Bevor wir uns dem Thema der gegenwärtigen Arbeit zuwenden, halten
wir es für erforderlich, Hofmannsthals "Chandos-Brief" und
die Umstände seiner Entstehung einer eingehenden
Analyse zu unterziehen. Danach wollen wir uns vor
allem mit der Problematik der Ich-Fremdheit und
des damit zusammenhängenden Sprachzerfalls
beschäftigen, die uns für den erwähnten
Text zentral erscheint. Sie klingt auch mehrfach
in Hofmannsthals Frühwerk an und ist wohl
sogar symptomatisch für das Lebensgefühl
seiner ganzen Epoche. Die Weltanschauung des erkenntnistheoretischen
Skeptizismus und der atomistischen Physik Ernst
Machs, des "klassischen Philosophen des Impressionismus" (Friedell,
Bd.3, S.444), scheinen den Auflösungserscheinungen
des "Briefes" in erstaunlicher Weise
zu entsprechen.
Bei dem kurzen Prosa-Stück, das erstmals 1902 in der Berliner Zeitschrift Der
Tag veröffentlicht wurde, handelt es
sich um einen fiktiven Brief. Formal knüpft
Hofmannsthal dabei an ein antikes Beispiel an:
in einer seiner Episteln erklärt Horaz seinem
Freund Florus, daß er auf lyrische Betätigung
in Zukunft verzichten werde, um sich dem wahren
Leben zuwenden zu können (Kühn, S.24).
Indem Hofmannsthal die erfundene Gestalt Philipp
Lord Chandos an den historischen Francis Bacon
schreiben läßt und den Brief auf den
22. August 1603 datiert, wählt er als Stil-Modell
die kunstvolle rhetorische Ausdrucksweise des
frühen 17. Jahrhunderts. Wie er in einem
Brief vom 16. 1. 1903 seinem Freund Leopold von
Andrian erklärt, haben ihm dabei die Essays Bacons
als Inspirationsquelle gedient: "Ich blätterte
im August öfter in den Essays von
Bacon, fand die Intimität dieser Epoche
reizvoll, träumte mich in die Art und Weise
hinein, wie diese Leute des XVIIten Jahrhunderts
die Antike empfanden, bekam Lust etwas in diesem
Sprechton zu machen... Ich dachte und denke an
eine Kette ähnlicher Kleinigkeiten." (HvH./A,
S.160).
Wie Horaz begründet auch Lord Chandos das Einstellen seiner literarischen
Tätigkeit, wenngleich seine Gründe dafür
weniger kühl überlegt klingen und sogar
ausgesprochenen Krisencharakter haben. Inwieweit
die Gemütszustände des englischen Lords
denen seines Autors entsprechen, ist ein heiß umstrittener
Punkt in der Hofmannsthal-Literatur. Insbesondere
die Frage, ob der "Chandos-Brief" sozusagen
Katharsis-Funktion hat und einen Wendepunkt in
Hofmannsthals Schaffen darstellt, hat erbitterte
Diskussionen ausgelöst. Der autobiographische
Hintergrund des Briefes wird von einigen Autoren
besonders hervorgehoben, von anderen dagegen zugunsten
rein künstlerischer Absichten völlig
zurückgestellt. Werden autobiographische Zusammenhänge
anerkannt, so wird ihnen die verschiedenste Bedeutung
zugemesse. So wird häufig Lord Chandos mehr
oder weniger stillschweigend mit Hofmannsthal gleichgesetzt,
mit Hinweis auf die gut dokumentierten depressiven
Phasen in dessen Leben.
Sprachskepsis und Ich-Krisen, Seins- und Vergänglichkeitsproblematik
in Hofmannsthals Werk und Korrespondenz vor und
nach dem "Chandos-Brief" werden herangezogen,
um die Identität von Erzähler und Autor
zu untermauern. Da Lord Chandos aber aufhört
sich literarisch zu betätigen, Hofmannsthal
sich dagegen weiterhin als höchst produktiv
erweist, wird dem Kunstwerk eine therapeutische
Funktion zugeschrieben, die sich bei Erwin Kobel
(S.141) etwa folgendermaßen anhört: "Indem
Hofmannsthal den "Chandos-Brief" dichtet,
hat er dem Dichtertum entsagt und es zugleich wieder,
in einem neuen Sinn, ergriffen." Damit wird
auf die Tatsache angespielt, daß Hofmannsthal
bis etwa 1902 hauptsächlich lyrisch, danach
aber hauptsächlich dramatisch gedichtet hat.
Auch Hermann Broch in seiner ausgezeichneten Studie "Hugo
von Hofmannsthal und seine Zeit" vertritt
die Katharsis-Auffassung, und verbindet mit der
Entstehung des ""Chandos-Briefes"" sowohl
die Absage an die Lyrik und den Ästhetizismus,
als auch die Hinwendung zur volkshaften Prosa
und Dramatik (S.124). Broch geht sogar so weit,
den Lord Chandos-Hofmannsthal für schizophren
zu erklären (S.120), und Gotthart Wunberg
in seinem Buch Der frühe Hofmannsthal (S.3)
folgt ihm in diesem Urteil ohne viele Umschweife.
Karl Pestalozzi (S.126), Paul Kluckhohn und Paul Requadt (S.50) sehen
ebenfalls im "Chandos-Brief" den Ausdruck "einer
schweren Krise" und das "Dokument einer
entscheidenden Wandlung" (Kluckhohn, S.79).
Pestalozzi sieht darin eine Überwindung "des
magischen Sprechens" (S.111) zugunsten einer
sozial verantwortlichen Dichtung. Kluckhohn (S.9)
und Requadt (S.50) betonen ebenfalls die Überleitung
von der preziösen Lyrik zu einer bescheideneren
Ausdrucksform in der Prosa und in den Dramen, und
damit gleichzeitig von dem egozentrischen Ästhetizismus
zu dem sozialen Engagement, das Hofmannsthal später
die "konservative Revolution" genannt
hat. Beide unterstreichen sowohl die Wichtigkeit
der Sprachproblematik im Werke des Dichters, als
auch ihre Kontinuität in seinem Schaffen.
Für Franz Kuna (S.125), H. S. Schultz, Donald Daviau und Manfred
Hoppe spielt der biographische Hintergrund des
Autors bei der Entstehung des "Chandos-Briefes" so
gut wie keine Rolle. Jedenfalls lehnen diese Kritiker
eine Gleichsetzung des verstörten Lords und
seines Erfinders ab und möchten die Inspiration
zu dem Kunstwerk weniger in einer persönlichen
Krise sprachlicher oder existenzieller Art als
in dem Hang zur "artistischen Parodie" (Hoppe,
S.62) oder in der Schaffung einer vergangenen Zeitatmosphäre
(Schultz, S.15), also in rein ästhetischen
Voraussetzungen, sehen. Donald Daviau weist sogar
die Bedeutung der Sprachthematik im Brief zurück,
und sieht in ihm "a warning by Hofmannsthal
to his contemporaries of the dangers of aestheticism" (S.38).
Joachim Kühn (S.23) findet "Davians (sic)
Entmystifizierung des Briefes überzeugend",
möchte aber doch der Sprachskepsis einen gewissen
Platz einräumen. Er sieht wie Daviau in Hofmannsthals
depressiven Perioden "in erster Linie...Nervenkrisen" (S.26).
Der Sprachverfall unter dem Lord Chandos
leidet, hat seiner Meinung nach nichts mit Hofmannsthals
eigenen Erfahrungen gemein, und ist nur "ein
wesentlicher Bestandteil des komplizierten Spiels
mit dem Paradox" (S.27). Damit verweist er
auf eine häufig vorgebrachte Überlegung:
es besteht ein interner Widerspruch zwischen dem
Sprachverlust des Lords und seiner virtuosen Beschreibung
dieser schwierigen Situation. Hofmannsthal gewinnt
dieser Spannung tatsächlich "einen ästhetischen
Reiz ab, ja, er steigert das Paradox ins Extreme,
indem er sich nicht nur einer intakten Sprache
bedient, sondern die hochstilisierte des 17. Jahrhunderts
parodiert" (S.27). Hofmannsthals Sprachskepsis
aber, deren Vorhandensein er im Gegensatz zu Requadt
vor der Entstehung des Briefes leugnet (S.21),
sei auf einen Einfluß "von außen" (S.27),
nämlich der Kenntnis von Fritz Mauthners Beiträge
zu einer Kritik der Sprache, zurückzuführen.
Wir halten, was die Sprachproblematik angeht, jeden Anspruch auf eine
direkte und einseitige Abhängigkeit des Briefes
von Mauthner (Kühn), Mach (Wunberg), Nietzsche
(Meyer-Wendt), Novalis, Kleist, Bacon, Goethe (Bennett,
1976), oder gar Wittgenstein nicht für überzeugend.
Wie wir später noch näher ausführen
wollen, kann es sich bei keiner dieser Vorbilder
um direkte Einflüsse handeln, sondern eher
um zeitbedingte und allerdings symptomatische Affinitäten.
Es ist erstaunlich, wie ein so umfassend orientierter
Kritiker wie Kühn mit seiner ausgezeichneten
Dokumentation sich durch Voreingenommenheit für
den Hauptgegenstand seiner Untersuchung zu ziemlich
abwegigen Schlüssen verleiten lassen kann. Ähnliches
gilt für Meyer-Wendt: wo der eine überall
nur Mauthners Einfluß sieht, läßt
der andere nichts als Nietzsche gelten.
Was den "Chandos-Brief" angeht, kann man allein auf Grund der
Korrespondenz einen autobiographischen Bezug unserer
Meinung nach nur schwer leugnen. Ob deshalb gleich
ein Identitätsbezug zwischen Hofmannsthal
und Lord Chandos vorliegt, sei bis auf Weiteres
dahingestellt. Jedenfalls erscheint uns zum Beispiel Kluckhohns
(S.7) Standpunkt einleuchtend, wonach sich trotz
der "höfisch-humanistischen" Verkleidung
eine "eigene schwere Krise" Hofmannsthals
widerspiegelt, wie sie auch in Briefen an George,
Andrian, und Wildgans zum Ausdruck kommt.
Aufbau des Chandos-Briefes (HvH., Prosa I, S.7-22):
Abgesehen von der Einleitungsformel, die an eine Regieanweisung erinnert
und ganz im steifen Stil der Handlungsepoche gehalten
ist, nur den Sender und den Empfänger des
Briefes bezeichnet und knapp die Motivation seines
Entstehens umreißt, besteht das etwa 16-seitige
Prosa-Kunstwerk ganz aus dem Brief des Philipp
Lord Chandos an seinen Freund Francis Bacon. Im
erzähltheoretischen Sinne handelt es sich
also um einen Text, der von der Ich-Perspektive
des Erzählers beherrscht wird. Da es sich
aber um einen Brief handelt, hat auch der Adressat
eine wichtige, wenn auch indirekte Funktion, die
dem scheinbar reinen Monolog ausgesprochen dialogartige
Züge verleiht.
Der rein formale Aufbau des Briefes scheint einem sorgfältig durchdachten
und gut ausbalancierten Verschachtelungs-Prinzip
zu folgen, das sich in schematischer Weise etwa
so darstellen läßt:
Rahmen:
Erklärung des Schweigens (S.7)
A Vergangene
Arbeiten und Pläne (S.8-11)
B Umschlag
und Krisenverlauf (S.12-14)
C Offenbarungen
(S.15-18)
D Alltägliches
Leben nach der Krise (S.19-21)
Rahmen:
Abschied von literarischer Beschäftigung und
Bacon (S. 22)
Den äußeren
Rahmen bilden die an Bacon gerichtete Erklärung
des Lord Chandos für sein Schweigen, sowie
seine Absage an zukünftige literarische Betätigung,
der sich ein Abschiedswort an Bacon anschließt
(je eine Seite, S.7 + S.22). Als nächste "Schachtel" fungieren
Lord Chandos vergangene literarische Erfolge
und Pläne (A, S.8-11), sowie sein einfaches,
alltägliches Leben zum Zeitpunkt des Briefes
(D, S.19-21). Im Mittelpunkt schließlich
befindet sich die Schilderung der Sprach- und Bewußtseinskrise
(B, S.11-14), der die Beschreibung der mystischen
Seins-Offenbarungen (C, S.15-18) gegenübersteht.
Abgesehen von dem Bacon- und Brief-Rahmen sehen wir die folgenden, hier
vorerst stark vereinfachten, inhaltlichen Beziehungen:
die Vergangenheit bis zur Krise und sie einbeziehend
steht unter dem Vorzeichen des Formalen (I, S.8-14).
Sowohl das Erreichte, wie die Schäferspiele
und das Traktat, als auch das Gewollte, wie die
Henri VIII.-Chronik, die mythologischen Schriften
und die Apophthegmata-Sammlung sind von einem starken
Ausdrucks- und Ordnungsverlangen beherrscht (A).
Die Krise selbst (B) ist ein Sprach- und Denkverfall,
und bedeutet damit den Verlust des ordnenden Zusammenhanges,
also die Zerstörung aller formalen oder formenden
Einheit.
Dieser traumatische Verlust wird ausgeglichen durch einen Gewinn an Substanz:
die Offenbarungen (C) eröffnen Chandos den
unmittelbaren Einblick in viel wesentlichere als
rein formale Zusammenhänge. Und sein scheinbar
so leeres und ereignisloses Leben seit der Krise
(D) wiegt in Erwartung weiterer unkontrollierbarer
Offenbarungszustände schwerer als das an äußerem
Erfolg so reiche Leben der vier vorangegangenen
Jahre. Somit bildet also Teil II (S.15-22) das
Gegenstück zu Teil I was die Dichotomie Form/Substanz
angeht.
Die Phase der vergangenen Arbeiten und Pläne (A) ist außerdem
von einem aktiven Wollen gekennzeichnet, während
die Zeit der Offenbarungen (C) von einem passiven
Erleben gekennzeichnet sind. Das Wollen hängt
mit dem Schlüsselwort Trunkenheit (S.10) in
Bezug auf die monistische Intuition der Vorkrisenzeit
zusammen, das passive Erleben mit dem Schlüsselwort
Bezauberung (S.18) in Bezug auf die nachkrisenzeitlichen
Einheitsoffenbarungen. Die mystischen Zustände
in Abschnitt A und C sind also qualitativ verschiedener
Art.
Analyse des Briefes:
Der erste Absatz des Briefes beginnt mit einer Anrede an Bacon, und läßt
durchblicken, daß die gegenwärtige Schreibtätigkeit
sich als Antwort auf dessen dem Leser unbekannten
Brief versteht. Bacon hat sich offensichtlich nach
dem Grund eines unerklärlichen, "zweijährigen
Stillschweigens" seines Freundes erkundigt,
wobei seine "Besorgnis" und "Befremdung" trotz
eines leichten und sogar scherzhaften Tones zum
Ausdruck gekommen sein muß. Damit ist das
Signal zu der nun folgenden Selbstbeobachtung gegeben,
und Lord Chandos gibt sich auch der Aufgabe hin,
seine Umstände in allen Einzelheiten zu beschreiben.
Er beginnt mit einer wehmütigen Reflexion über seine Identität: "Kaum
weiß ich, ob ich noch derselbe bin, an den
Ihr kostbarer Brief sich wendet." (S.7) Sein
gegenwärtiger Zustand, von dem vorerst noch
nichts Näheres bekannt ist, läßt
sich demnach schwer mit dem der Vergangenheit vergleichen.
In rhetorischen Fragen bringt er seine literarischen
Erfolge, die er im Alter von 19 Jahren bis zu seinem
Verstummen mit 24 Jahren vollbracht hat, zur Erinnerung
und erklärt, daß sie ihm nun völlig
fremd erscheinen. Bezeichnend sind die Gattungen
seiner jugendlichen Leistungen: sowohl die Schäferspiele
als auch das lateinische Traktat sind formbetonte
Schöpfungen, die das mimetische Abbild einer
heilen Welt darstellen. Chandos erwähnt in
Bezug auf die Ersteren den "Prunk ihrer Worte",
also ihre ästhetische Vollendung, und spricht
in Bezug auf das Traktat von "Gefüge" und "geistigem
Grundriß" (S.8), also einem rationalen
Zusammenhalt. Zum ersten Mal kommt Chandos dann
auf die Art seines Problems zu sprechen: die Worte
wollen ihm gegenwärtig keine kohärente
Aussage mehr bilden, sondern erscheinen ihm einzeln,
isoliert und zusammenhangslos. Er bezeichnet die
Rhetorik, die er früher so virtuos handhaben
konnte, als ein "überschätztes Machtmittel" und
spricht ihr die Möglichkeit ab, "ins
Innere der Dinge zu dringen" (S.8). Ebensowenig
wie der Text sich nun als Einheit erfassen läßt,
kann er die vergangenen Phasen seines Ich in einen
festen Zusammenhang bringen. "Ein brückenloser
Abgrund" trennt ihn von seinen literarischen
Arbeiten, die doch immerhin einmal Ausdruck seiner
selbst waren.
Bacons Brief hat ihm seine Pläne wieder in Erinnerung gerufen: alle
werden mit "ich wollte" eingeleitet.
Wieder sind diese Vorhaben bedeutungsvoll. In der
Darstellung der Regierungszeit Heinrich des Achten
sah er die Möglichkeit, historische Fakten
mit perfekter Form zu einer höheren Einheit
zu gestalten. Dem Formalen sprach er also auch
in dieser geplanten Chronik eine ordnende Kraft
zu, die nach seinen Worten das Stoffliche nicht
nur anordnen, sondern auch durchdringen sollte.
Das Gelingen dieser höheren, wesenhaften Einheit
nennt er seinen Lieblingsplan (S.9).
Zwei weitere Pläne weisen fast mystische Züge auf: durch tiefes
Hineinversenken in die Fabelwelt und in mythologische
Gestalten meinte er deren "geheime, unerschöpfliche
Weisheit" wie Hieroglyphen zu entschlüsseln,
also intuitiv verstehen und dann vermitteln, zu
können: "verschwinden wollte ich in ihnen
und aus ihnen heraus mit Zungen reden" (S.10).
Und in einer wahrhaft enzyklopädischen Sammlung
von Apophtegmata mit dem Titel "Nosce te ipsum" sollte
Welt- und Naturerkenntnis mit Selbsterkenntnis
zusammenfallen und damit einer zutiefst monistischen
Intuition Ausdruck verleihen. Chandos beschreibt
seinen Zustand so: "Mir schien damals in einer
Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein
als eine große Einheit: geistige und körperliche
Welt schien mir keinen Gegesatz zu bilden...; in
allem fühlte ich Natur...; überall war
ich mitten drinnen...; es ahnte mir, alles wäre
Gleichnis und jede Kreatur ein Schlüssel der
andern." (S.11). Dieser Verfassung, der die
literarischen Arbeiten und Pläne mit ihrer
zusammenfassenden, formgebenden Absicht direkt
entsprechen, steht im absoluten Gegensatz zu Chandos
gegenwärtigen Zustand. Wie das Wort "Trunkenheit" schon
andeutet, hat eine tiefgreifende Ernüchterung
dem paradiesischen Einheitsgefühl ein Ende
bereitet. Die früheren Anstrengungen kommen
ihm nun wie "aufgeschwollene Anmaßung" vor
(S.11). Fast möchte er in seiner jetzigen
Mutlosigkeit eine "göttliche Vorsehung" am
Werke sehen, wohl eine Art Demuts-Lektion, aber
er weist diese religiöse Auslegung letztlich
doch ab. Wie die Begriffe gehört auch die
Religion "zu den Spinnennetzen, durch welche
meine Gedanken hindurchschießen, hinaus ins
Leere" (S.12). Menschliche und geistliche
Ordnungsparameter versagen also, sie bieten keinen
Halt mehr: statt einem warmen, schützenden
Mantel (S.12) zu gleichen, erscheinen sie als zerbrechliche
und durchlässige Spinnengewebe, die Chandos
der Kälte und dem Nichts preisgeben.
Damit endet die erste Phase (A) des Briefes, in der Chandos seine glückliche
und harmonische Vergangenheit seiner problematischen
Gegenwart gegenüberstellt. Deren Hauptmerkmal
ist der Verlust des Seins-Zusammenhanges, was sich
symptomatisch in der Unfähigkeit "zusammenhängend
zu denken oder zu sprechen" bemerkbar macht
(S.12).
Im nächsten Abschnitt (B) beschreibt Chandos, wie ihm in zunehmenden
Maße die Fähigkeit der Sprache abhanden
kommt, bis die Worte ihm schließlich nichts
als völlig beziehungslose Einheiten bedeuten.
Zuerst bemerkt er ein "unerklärliches
Unbehagen" sich abstrakter Begriffe zu bedienen.
Sie haben eine "schillernde Färbung" und
fließen ineinander über, erlauben also
keinen eindeutigen Bezug mehr, und sie zerfallen
ihm "im Munde wie modrige Pilze" (S.12-13).
Diese Metapher für den Sprachzerfall verleiht
dem Auflösungsprozess einen Beigeschmack von
Verwesung. Das wechselseitige und verbindliche
Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit erscheint
ihm unter dem Hauptgesichtspunkt der Lüge
(S.13, 14), der es aber nicht ausreichend zu erfassen
weiß. Es ist für Chandos sozusagen dem
Tod anheimgefallen und befindet sich im Zustand
der weitgehender Zersetzung. Ein ähnliches
Bild bietet die Ausbreitung der Sprachkrise
als "ein um sich fressender Rost" (S.13):
es handelt sich nicht nur um einen Verlust der
Form (Sprache), sondern auch der Substanz (der
Wirklichkeitsbezug), die angegriffen und zerstört
wird.
Nach den abstrakten Begriffen sind es die "Urteile" die Chandos
zu schaffen machen, und zwar solche, die eigentlich
Werturteile und oft genug Vorurteile sind. Alle
zeichnen sich durch ihren subjektiven und relativen
Charakter aus, was sich in Gegenpolen wie gut-schlecht,
bedauern-beneiden, Höhe-Hinabsinken (S.13)
ausdrückt. Sie erscheinen Chandos ganz besonders "unbeweisbar", "lügenhaft",
und "löcherig" (S.14).
Es ist anhand dieser besonders unsicheren Prädikate für den
Menschen und seine Handlungen, daß ihm schließlich
jeglicher Zusammenhang abhanden kommt, so wie unter
der Lupe der Gesamteindruck zugunsten von Einzelheiten
verloren geht: "Es gelang mir nicht mehr,
(die Menschen und ihre Handlungen) mit dem vereinfachenden
Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir
alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und
nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen.
Die einzelnen Worte schwammen um mich... Wirbel
sind sie, die sich unaufhaltsam drehen und durch
die hindurch man ins Leere kommt" (S.14).
Zwei Eindrücke überlagern sich in dieser
brillianten Beschreibung des totalen Sinn-Verlusts
in der Realität und Sprache: das Auseinanderfallen
in unendlich viele, zusammenhangslose Teilchen
hinterläßt den optischen, relativ statischen
Eindruck von einem Trümmerhaufen. Diese Atomisierung
erinnert unwillkürlich an die pointillistische
Maltechnik des Neo-Impressionismus, wo ebenfalls
unverbundene Tüpfchen einen Gesamteindruck
nur aus einer gewissen Entfernung gestatten. Der
andere Eindruck ist der des Fließens, der
zwar auch primär optisch ist, in seiner plastisch
beschriebenen Dynamik vom Schwimmem zum Drehen
der Wirbel aber den Leser an der Bewegung, die
Lord Chandos erfaßt, fast taktil teilhaben
läßt.
Die Leere oder das Nichts, in die sich Chandos hineingezogen fühlt,
deuten auf die tiefe Einsamkeit und Isolierung
seiner beziehungslos gewordenen Existenz hin. Die
Dinge sind chaotisch, wenn Denken und Sprache in
ihren ordnenden, sinnnschaffenden Funktion versagen.
Die Gleichsetzung von Denken und Sprechen hat Chandos
früher in der Beschreibung seines Zustandes
vollzogen (S.12). Der Versuch des Lord Chandos,
sich an den beiden klassischen Meistern der Rhetorik,
Cicero und Seneca, und der von ihnen vermittelten "Harmonie
begrenzter und geordneter Begriffe" (S.14)
einen letzten Halt zu verschaffen, schlägt
fehl. Diese Begriffe scheinen es nur "miteinander
zu tun" zu haben, und sie kommen ihm vor wie "augenlose
Statuen" (S.15), was soviel bedeutet, daß sie
blind sind und das wesentliche der Realität
nicht erfassen. Interessanterweise verwirft er
von vornherein den Einfall, eventuell auch bei
Platon Hilfe zu suchen. "Mir graute vor der
Gefährlichkeit seines bildlichen Fluges",
sgat er dazu (S.14). Vielleicht versprechen ihm
Platons feste und unwandelbare Begriffe mit ihrer
Verankerung in einer übersinnlichen Welt wenig
Aussicht auf die Lösung eines diesseitigen
und alles andere als ideal erlebten Chaos der Begriffe.
Jedenfalls resigniert er, und versucht sich so
gut wie möglich in sein verändertes Dasein
hineinzufinden.
Nach der beredten Beschreibung seiner Krise wendet sich Lord Chandos
nun zum erstenmal wieder direkt an seinen Freund
und schildert ihm seine monoton dahinfließende
Existenz (Phase C und D). Er bezeichnet sie als
geistlos und gedankenlos (S.15). Unterbrochen wird
sie von Augenblicken, in denen ihm oft ganz alltägliche
Gegenstände zu einer Offenbarung werden. Für
diese Erlebnisse scheint ihm keine Beschreibung
möglich. Augenblicke, die man auch als Dingmystik
bezeichnen könnte, werden in der Kritik allgemein
mit dem Begriff der Epiphanie umschrieben, seitdem
Theodor Ziolkowski diesen von James Joyce entlehnt
und unter anderem auch auf den "Chandos-Brief" angewandt
hat (Ziolkowski, S.603). Ein Merkmal der Epiphanie
ist "die analytische Nüchternheit der
Betrachtung" (S.608) mit der das Offenbarungs-Erlebnis
kommentiert wird.
Lord Chandos unterstreicht, daß es nicht in seiner Gewalt steht,
diese Momente herbeizuführen (S.15). Sie sind
also vom Wollen unabhängig. Eine "Zusammensetzung
von Nichtigkeiten", wie zum Beispiel eine
Gießkanne mit ein schwimmender Käfer,
kann ihn unmittelbar mit der "Gegenwart des
Unendlichen durchschauern" (S.15).
Obwohl sie nicht absichtlich herbeigeführt werden können, scheinen
diese Zustände doch von einer besonderen Art
des Sehens abhängig zu sein, die in der Bereitschaft
liegt, unbedeutende Dinge zu würdigen "über
die sonst ein Auge mit selbstverständlicher
Gleichgültigkeit hinweggleitet" (S.15).
Manchmal hat Chandos auch die Vision "eines
abwesenden Gegenstandes", und als Beispiel
beschreibt er die Vorgänge in seinen Milchkellern,
in denen Ratten vergiftet werden unter Todesqualen
zugrunde gehen. Es ist mehr als eine Vision: "Alles
war in mir" (S.16), sagt Chandos und tatsächlich
ist an seiner Beschreibung nicht nur der Seh-Sinn,
sondern auch alle anderen Sinne beteiligt, so daß er
berechtigterweise von einem totalen "Anteilnehmen" und "Hinüberfließen" sprechen
kann, und von einem "Fluidum des Lebens und
des Todes, des Traumes und des Wachens" (S.17).
Chandos vergleicht diese visionären Vorgänge
mit der Zerstörung von Alba Longa, also Roms,
und dem brennenden Karthago aus der Geschichtsschreibung
des Livius, und empfindet auch diese historischen
Schilderungen in einer Art intensiver Überlagerung
mit den Ratten in seinen Kellern als "vollste
erhabenste Gegenwart" (S.16). Sowohl Broch
(S.112) als auch Kraft (S.21) haben darauf hingewiesen,
daß Hofmannsthal außerordentlich sensibel
in der Vorahnung kommender Ereignisse war. Vielleicht
kann man in diesen apokalyptischen Zerstörungsszenen
eine Vision der Kriegsgreuel des Ersten oder selbst
des Zweiten Weltkrieges sehen, wie Kraft meint.
Anhand dieser Erlebnisse kann Chandos wieder "die ganze Welt durchwebende
Harmonie" erleben, diesmal allerdings auf
eine andere Art als in seinem Vor-Krisenzustand,: "Es
erscheint mir alles, alles, was es gibt, alles,
dessen ich mich entsinne, alles, was meine verworrensten
Gedanken berühren, etwas zu sein" (S.18).
Sein Körper scheint ihm "aus lauter Chiffern,
die (ihm) alles aufschließen" zu bestehen,
und er hat das Gefühl, in jegliche Materie
hinüberfließen zu können.
Zwei wesentliche Unterschiede bestehen zwischen den Einheits- Erfahrungen
vor und nach der Krise: die ersteren Erlebnisse
waren das Resultat eines bewußten Wollens,
eines angestrengten Sich-Hineinversetzens, und
ihr Ziel war der Schlüssel zur Formgebung
und perfekten Ausdrucksweise. Die jetzigen Erlebnisse
sind vom Willen unabhängige Offenbarungen,
sie sind ein passiv erwartetes Erleben, und was
die "Chiffern" entschlüsseln können
ist substanz-, nicht formbestimmt. Anstatt mit
der Sprache zu beschreiben, wird jetzt mit dem
Herzen gedacht, und darin liegt ein völlig
anderes, "neues, ahnungsvolles Verhältnis
zum ganzen Dasein" (S.18). Chandos betont übrigens,
daß er nicht weiß, ob er diese "sonderbaren
Zufälle" (S.19) dem Geist oder dem Körper
zurechnen soll. Das weist ebenfalls auf die seinsmäßige
Einheit hin, und steht in weiterem Gegensatz zu
der intellektuell- und sprachbetonten Periode der
literarischen Arbeiten und Pläne.
Chandos betont außerdem, daß gerade die einfachen Dinge in
ihrer "stummen Wesenheit" die "Quelle
jenes rätselhaften, wortlosen, schrankenlosen
Entzückens" bilden (S.20). Nicht der
gestirnte Himmel oder das majestätische Dröhnen
der Orgel, sondern ein Hirtenfeuer, oder das Zirpen
der Grillen lösen seine Zustände aus.
Diese Einsicht läßt ihn an die Anekdote
des Crassus und seiner Muräne denken, wobei
ihm nicht ganz klar wird, warum er in Crassus "ein
Spiegelbild (seiner) Selbst" sieht (S.20).
In dieser "Figur, deren Lächerlichkeit
und Verächtlichkeit mitten in einem die erhabensten
Dinge beratenden... Senat" so offensichtlich
erscheint, findet er einen Schlüssel, der
ihm über ein wortloses Denken hin Frieden
verleiht: "Um das Ganze ist eine Art fieberisches
Denken, aber Denken in einem Material, das unmittelbarer,
flüssiger, glühender ist als Worte. Es
sind gleichfalls Wirbel, aber solche, die nicht
wie die Wirbel der Sprache ins Bodenlose zu führen
scheinen, sondern irgendwie in mich selber und
in den tiefsten Schoß des Friedens." (S.21).
Das Schlüsselerlebnis liegt eindeutig in dem
Gegensatz von dem scheinbar Unbedeutenden und dem
scheinbar Erhabenen, also in dem In-Frage-Stellen
oder der Relativierung des gängigen Wertmaßstabes.
Eine Muräne zu lieben, "einen dumpfen,
rotäugigen, stummen Fisch" (S.20), kann
außerhalb der gängigen menschlichen
Wertsetzung durchaus den richtigen Weg zur tieferen
Bedeutung scheinbar unbedeutender Dinge zeigen
und damit die Einheit allen Seins würdigen.
Nach dieser Schilderung wendet sich Lord Chandos erneut an seinen Freund,
und erklärt ihm höflich und "nicht
ganz ohne ein schmerzliches Beigefühl" (S.22),
warum er auch in Zukunft jeder literarischen Tätigkeit
entsagen müsse. Der Grund liege in dem Wissen
um eine Sprache "in welcher die stummen Dinge
zu (ihm sprächen)" (S.22), und die mit
der englischen, italienischen, spanischen, oder
lateinischen Sprache nicht das Geringste gemeinsam
habe. Mit anderen Worten: Lord Chandos weiß von
einer Sprache, die direkt mit dem Sein in Verbindung
steht, und die ihm, auch wenn er sich ihrer zugegebenermaßen
nicht bedienen kann, ihm doch wichtiger als die
formvollendetsten menschlichen Wortgebilde erscheint.
Daraufhin verabschiedet er sich von Francis Bacon in einem vollendet
höfischen, gewisserrmaßen aalglatten,
preziösen Stil, der eine gewisse Kälte
oder Gleichgültigkeit nur notdürftig
verdeckt.
Kommentar zum Brief:
Anders als Wunberg (S.106), der für die Wahl Bacons als Emfpänger
des Briefes schlicht den historischen Bacon akzeptiert
und sich fast krampfhaft bemüht, hierfür
mehr oder weniger überzeugende Gründe
anzuhäufen, behauptet Joachim Kühn ohne
Umschweife: "Bacon ist eine Maske für
[Stefan] George" (S.25). Differenzierter
drückt sich Paul Requadt aus: "Verschiedene
Umstände lassen es zu, als ein Modell der
Baconfigur George anzuwenden. Wenn Chandos den
Adressaten an `die gemeinsamen Tage schöner
Begeisterung' erinnert, so ist mit dieser Anspielung
auf Georges Widmung der Pilgerfahrten an ihn...eine
solche Ähnlichkeit anzunehmen" (S.50).
Von den vielen Spekulationen über die Figur des Lord Chandos scheint
uns vor allem die von Franz Kuna (S.122) interessant,
wonach der Lord Züge von Maurice Barres Ich-Erzähler
Philippe in der Trilogie Le culte du moi aufweist.
Hofmannsthal hat diesen Roman 1891 in der Modernen
Rundschau besprochen, und den Erzähler
in einer Weise charakterisiert, die tatsächlich
frappierende Übereinstimmungen mit Philipp
Lord Chandos aufweist, und über die vielleicht
nicht zufällige Namensgleichheit PhilippePhilipp
weit hinausreicht. Die folgenden Zitate mögen
dies veranschaulichen: "Philippe verlangt,
dem individuellen Wollen zu entfliehen, unterzutauchen
ins Allgemeine,... mitzuschwingen im Rhythmus des
Universums" (HvH, Prosa I, S.52). "Sein
Selbst erlischt,...das Ich, Möglichkeit alles
Empfindens, wird zum Ich, Totalität alles
Erkannten" (id., S.57). "Für Philippe
ist die ganze Welt nur eine ideologische Karte:
ein Schlüssel der Analogie, der ihm sein Inneres
deuten hilft" (id., S.55). Soweit für
die monistischen, oder wie Hofmannsthal sagt, "pantheistischen" (id.,
S.51) Anklänge. Aber auch an krisenhafter
Verlorenheit fehlt es nicht: so bezeichnet Hofmannsthal
Philippe als einen "einsame(n) Mensch(en)" (id.,
S.49), zitiert den Satz "Je suis perdu dans
le vagabondage, ne sachant où retrouver
l'unité de ma vie" (id., S.57), und
identifiziert sich mit der Zusammenfassung eines
desolaten Existenzgefühls in Barrès
Roman: "ein Mittelpunkt fehlt... Das Leben
ist uns ein Gewirre zusammenhangloser Erscheinnungen...
Erstarrte Formeln stehen bereit, durchs ganze Leben
trägt uns der Strom des Überlieferten" (id.,
S.48). Man kann in Anbetracht dieser Analogien
wohl Kuna (S.121) in der Annahme beipflichten,
daß diese Rezension sich wie "eine vorläufige,
noch etwas formlose und unausgegorene Skizze" zum "Chandos-Brief" verhält.
Wenn man diese möglichen Gegenwartsbeziehungen einem Vergleich mit
der Erzählzeit im "Chandos-Brief" unterzieht,
ergeben sich immerhin einige bemerkenswerte Bezüge.
Zuerst wäre die Wahl der Epoche zu beachten:
die Zeit um 1600 in England hat mit der um 1900
in Österreich den Charakter einer Zeitenwende
gemein. Beide Länder werden von Monarchen
beherrscht, deren ungewöhnlich lange Regierungszeit
(1558-1603, 1848-1915) sie in den Augen ihrer Untergebenen
zu einer verknöcherten Institution herabwürdigen.
Beiden Monarchen fehlt es am Ende ihres Lebens
an Flexibilität, beide weisen eine gewisse
Desillusionierung, wenn nicht gar Verbitterung,
auf. Mit Elisabeth I. geht die englische Renaissance,
die Egon Friedell als "Flegeljahre des Kapitalismus" bezeichnet
(Bd.2, S.375), ihrem Ende entgegen, und mit der
Erfindung des Fernrohrs (1608, von Lipperskey und
Jansen; 1609 von Galilei) beginnt das eigentliche
Zeitalter der exakten Wissenschaften.
Die
Jahrundertwende ist ebenfalls das Ende eines Epoche.
Das beginnende 20. Jahrhundert zeichnet sich nicht
nur durch ein neues hektisches Tempo und technologische
Errungenschaften wie Autos, Röntgenstrahlen
und Telegraphie aus, sondern auch durch ein besonderes
Weltgefühl, dessen Merkmal Auflösung
ist, und das EgonFriedell in seiner in den 20er
Jahren verfaßten Kulturgeschichte (Bd.3,
S.549) so beschreibt: "Wie zu jeder Wendezeit
sehen wir auch diesmal vorerst nur, daß ein
Weltbild sich auflöst: dies aber mit voller
Deutlichkeit; daß, was der europäische
Mensch ein halbes Jahrtausend lang die Wirklichkeit
nannte, vor seinen Augen auseinanderfällt
wie trockener Zunder." Nicht umsonst entsprechen
die Relativitätslehre (1905) und die Atomzertrümmerung
(1911) auf dem Gebiet der Physik dem Dekadenzgefühl
einer ganzen Generation. Auf eine entsprechende
Auflösung der Form in der neo-impressionistischen
Malerei haben wir schon oben hingewiesen.
Was nun den "Chandos-Brief" anbelangt, sticht die auffällige
Sorgfalt in der Beschreibung von Lord Chandos Entwicklung
ins Auge: der Brief ist auf den 22. August 1603
datiert; Lord Chandos bezeichnet sich selbst als "sechsundzwanzigjährig" (S.7),
er spricht von seinem "zweijährigen Stillschweigen" (id.),
was also auf ein Verstummen im Alter von etwa 24
Jahren schließen läßt. Mit neunzehn
hat er die Schäferspiele geschrieben, mit
dreiundzwanzig das lateinische Traktat (S.8). Nach
diesen Angaben fällt sein Geburtsjahr auf
1577, die Schäferspiele auf 1596, das Traktat
auf 1600, und die Krise auf 1601. Die Periode des
Schweigens dauert bis zu dem Zeitpunkt des Briefes
in 1603.
Obwohl Hofmannsthal nicht 1877, sondern 1874 geboren ist, lassen sich
einige Parallelen in der Schaffensperiode aufweisen:
in das Jahr 1895, als er zwar nicht 19, sondern
schon 21 Jahre alt ist, fallen die ersten Veröffentlichungen
Hofmannsthals: Das Märchen der 672. Nacht
erscheint in Die Zeit, die Terzinen II-IV
im Pan. Im Jahre 1900 hat er zwar kein "Traktat",
dafür aber seine (erfolglose) Habilitationsschrift über
Victor Hugo geschrieben. Danach tut sich in frappierendem
Kontrast zu der vorangehenden Schaffensperiode
fast nichts: "Pompilia, oder Das Leben" bleibt
unvollendet, Das Leben ein Traum und die Elektra kommen
zu der Zeit ebenfalls nicht aus dem Stadium des
Plänemachens heraus, und erst im August (!)
1902 ist mit dem "Chandos-Brief" wieder
eine fertige Arbeit zu verzeichnen.
Wenn
sich also die Lebens- und Schaffensdaten Lord Chandos
und Hofmannsthals auch nicht genau entsprechen,
besteht zumindest in einem etwa zweijährigen
Versiegen der literarischen Schaffenskraft eine
beachtenswerte Übereinstimmung, die auch in
der Korrespondenz Ausdruck findet. In Briefen an
Stefan George vom 24. 7. und 14. 12. 1902 entschuldigt
sich Hofmannsthal für sein "monatelanges
Stillschweigen". Er spricht von "einer
schlimmen tiefen Verdüsterung", und von "Wochen
der unglaublichsten inneren Erstarrung". Er
klagt, daß ihm alles "nichts als den
Stoff der Verdüsterung und Beklommenheit" darstelle,
und daß er keinerlei Beziehung zu den von
ihm geschaffenen literarischen Gestalten
mehr habe. In seinem Brief vom 9. 9. 1902 an Leopold
von Andrian, erwähnt er, daß alle Arbeiten "seit
Jahren... einigermaßen dem Gewebe der Penelope
gleichen, an dem die Nächte immer wieder auftrennen,
was die Tage gewebt haben", abgesehen von
dem diesem Brief beiliegenden "Chandos-Brief",
von dem er hervorhebt, daß er "wirklich
fertig" sei, daß er keine eigentliche
dichterische Arbeit darstelle, und daß ihm "das
Persönliche stark (anhafte)". Den unfiktiven
Charakter der Chandos-Arbeit nimmt er zwar im nächsten
Brief vom 16. 1. 1903 wieder zurück, hält
aber an der autobiographischen Inspiration mit
folgenden Worten eindeutig fest: "Ich (mußte),
um nicht kalt zu wirken, (den Gehalt) einem eigenen
inneren Erlebnis, einer lebendigen Erfahrung entleihen." Und
sogar noch 1921, in einem Brief an Wildgans, weist
Hofmannsthal noch einmal auf den bekenntnishaften
Charakter des "Chandos-Briefes" hin.
Um
nun zu der weiter oben aufgeworfenen Frage nach
einer möglichen Identität des Lord Chandos
mit seinem Autor im Lichte der Zeitstruktur des
Briefes, der Lebensdaten und der Korrespondenz
Hofmannsthals Stellung zunehmen, fassen wir folgendermaßen
zusammen: wenn auch die Situation des Lord Chandos
im Brief nicht im Einzelnen mit der seines Erschaffers
gleichzusetzen ist, lassen sich doch beträchtliche
autobiographische Parallelen erkennen. Die Position
einer rein fiktiven Arbeit läßt sich
also unserer Meinung nach ebensowenig verteidigen,
wie die einer völligen Identität von
Autor und Erzähler. Da sich in Hofmannsthals
Werk schon lange vor dem "Chandos-Brief" zahlreiche
Andeutungen krisen- und epiphanieartiger Zustände
niederschlagen, geht man wohl nicht fehl in der
Annahme, daß in Lord Chandos eine Art Verdichtung
selbst erlebter Ängste, Zweifel und glückhafter
Offenbarungen zu sehen ist. Daß der Brief
aber keineswegs die Funktion einer Katharsis erfolgreich
erfüllt hat, läßt sich aus der
Kontinuität dieser Thematik bis ins Spätwerk
ersehen. Weiter Affinitäten zwischen Lord
Chandos und Hofmannsthal, sowohl im Krisenerlebnis
als auch in den mystischen Einheitsbestrebungen,
werden im Zusammenhang mit der erkenntnistheoretischen
und sprachskeptischen Thematik noch aufzuzeigen
sein.
Schon
in Hofmannsthals Frühwerk finden sich zahlreich
Anzeichen für einen tiefgreifenden Skeptizismus
und insbesondere die Sprachskepsis. Wie Jens Fischer
ausführlich in seinem Buch Fin de sieècle:
Kommentar zu einer Epoche beschreibt, steht
Hofmannsthal keineswegs allein mit dieser Haltung.
Vielmehr läßt sich darin ein Merkmal
für ein allgemein ausgeprägtes Krisenbewußtsein
um die Jahrhundertwende erkennen. Er umreißt
die "Fin-de-siècle-Stimmung" (S.86-87)
mit der "Verdrossenheit gegenüber staatlicher
Macht, und imperialer Kraftenfaltung,... der tiefgreifenden
Skepsis gegenüber offiziöser Religiosität",
und dem "gebrochenen Selbstbewußtsein
einer Dilettantengeneration." Merlio (S.110)
führt diese "crise de conscience" um
1900 auf die Folgen der Industrialisierung zurück,
und auch Rudolph (S.65) spricht von einem "tiefgreifenden
wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel".
Besonders
eindrucksvoll führt Broch in Hugo von Hofmannsthal
und seine Zeit (S.30 ff.)aus, wie in deutschen
Sprachraum nach der überragenden Größe
Goethes und Hölderlins und mit der Ausnahme
Nietzsches ein Wert-Vakuum die zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts beherrscht habe. Er spricht
von dem ZusammeNbruch der Religion als Zentralwert,
und von einer allgemeinen Normauflösung, worauf
er dann die Aufsplitterung in autonome Einzelsysteme,
wie zum Beispiel das L'art pour l'art-Bestreben,
zurückführt (S.39).
In
seinem sehr eindrucksvollen Aufsatz "Philosophie
und Dichtung" hat Robert Mühler den philosophischen
Hintergrund der Zeit skizziert. Demnach hat sich
in Österreich immer ein an Leibniz orientierter
Optimismus behauptet und erfolgreich den pessimistischen
deutschen Strömungen eines Schopenhauers,
Nietzsches oder Eduard von Hartmanns standgehalten,
oder sie zumindest erheblich gemildert. Als Beispiele
erwähnt er Stifter (S.206), Marie von Ebner-Eschenbach
(S.207) und Anzensgruber (S.209), und spricht von
einem "grundlosen Optimismus" im Sinne
eines unmittelbaren und unbeweisbaren positiven
Seinsgefühls (S.212). Dieses nun sieht sich
um 1900 in einem Stadium der Auflösung begriffen: "Eine
in die Tiefe lotende, mit anderen Waagen und Gewichten
wägende Generation, wie sie nach 1890 in Wien
auftrat, sah, was einst Stolz und triumphaler Ordnungsgedanke
des Universums war, die Idee der prästabilierten
Harmonie, in Nichts zerfallen. Diesen Dichtern,
allen voran Hofmannsthal, ist zwar noch immer die
monadische Idee verblieben, aber diese zeigt nun
neue Fassaden", nämlich den "Charakter
des Gebrochenseins... Die Menschenwelt erscheint
wie eine Unzahl von 'absoluten' Mittelpunkten,
die sich gegenseitig nicht ganz umspannen können
und so in `Relationen' gebunden sind".
Wie
so häufig weiß Egon Friedell in seiner
selbst von impressionistischer Technik geprägten Kulturgeschichte die
Gesamtsituation prägnant und in stilistisch
brillianter Weise zusammenzufassen. Indem er auf
Hofmannsthal und Oscar Wilde hinweist und beiden
als Repräsentanten einer Epoche die "Leidenschaft
der amor vacui" vorwirft, sagt er: "Die
Krankheit, auf die beide hindeuten, war der Skeptizismus.
Freilich ist dieser uralt, wahrscheinlich so alt
wie das menschliche Denken; aber er hat seine verschiedenerlei
Normen und Grade... Diese Generation hatte einen
Typus hervorgebracht, der vielleicht in seiner
Art neu war. Frühere Zeiten lehrten und bewiesen
die Skepsis, diese Menschen aber lebten sie...
Wir lesen die Zweifel eines Epikur, Hume, oder
Montaigne, aber sie sind kraftvoll...gegenüber
diesem Skeptizismus... Solange man noch über
Sein oder Nichtsein philosophiert, ist es nicht
schlimm. Diese neuen Skeptiker aber hatten bereits
aufgehört zu philosophieren; und hier begann
die Gefahr. Sie gaben ihrer Zeit das Gepräge,
sie waren... überall". (Bd.3, S.521).
Wenn
man bedenkt, daß ein ähnlich negatives
Lebensgefühl sich in vielen Krisenzeiten zu
manifestieren scheint, so daß sogar ein so
stoisch verhafteter Philosoph wie Seneca und ein
so rhetorisch orientierter Römer wie Cicero
nicht umhin können, gegen Ende ihres Lebens
einer ausgesprochen skeptischen Perspektive Ausdruck
zu verleihen (Pohlenz, S.322, Buck, S.118), und
daß die meisten Vertreter der Spätrenaissance
ebenfalls eine skeptische Weltanschauung reflektieren
(Popkin, Buck), wundert man sich, warum die Hofmannsthal-Kritik
in ihren Erklärungen für den Ausdruck
eines pessimistischen Lebensgefühls nie weiter
zurückzugreifen scheint als zu Nietzsche und
Schopenhauer.
Eine
Ausnahme mag Joachim Kühn darstellen, der
immerhin Mauthners sprachkritische Tendenzen bis
zu Hume und Berkeley verfolgt und sogar ausnahmsweise
einen vagen Verweis zum mittelalterlichen Nominalismus
und der griechischen Philosophie anbringt (S.90).
In Anbetracht der Tatsache, daß zur Zeit
Hofmannsthals eine äußerst sorgältige
humanistische Bildung vorausgesetzt werden kann,
darf man sich zumindest fragen, warum skeptische
Einflüsse nicht direkt aus den skeptischen
Quellen, zum Beispiel eines Sextus Empiricus, Diogenes
Laertius, oder auch Ciceros Alterswerk stammen
könnten, oder zumindest aus der Renaissancezeit,
wie das doch in Hofmannsthals Fall, dessen Doktorarbeit
sich mit Ronsard befaßte (Hirsch, S.146),
ganz besonders nahe liegt.
G.
R. Hocke (S.245) zieht interessanterweise in seinem Manierismus
in der Literatur eine Verbindungslinie vom
Typus des Hamlet als dem "Malcontent",
den er als "Produkt des Zweifels, eines Zwiespalts
von Vitalität und übersteigertem Ich-Bewußtsein" definiert,
zurück zu Sextus Empiricus, und voraus zum "Hyper-Individualismus
des Modernen", wobei die Ich-Reflektionen
des "Skeptiker(s) Montaigne" Mittlerfunktion
einnähmen. Was er in diesem Zusammenhang von
der Affinität zweier Zeitalter und mit ausdrücklichem
Hinweis zum "moderne(n) Existenzialismus" zu
sagen hat, trifft unserer Meinung nach genauso
gut auf die Spätzeit des Römischen Reiches
und auf die Jahrhundertwende zu: "Die Geschichte
des Skeptizismus in der Shakespeare-Zeit hat viel Ähnlichkeit
mit derjenigen des hellenistischen Skeptizismus,
auch in Bezug auf Krisenzeiten, politische Katastrophen,
soziale Wandlungen und subjektivierende Reaktionen" (id.,
S.246).
Das
Hauptmerkmal eines jeden Skeptizismus, von dem
Villey (Bd.2, S.209) wohl zu Recht sagt, daß er "pas
une doctrine, mais une attitude de l'esprit" sei,
ist die jedem Dogmatismus diametral entgegengesetzte
Haltung. Damit verbunden ist das In-Frage-Stellen
von absoluten Wahrheiten und Werten, die auf einer
grundsätzlichen Kritik der erkenntnistheoretischen
Voraussetzungen, nämlich der Sinne und des
Bewußtseins, beruht. Außerdem findet
in der Vermittlung durch die Sprache, deren Unzulänglichkeit
zumal die frühen Vertreter des Skeptizismus
nicht müde werden zu beschreiben, sozusagen
eine zweite Brechung der sowieso schon subjektiv
erfaßten Realität statt. Ein sehr ausgeprägtes
Gefühl für die Relativität aller
Dinge und Meinungen ist demnach typisch für
jede skeptische Einstellung.
Oft
steht dieser theoretischen Offenheit und Toleranz
eine ausgesprochen tiefe Abbneigung gegen alle
Undordnung im politischen und sozialen Bereich
gegenüber. Montaigne, zum Beispiel, und letzten
Endes ja auch Hofmannsthal, vertraten eine sehr
konservative Lebenspraxis. Umgekehrt stehen dogmatische
Weltanschauungen häufig im Zusammenhang mit
revolutionärer Praxis oder Absicht! Das starke
Relativitätsbewußtsein steht in direktem
Bezug zu einem gewissen Verhältnis von Mensch
und Welt, das schon im Homo-mensura-Satz
des Protagoras seinen prägnantesten Ausdruck
findet, vor allem wenn man diesen wie Ernst von
Aster (S.55) mit der Verneinung objektiver Wahrheit
interpretiert, und mit Subjektivität, Relativität
und Skepsis in Verbindung bringt.
Ganz
wie die Relativitätstheorie (1905), die nach
Friedell "als das größte geistige
Ereignis des neuen Jahrhunderts angesehen werden
muß" (Bd.3, S.551), endgültig mit
der Illusion eines absoluten Bezugssystems von
Raum und Zeit aufräumt, sieht sich um diesselbe
Zeit auch das Individuum seiner festen Stellung
beraubt. Das Ich verliert seinen archimedischen
Punkt, wie Richard Sheppard (S.585) diesen
Prozess am Beispiel Rilkes darstellt, und fällt
einer Atomisierung anheim, die Sheppard ganz richtig
an den "Chandos-Brief" erinnert: "Whereas
the Neuen Gedichte presuppose an implicit
and unobstrusive Ich which stands firmly over and
against... the world which surrounds it, this relationship
has been fractured in the Elegien" (S.584).
Wunberg (S.117) weist im Zusammenhang mit Hofmannsthals "Chandos-Brief",
Musils Törless und Rilkes Malte auf
die enge Verknüpfung dieser Autoren mit einem "erkenntnistheoretischen
Relativismus und folglich einer deutlichen Wertnivellierung" hin.
Wie
in dem schon erwähnten Barrès-Aufsatz
Hofmannsthals (1891) von einem "fehlenden
Mittelpunkt" des Individuums die Rede war,
drückt sich ein ähnliches Verlorensein
in der ersten D'Annunzio-Rezension von 1893 aus
(HvH., Prosa I, S.171): "Wir haben gleichsam
keine Wurzeln im Leben". Zwei Seiten weiter
sagt er in einer grandiosen Vorausahnung der Relativitätstheorie
(1905) und der Atomzertrümmerung (1911): "Modern
ist... das Zerschneiden von Atomen und das Ballspielen
mit dem All." Auf den Menschen angewandt faßt
dieser Satz die Ich-Zerfaserung und allgemeine
Haltlosigkeit zusammen, die wohl ihre einflußreichste
Entsprechung in dem Empririokritizismus von Ernst
Mach findet.
Im
dritten D'Annunzio-Aufsatz von 1896 spricht Hofmannsthal
gleich zweimal von Atomen und dem leeren Raum: "Die
Schicksale der Menschen und der Dingestürzen...
nebeneinander hin durch das Leere, wie die Atome
des Demokrit" (HvH, Prosa I, S.272; auch S.280).
Wie auch im "Chandos-Brief" zeigt sich
hier der Ausdruck einer unglaublichen Verlorenheit.
Es erinnert uns an ein ähnliches alptraumartiges
Gefühl in Lukrez De natura rerum, wo
es ebenfalls der Intuition einer unendlichen und
absolut indifferenten Natur entspringt.
In
einem fiktiven Gespräch läßt Hofmannsthal
1902 Balzac von einer zunehmenden Zersetzung des
Lebens und einer Atomisierung des Erlebens sprechen "...so
sehr, daß man um 1890 oder 1900 überhaupt
nicht mehr verstehen wird, was wir mit dem Wort
'Erlebnis' haben sagen wollen" (HvH,
Prosa II, S.53).
Hier
könnte es sich um einen direkten Hinweis auf
Machs Analyse der Empfindungen handeln,
die zwar schon 1886 zum erstenmal erschienen war,
aber erst mit der Zweitauflage in 1900 "zum
Lieblingsbuch der Zeit" (Kluckhohn, S.4) wurde.
Sein Einfluß auf die Generation des Jungen
Wien Kreises ist unermeßlich (Wunberg, S.24;
Pascal, S.45). Insbesondere Hermann Bahr und Robert
Musil, der ja bekanntlich 1908 mit einer erkenntnistheoretischen
Dissertation über Mach promovierte, reflektieren
ihn, aber auch Andrian, Beer-Hofmann, Schnitzler
und Peter Altenberg weisen ihn auf (siehe Magris,
S.232 ff.). Nach Magris macht denn auch Hofmannsthal
keine Ausnahme. Wolfgang Nehring bezweifelt allerdings
einen direkten Einfluß auf Hofmannsthals
Frühwerk, weil schon 1890, "als Hofmannsthal
noch Gymnasiast war", verblüffende Parallelen
nachweisbar sind. Hofmannsthal hat nachweisbar
1897 eine Vorlesung Machs belegt (Wunberg, S.39),
und Nehring erwähnt eine Visitenkarte "aus
den neunziger Jahren" mit dem Titel der Mach'schen Analyse (Nehring,
S.495).
Machs
Nähe zu einem extremen Relativismus und zu
einer radikalen erkenntnistheoretischen Skepsis
drückt sich schon darin aus, daß für
ihn jede Erkenntnis "nur ein Standpunkt" ist
(Buzello, S.19), also keine Allgemeingeltung haben
kann. Nur im Bewußtsein des Einzelnen liegt
sie, und ist außerdem noch von verschiedenen
Stimmungen und vielen anderen Umständen abhängig.
Damit löst sich "die Wirklichkeit in
einem Strom von Empfindungen (auf), der es nicht
länger (erlaubt), von Wesensverschiedenheiten
zwischen Psychischem und Physischem, zwischen Ich
und Welt, Innerem und Äußerem zu sprechen" (Magris,
S.232). Auch das Ich verliert seine Einheit und
löst sich ebenso wie die Außenwelt in
unzählige Einzelteile auf. Ihm wird demnach
jede Realität abgesprochen, es wird zur Fiktion,
es ist nur ein Notbehelf zur vorläufigen Orientierung
im täglichen Leben, und ist sich selbst in
seinen aufeinanderfolgenden Phasen fremd: "Wenn
ich mich heute meiner frühen Jugend erinnere,
so müßte ich den Knaben...für einen anderen
halten, wenn nicht die Kette der Erinnerung vorläge.
Schon manche Schrift, die ich selbst vor 20 Jahren
verfaßt, macht mir einen höchst fremden
Eindruck," sagt Mach (S.3).
Das
entspricht auf frappierende Weise dem Beginn des "Chandos-Briefes",
den Pascal dann auch mit "Mach applied ad
hominem" umschreibt (S.46). Diese Ich-Auffassung
gipfelt in dem berühmten Auspruch vom "unrettbaren
Ich" (Mach, S.16), das durch Bahr 1904 zu
einem bekannten Schlagwort wurde (Wunberg, S.25;
Nehring, S.488). Friedell (Bd.3, S.442, 444) sieht
Machs "geistigen Stammbaum" in England
bei Locke und Hume, und erklärt ihn zum "klassischen
Philosoph(en) des Impressionismus", weil er "keine
andere psychische Realität anerkennt als die
'Elemente', die isolierten Einzeleindrücke,
die sozusagen das ABC unserer Erfahrungswelt bilden,
als deren letzte und einzige Tatsachen."
Gotthart
Wunberg (S.30 ff) hat unserer Meinung nach die "entschiedenen
Affinitäten" zwischen der Hofmannsthal'schen
und der Mach'schen Ich-Auffassung sehr überzeugend
belegt. Hofmannsthal notiert am 5. 5. 1891: "Wir
erscheinen uns selbst als strahlenbrechende Prismen,
den anderen als Sammellinsen" (HvH., Aufzeichnungen,
S.183). Wolfgang Nehring (S.496) zitiert Ähnliches
aus einem frühen Brief (um 1890?) an Bahr,
in dem Hofmannsthal das Ich mit einer "Akrobatenfamilie
von Momentsituations-Ichs" vergleicht.
Eine
dem "Chandos-Brief" vergleichbare Fremdheit
gegenüber der eigenen Person und dem eigenen
Werk findet sich auch schon zehn Jahre vorher in
Tagebuchnotizen und in der frühen Lyrik. So
liest man in einer Tagebuch-Eintragung vom 17.
6. 1891: "Mein Ich von gestern geht mich so
wenig an wie das Ich Napoleons oder Goethes" (HvH., Aufzeichnungen,
S.93). Und in 1894 heißt es: "Wir sind
unsrem Ich von Vor-zehn-Jahren nicht näher,
unmittelbarer eins als mit dem Leib unserer Mutter" (HvH.,
Aufzeichnungen, S.107). Lyrische Entsprechungen
finden sich für diesselbe Zeit in Sünde
des Lebens (1891) und in den Terzinen (1894).
Das
Grundgefühl, das mit solcher Ich-Auflösung
einhergeht, ist ein tiefempfundener Sinn für
die Vergänglichkeit aller Dinge, und erinnert
damit deutlich an Heraklits Panta rhei.
Tatsächlich findet sich der Ausdruck eines
fließenden Lebensgefühls ja ganz ausdrücklich
1902 im "Chandos-Brief". Ähnlich
heißt es schon 1894 in den Terzinen,
deren erste Teilüberschrift bezeichnenderweise "Über
Vergänglichkeit" lautet: "Dies ist
ein Ding das keiner voll aussinnt... / Daß alles
gleitet und vorüberrinnt" (HvH., GLD,
S.17). Zu Edgar Allan Poe notiert Hofmannsthal
(HvH., Aufzeichnungen, S.102): "Es
ist sonderbar, wenn einer in so starren Dingen
das Bild seiner Vision der Welt findet, da doch
im Dasein alles gleitet und fließt",
und gleicherweise wirft er auch D'Annunzio eine
gewisse Unbeugsamkeit vor: "Da doch alles
gleitet und fließt, befremdete mich in seiner
Weltanschauung etwas Starres und Künstliches" (HvH., Prosa I,
S.271). Und wie eine Zusammenfassung klingt der
Satz: "In der Natur gibt es nichts Festes,
Begrenztes, nur Übergänge" (HvH., Aufzeichnungen,
S.90).
Auch
bei Bahr findet man einen entsprechenden Ausblick.
1904 schreibt er, er habe bei Mach "ausgesprochen
gefunden, was mich die ganzen drei Jahre her quält:
'Das Ich ist unrettbar.' Es ist nur ein Name. Es
ist nur eine Illusion. Es ist ein Behelf, den wir
praktisch brauchen, um unsere Vorstellungen zu
ordnen... Alles ist in ewiger Veränderung" (S.190).
Und: "Alles fließt, eines (verrinnt)
in das andere und (ist) niemals, wird nur immer
in unablässiger Verwandlung" (S.197).
Unmittelbar
nebeneinandergestellte Einzeleindrücke sind
auch kennzeichnend für den literarischen Impressionismus,
wobei "immer feinere Nuancierung und Differenzierung...
sowohl für die Sprache wie für die Beobachtung
seelischer Vorgänge charakteristisch (sind).
Die Haltung des Dichters ist dabei passiv bis zur
Negierung der Seele, die zu einem bloßen
Etwas wird, durch das die Eindrücke der Außenwelt
hindurchgehen" (Kluckhohn, S.4). Hofmannsthal
gehört für ihn - wenn auch nur in seiner
Frühzeit - zu den "Wiener Impressionisten".
Auch Wolfgang Nehring (S.489) weist auf Hofmannsthals
wiederholte Auseinandersetzung "mit der impressionistischen
Weltauffassung" hin, deren Beschreibung sich
mit den oben dargestellten Auflösungstendenzen
und vor allem dem Panta rhei-Empfinden deckt.
Bahr nennt er den "Theoretiker des (Wiener)
Impressionismus", und Peter Altenbergs aphoristische
Schriften, die er "eine Sammlung von Momentaufnahmen
und Schnappschüssen des Lebens" nennt,
sind ihm repräsentativ für die Zeit und
Generation. Auch Schnitzlers Werk verkörpert
für ihn den impressionistischen Stil, wobei
er sehr schön darauf hinweist, daß "die
Auflösung der großen dramatischen Form
(in Einakter oder Einakterzyklen) die Äuflösung
des Ichs und der Welt in isolierte Erlebnisse (spiegelt)" (S.488-9).
Er betont auch ganz richtig, daß die Einführung
der assoziative Technik des Inneren Monologs im "Leutnant
Gustl" (1901) nicht ohne Zusammenhang mit
den allgemeinen Auflösungserscheinungen ist.
Bei
Hofmannsthal erfolgt Nehrings Meinung nach eine
Wende um 1895, nachdem er den Verlust der Frau
von Wertheimstein zu beklagen hat und etwa gleichzeitig
mit dem Militärdienst einer "neuen bedückenden
Wirklichkeit" gegenübersteht: "Nach
diesen Erfahrungen identifiziert (er sich) nur
noch höchst selten mit dem impressionistischen
Lebensgefühl" (id., S.491). Der "Chandos-Brief" von
1902 dürfte wohl eine dieser "seltenen" Manifestationen
nach 1895 darstellen, obwohl wir eher annehmen,
daß Hofmannsthal sich sein Leben lang dem "Bereich
der Relativität", wie Nehring den Impressionismus
definiert (S.497), verbunden gefühlt hat.
Das wird besonders an der Sprachthematik deutlich,
die Hofmannsthal bis an sein Lebensende beschäftigt
hat, und zum Beispiel noch ein Hauptthema des Schwierigen von
1921 ist.
Daß die
Sprachskepsis der logische Ausdruck einer skeptischen
Weltanschauung ist, wird allgemein anerkannt. Damit
hängt sie aufs Engste mit den oben beschriebenen
Tendenzen zusammen. Das Versagen der Worte, die
Wirklichkeit in ordentliche Systeme zu zwängen,
geht Hand in Hand mit einem verunsicherten
Ich-Bewußtsein: "Die Krise der Sprache,
ihre Abdankung als Mittel, den Reichtum der Wirklichkeit
zu erschließen, ist verbunden mit jener des
psychologischen Subjekts" (Magris, 1982, S.231).
Wie die Ich-Problematik ist denn auch die Sprachkritik
eines der Hauptthemen des 20. Jahrhunderts (Höck,
S.371). Bekes (S.121) führt sie im Zusammenhang
mit Peter Handke auf die Zeit um 1900 zurück,
Joyce, Beckett, Ionesco, und andere reflektieren
sie später. Helmut Prang belegt sie für "nahezu
alle namhaften Dichter der Jahrhundertwende" (Wunberg,
S.12), Daniel de Vin (S.189) sieht in ihr im Zusammenhang
mit Musils Törless "ein typisch österreichisches
Thema", Böckmann und Sheppard diskutieren
sie bei Rilke und F. Aspetsberger verfolgt sie
bei Schnitzler. Und häufig wird in diesem
Zusammenhang ausdrücklich auf den "Chandos-Brief" als "Manifest" (Kuna,
S.133), "Zeitdokument" (Eibl, S.88) und "epochenmachendes
skeptisches Kunstwerk" (Brinkmann, S.80),
sowie als "Grunderfahrung eines ganzer Generation" (Landauer,
bei Eibl, S.82) hingewiesen. Außerdem wird
Hofmannsthal allgemein eine "Mittlerstelle
innerhalb der modernen Sprachkrise" zugebilligt
(Requadt, S.40): "Er hat diese früh und
scharf empfunden, er hat über sie reflektiert
und sie aus eigener Kraft dichtend zu überwinden
gesucht." Requadt sieht den philosophischen
Einfluß Nietzsches und Lichtenbergs am Werk,
und dem ersteren hat Meyer-Wendt ein ganzes Buch
gewidmet. Sprachkritische Reflexionen Bacons (Kraft,
Wunberg, Hamburger), Goethes, Schopenhauers, Brentanos
und vor allem Mauthners (Kühn, Eibl, Morton)
werden bemüht, und auch auf Ähnlichkeiten
mit Wittgenstein wird hingewiesen. Niemand, abgesehen
von einem flüchtigen Hinweis auf die "lange
Tradition" der Sprachskepsis bei Kühn
(S.90), erwähnt auch nur die frappierendsten
Parallelen mit der antiken Richtung, die am besten
bei Sextus Empiricus in seinem Adversus mathematicos
I zum Ausdruck kommt. Dabei weist schon ein
Artikel von Francoise Desbordes auf die wesentlichen
Merkmale der Sprachkritik, wie sie sowohl bei Mauthner
als auch bei Wittgenstein auftauchen, in prägnantester
Weise hin. Ein näherer Vergleich mit dieser
wichtigen Quelle wäre bestimmt auch für
die sprachthematische Literaturkritik von größtem
Nutzen.
Daß absolute
Erkenntnis unmöglich ist (Desbordes, S.64),
und daß die Sprache als mögliches Erkenntnismittel
höchst ungeeignet ist, da sie die Wirklichkeit
nicht reflektiert sondern subjektiv verformt (S.66,
68), daß sie trotz alledem aber praktischen
Orientierungswert hat (S.66), sind Prämissen
der antiken Sprachskepsis, und waren schon zur
römischen Kaiserzeit in aller Munde. Daß die
Worte eine Welt für sich sind (S.69), befindet
auch der mittelalterliche Nominalismus (Kühn,
S.242). Auch Mach, Vaihinger (Philosophie des
Als Ob; Kühn, S.242) und Wittgenstein
(besonders in den Philosophischen Untersuchungen;
Haller, S.47 ff), sagen es und es kommt in Chandos
Bemerkung zum Ausdruck, daß Ciceros und Senecas "begrenzte
und geordnete Begriffe... es nur miteinander zu
tun" hätten (S.14).
Diese
Meinung scheint uns Kleists Brillenmetapher, nach
der "die Sprache unsere wirklichen Augen bildet" (zitiert
nach Arntzen, S.254), sowie Humboldts Sprachdefinition
als Weltbild (die dann ja auch der bekannten Whorf-Sapir
Hypothese zugrundeliegt) nahezustehen. Nicht nur
sind Worte ein geschlossenes System, sie haben
auch Gewalt. Diese Auffassung findet sich bei Nietzsche
(Meyer-Wendt, S.86), der vermutlich Mauthner damit
beeinflußt hat (Arntzen, S.250). Ganz wie
das Wort=Gewalt-Motiv läßt sich auch
die Idola-Auffassung, nach der die Worte
Vorurtele beinhalten und die im Anschluß an
Bacon bei Goethe (Bennett, S.553) Nietzsche (in Menschliches,
Allzumenschliches; Magris (S.47)), Mauthner,
Kraus und Wittgenstein (Petillon, S.887) auftaucht,
und im Falle Hofmannsthals direkt auf diese Renaissance
Quelle zurückzuführen ist.
So
weist Wunberg (S.110) darauf hin, daß Hofmannsthal
schon 1893 als 19 jähriger von dem Idola-Begriff
gewußt hat, den er dann später unter
dem Wort "Urteil" so eloquent im "Chandos-Brief" (S.12-13)
anwendet. In der erwähnten Tagebucheintragung
(HvH., Aufzeichnungen, S.105) ist von "Worten
als Gefängnissen" die Rede, und die "eidola" werden
als Begriffe dargestellt, die "einmal lebendig
waren", dann aber zu nichts anderem als Götzenbilder
geworden sind. Zwei Jahre später heißt
es in der Mitterwurzer-Rezension (HvH., Prosa I,
S.265-270) in direkter Anlehnung an Bacon: "...Gewöhnlich
stehen nicht die Worte in der Gewalt der Menschen,
sondern die Menschen in der Gewalt der Worte. Die
Worte geben sie nicht her, sondern spinnen alles
Leben von den Menschen ab" (S.267). Bei Bacon
hieß es: "Die Menschen bilden sich ein,
daß sie mit ihrem Verstand die Sprache beherrschen;
oft geschieht es aber, daß die Sprache ihren
Verstand beherrscht" (Novum Organon I,
59; bei Kraft, S.40). In derselben Rezension ist
auch von einem "tiefen Ekel vor den Worten" die
Rede, und davon, daß si sich "vor die
Dinge gestellt" hätten (S.265).
In
dem ersten Teil des "Chandos-Briefes" hatten
wir die Form als bestimmendes Element gesehen,
im zweiten die Substanz. Auf den sprachthematischen
Verlauf angewandt, kann man mit Eibl (S.83) eine
Dreiteilung sehen. Die ersten beiden Teile haben
dann mit der Form zu tun, nämlich zum einen
mit Wortmagie und Trunkenheit, zum zweiten mit
Wortzerfall und Leere. Der dritte, der Substanz
zugehörige Teil, weist auf die wortlose Sprache
der Dinge mit den Stichwörtern Seins-Einheit
und Weltharmonie. Was nun den erkenntnistheoretischen
Hintergrund der Sprachthematik in dem "Brief" angeht,
haben wir schon darauf hingewiesen, daß Sprache
wie sie in der rhetorischen, formbetonten ersten
Hälfte des Textes dargestellt wird, als ungenügned
erscheint und einer anderen "Sprache, in welcher
die stummen Dinge...sprechen" (S.22) gegenübergestellt
wird. Parallel zu der Ich-Auflösung fällt
sie also einem Zerfall anheim, der nur mit einer
Ahnung von der Sprache des Seins ersetzt wird.
Wie
Karl Eibl (S.88) überzeugend darstellt, stehen
Sprachskepsis und Mystik in einem komplementären
Verhältnis zueinander. Vielleicht nicht zufällig
haben sich sowohl Fritz Mauthner wie sein überzeugtester
Anhänger Gustav Landauer nach einer extremen
skepsitschen Phase der Mystik zugewandt. Gegen
Lebensende hat Mauthner sich für einen hauptsächlich östlichen
Mystizismus interessiert (Laotse, Buddha, aber
auch Meister Eckhart; Kühn, S.250 ff.) Arntzen
(S.251) nennt Mauthners Kritik der Sprache (1901-1902) "eine
der grundlegenden Arbeiten zur Sprachkritik in
diesem Jahrhundert", die "nachweislich
auf viele Autoren eingewirkt" habe. Wunberg
(S.112) meint, es werde mit Recht "immer wieder" auf
Mauthner hingewiesen, wenn vom "Chandos-Brief" die
Rede sei. Auch Arntzen (S.253) hält Landauers
1903 geäußerte Überzeugung, der "Chandos-Brief" sei
nicht ohne Kenntnis Mauthners zustande gekommen,
für gerechtfertigt. Kühn (S.27) sagt: "Mauthner
selbst, der sonst von Beziehungen der modernen
Dichtung zu seiner Sprachkritik nicht zu überzeugen
war, schrieb unmittelbar nach der Veröffentlichung
des "Briefes" (20. 10. 1902) an den Dichter" er
sehe in dem "Chandos-Brief" "das
erste... Echo" auf sein Werk. Mit den Worten "Meine
Gedanken sind ähnliche Wege gegangen" hat
Hofmannsthal diese Unterstellung in seinem Antwortschreiben
an Mauthner (Morton, S.2) höflich abgelehnt,
und auf die früheren sprachskeptischen Züge
in seinem eigenen Werk hingewiesen. Es besteht
kein Anlaß, wie Kühn (S.28) an Hofmannsthals
Aufrichtigkeit zu zweifeln, weil "die gedanklichen Übereinstimmungen" zu überzeugend
seien. Vielmehr muß man wohl zugeben, daß Hofmannsthals
Eigenständigkeit nicht den Wünschen Kühns
entspricht, dafür aber vermutlich den historischen
Tatsachen entspricht. So gesteht Eibl (S.82) Mauthner,
dem "genialen Dilettanten" (so Haller,
S.41), in einer realistischeren Bewertung "Brennglasfunktion" zu. Ähnlich
urteilt auch Morton (S.2): "Mauthner's works
do not constitute, in themselves, an epochal event,
revolutionizing intellectual and artistic life.
What Mauthner offers is rather an unusually extreme...
formulation of a tendency running through much
of the philosophy and literature generally."
Mauthner für die drei nicht allein sprachbezogenen Phasen im "Chandos-Brief",
nämlich die Sprachmagie, den Sprachzerfall
und die Dingsprache, als Haupteinfluß heranzuziehen,
scheint uns also nach dem Stand unserer Kenntnisse
nicht gerechtfertigt. Wenn Arntzen (S.251) auch
vielleicht Recht hat mit der Annahme, daß Mauthners
Wirkung gern "verschwiegen (werde), als sei
es unangenehm sich auf (seine Arbeit) zu beziehen",
meinen wir doch, daß eine Verbindung von
Einflüssen der zeitgenössischen Philosophie
wie der Machs, Vaihingers, und Brentanos mit sprachkritischen
Ansätzen bei Bacon und Nietzsche wahrscheinlicher
ist. Für die monistisch-mystischen Zusammenhänge
stimmen wir mit Rehm (S.113) und Meyer-Wendt (S.117) überein,
daß Goethe und Stifter, sowie der weitere österreichische
Harmonie-Kontext durch den "böhmischen
Leibniz" Bolzano und dessen Schüler Herbart
(Mülher, S.204) auf Hofmannsthal mehr gewirkt
haben dürften.
Gaby Divay, Archives & Special
Collections, University of Manitoba