 bestätigen
Newtons Theorie, aber Goethe läßt sich auch davon nicht überzeugen:
"Frauenhofers
Bemühungen kenn ich; sie sind von der Art, die
ich ablehne ... Gott hat die Natur einfältig gemacht, sie aber suchen
viel Künste" (an Sternberg, 12.1.1823).
Obwohl Goethes sorgfältige Versuchsreihen durchaus mit der inkuktiven
Methode vereinbar sind, widerstrebt ihm Newtons "hypothetisch-deduktives" Denken
(Nisbet, S.222), weil dieses sich eben durch ein allzugroßes Abstraktionsbestreben
von dem Gesamtzusammenhang der Natur auszeichnet. Auch Goethe bedient
sich mitunter der verhaßten Instrumente, aber sein Vorgehen ist
im wesentlichen deskriptiv, oder, wie Bulle sagt, "auf eine Phänomenologie" ausgerichtet
(S.179).
Goethes "naturwissenschaftliches Denken (bleibt)
immer in engster Verbindung mit der erfahrbaren Wirklichkeit" (Reuther,
S.699). Bezeichnenderweise sieht er in der natürlichen Beschaffenheit
des Menschen und insbesondere im Sehorgan die besten Mittel der Naturerfassung:
"Der
Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient,
ist der größte und genaueste physikalische Apparat,
den es geben kann. Und das ist eben das größte Unheil ...
daß man ... blos in dem, was künstliche Instrumente zeigen,
die Natur erkennen will" (Brief an Zelter, 22.6.1808)
Obwohl Goethe letztlich eine Erfahrung höherer
Art, nämlich
den Zusammenhang der "reinen Phänomene" anstrebt (G., Erfahrung,
S.25) und damit auf erkenntnistheoretischem Gebiet weit optimistischer
ist als Kant, betont auch er des öfteren, daß vor allem das
Rätsel des Lebens als unerklärliche Tatsache akzeptiert und
verehrt werden muß:
"Diejenigen Körper, welche wir organisch
nennen, haben die Eigenschaft, an sich oder aus sich ihresgleichen hervorzubringen.
Dieses gehört mit zum Begriff eines organischen Wesens, und wir
können
davon weiter keine Rechenschaft geben."
Auf die kantischen Unterscheidung von Subjekt und Objekt, von Erfahrung
und Erkenntnis war Goethe zwar schon 1790 kurz nach dem Erscheinen der Kritik
der reinen Urteilskraft aufmerksam geworden, gelangt aber erst durch
Schillers Vermittlung zu einer bewußten Einschätzung seiner
methodologischen und philosophischen Grundlagen. Bis dahin leidet er
wie Aristoteles an "einer naiven Verkennung aller Schranken der
Erkenntnis" (Lange, Gesch.d.Material.,S.61). Wachsmuth nennt
ihn einen naiven Realisten, bis er durch Kant "für immer aus
der friedlichen Selbstverständlichkeit des Naturerkennens aufgestört" wird
(S.148; dies erinnert an den Skeptiker Hume, der gesteht, durch Kant
aus seinem "dogmatic slumber" erweckt worden zu sein). Unter
diesen Einflüssen verlagert sich zum Beispiel um 1795 in der Farbenlehre
der Schwerpunkt von Goethes Interesse vom Licht auf das Auge.
Ab 1798 übernimmt Schelling im naturwissenschaftlichen Bereich
mehr und mehr Schillers Stelle. Goethe erarbeitet sich nun die philosophischen
Grundlagen für den historischen Teil seiner Farbenlehre, der ihn
zwölf Jahre in Anspruch nimmt und ihm "immer wichtiger und
liebwerter" (HA, 10, S.462) wird.
Besonders intensiv hat Goethe sich mit mit dem Materialisten Lukrez
befaßt, der ihm zu der Zeit schon durch die Lukrez-Übersetzung
seines Freundes Knebel häufig vergegenwärtigt wird. Abgesehen
von zahlreichen Anleihen aus De natura rerum für die Farbenlehre
und später die Meteorologie (Bapp,S.54), ist hier besonders der
Plan eines kosmischen Naturgedicht zu erwähnen, den er um 1798/99
mit Schelling erwägt (Bapp, S.63). Die Gedichte "Metamorphose
der Pflanzen" und "Metamorphose der Tiere" gelten als
Fragmente dieses Planes.
Goethe schätzt Lukrez vor allem als Naturbetrachter, und auch seine
teleologische Auffassung -- nämlich, daß er "kein göttlich
Werk zu unserm Gebrauch" gelten läßt (zitiert bei Bapp)
-- findet seine Zustimmung. Lukrez' radikalen Materialismus und die Herrschaft
des Zufalls im Naturwalten, die er ja schon in den siebziger Jahren besonders
bei Holbach abstoßend fand, lehnt er allerdings ab.
Der "atomistischen oder mechanischen Vorstellungsart", die
für ihn auch Newton vertritt, setzt er seine als dynamisch bezeichnete
Denkweise entgegen. Dabei betont er den Hilfscharakter beider, und meint,
daß die dynamische Ansicht sich für das Werdende in der Natur,
die atomistische für das Gewordene eigne.
Während Newton die Aufgabe der Physik darin sieht, die Natur auf
mathematische Gesetze zurückzuführen, haben Goethes naturwissenschaftliche
Arbeiten immer den Menschen im Auge, der mit den Naturgesetzen in unauflösbarer
Wechselwirkung steht. In der Natur sieht er ein Symbol Gottes, der sich,
selbst unfaßbar, vor allem im Lebensprinzip offenbart. An seinem
Lebensabend sagt er zu Eckermann: "Die Gottheit ... ist wirksam
im Lebendigen, aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und Sich-Verwandelnden,
aber nicht im Gewordenen und Erstarrten" (13.2.1829). Damit bestimmt
er seine Grundeinstellung, wie sie nicht nur in seiner Naturwissenschaft,
sondern oft in engem Zusammenhang mit ihr auch in seinem dichterischen
Werk zum Ausdruck kommt.
Diese Lebensidee gehört zu seinem monistischen Weltbild, das sich
von dem des ebenfalls monistischen Materialismus durch ein auf Harmonie
beruhenden Zweckbewußtsein unterscheidet. Deshalb wendet sich Goethe
so häufig und so heftig gegen die "grenzenlose Vielfachheit,
Zerstückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre" (M&R,
Nr.662), wie sie in gesteigertem Maße noch unsere heutige Zeit
beherrscht.
Schluß
Damit kehren wir zum Ausganspunkt unserer Betrachtungen
zurück.
Weizsäcker verweist darauf, daß Goethe -- und dies doch wohl
im Gegensatz zur gängigen Einstellung -- "die Natur weder schaffen
noch überwinden (wollte), sondern
... sich als ihr Geschöpf (empfand) und sie verstehen und ihr gehorchen
(wollte)" (HA, 13, S.543).
Ernst Cassirer kommt zu dem Ergebnis, daß sowohl
die mathematisch orientierte als auch Goethes Betrachtungsweise in der
Natur nach einem umfassenden Gesetz suchen, daß aber "die
mathematische Formel darauf aus(geht), die Erscheinungen berechenbar,
die Goethesche, sie vollständig sichtbar zu machen" (zitiert
bei Neubauer, S.307).
Für Heisenberg ist die von Goethe befürchtete Trennung von
Natur und Mensch heute eine Tatsache. Den heutigen Naturforscher vergleicht
er mit einem Bersteiger in den höchsten Gipfelregionen, "in
der alles Leben erstorben ist, in der auch er selbst nur noch unter großen
Schwierigkeiten atmen kann" (1941, S.432). In mehreren Aufsätzen
erläutert der humanistisch gebildete Physiker das ethische Problem.
So stellt er in seinem Essay "Das Naturbild Goethes und die technisch
-naturwissenschaftliche Welt" die Frage, ob das auf Erfahrung und
Verstand gegründete Wissen der modernen Wissenschaft irgend einen
Wert habe (S.129), und meint schließlich, daß Goethes Warnung
vor einer Überbewertung rational-abstrakter Operationen heute ganz
besonders ernstzunehmen sei (S.141).
In Anschluß an Erich Hellers "Reise der Kunst ins Innere" behandelt
Heisenberg kurz vor seinem Tod die "Reise der Naturwissenschaft
in die Abstraktion" (1976, S.321). Hier verweist er auf die moderne
Biologie, die den "Bauplan des Organismus in der Nukleinsäure" entdeckt
hat. Der Erkenntniswert bleibt allerdings zweifelhaft, denn die Grenze
zwischen belebter und unbelebter Materie (S.322) unterliegt denselben
Unschärfenrelationen wie die Bestandteile des Atoms, die je nach
Versuchsanordnung Materie oder Energie sein können (S.324). Dass "Am
Ziel der Reise ... sich nicht mehr Leben und nicht mehr Welt" finden,
sondern die Suche nach "Klarheit" im Aufbau der Natur, scheint
für Heisenberg diese Methode zu rechtfertigen (S.325).
Weniger optimistisch zeigt sich Rapp (1984), der in Goethes "auf
eine unmittelbare, ganzheitliche Anschauung gegründeten Naturverständnis" (S.43)
ein historisches Überbleibsel einer besseren, aber leider nicht
mehr verbindlichen Einstellung sieht.
Auch Waaser (1951) sieht in Goethes Naturauffassung ein zwar ernstzunehmendes,
aber nicht genügend ernstgenommenes Modell: "Warum sich um
eine Natur- Erkenntnis bemühen, haben wir es in der Natur- Beherrschung so
herrlich weit gebracht!" Er verweist auf die "metaphysische
Unruhe" des kürzlich (1987) verstorbenen Atomphysikers de Broglie,
der sich schon vor Hiroschima gefragt hat, ob nach den wissenschaftlich
notwendigen Experimenten der Atomkernphysik "noch menschliche Wesen übrigbleiben."
Goethes "zarte Empire", der nach Böhler (S.335) "die
Funktion der Weit-sicht und Rück-sicht eigen" ist,
und die voraussetzen sollte, daß"sich der die Natur erforschende
.... Mensch...zugleich als Teil der Natur, und die Natur als Teil seiner
selbst, begriffe und danach handele", ist für die moderne Naturwissenschaft
nicht mehr maßgebend, denn sie ist im wahrsten Sinne der Worte "rückbindungsfrei
und rücksichtslos" (Flügge, S.442).
Originally presented at the 1987 German Studies Associaion (GSA) Conference in
St. Louis, MO.
How to cite this e-Version
Divay, Gaby. "Goethes Naturauffassung." Rev. e-Edition,
©September 2006.
http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/psg/goetheGSA87.html
(Accessed ddmmmyyyy [ex: 18nov2005].
[browser preview: 9 p.])
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