| Gemessen
an dem geringen kommerziellen Erfolg der Zeitschrift Die
Insel (1899-1902) gelangte der parallel laufende
Buchverlag schnell zu voller Entfaltung. Ab Oktober
1901 bestand er unabhängig (1),
und sein erster Geschäftsführer Rudolf
von Poellnitz verwirklichte sein Programm, "kunstmäßig
ausgestattete Bücher von wertvollstem Inhalt" zu
verlegen (2). Von den 28
Veröffentlichungen der ersten drei Jahre fallen
allein zehn auf die Herausgeber und Gründer
der Zeitschrift, Heymel, Schröder und Bierbaum.
Zu anderen Autoren gehören Heinrich Vogeler,
Paul Ernst, Paul Scheerbart, Richard Dehmel, Hermann
Bahr, Rilke und Hofmannsthal.
Von
Poellnitz, 1865 bei Bremen geboren und damit wie
sein Nachfolger Kippenberg ein Landsmann von Heymel
und Schröder, stand mit seinen literarischen
Interessen den beiden Haupteigentümern nahe,
und brachte solide buchtechnische Erfahrungen mit
sich (3). Neben zeitgenössischer
deutscher Literatur wurden unter seiner Leitung auch
zahlreiche moderne Texte aus anderen europäischen
Sprachen übersetzt.
Hier
ergibt sich die Verbindung zu dem Hauptaspekt dieses
Vortrages, nämlich zu Felix Paul Greve. Der
wenig bekannte Literat hat bis zu seinem Verschwinden
im Juli 1909 unwahrscheinliche Mengen übersetzt,
und seine Übertragungen sind oft noch heute
im Handel. Im Wettstreit mit Franz Blei, der schon
seit Ende 1901 redaktionell an der Insel Zeitschrift
mitwirkte, und auch nach deren Pleite von Poellnitz "mit
unermüdlich grotesker Hilfe" zu beraten
pflegte (so Schröder; 4), übersetzte
Greve Werke von Oscar Wilde, Ernest Dowson, Walter
Pater, und Robert Browning für den Insel-Verlag,
und Autoren wie Flaubert, Gide, Meredith, und H.G.
Wells für andere Verlage.
Greve
ist von besonderem Interesse, weil seit fast dreißig
Jahren als erwiesen gilt, daß er mit dem kanadischen
Autor Frederick Philip Grove identisch ist. Dieser
hatte immer behauptet, anglo-schwedischer Abstammung
zu sein, und eine internationale Erziehung genossen
zu haben. Groves Manuskripte befinden sich in den
Archiven der University of Manitoba. Der Entdecker
der sensationellen Verbindung ist Professor D. O.
Spettigue (5), und seine
Dokumente gehören ebenfalls zum FPG (Greve/Grove)
Archivbestand. Sie sind 1989/90 von mir organisiert
und beschrieben worden. In beiden Sammlungen gibt
es je drei deutsche Gedichte in Groves Hand, und
eines von denen aus der Grove-Sammlung stimmt mit
Greve's "Erster Sturm" in der Schaubühne von
1907 überein. Es ist und bleibt einer der besten
indirekten Beweise für Groves Identität
mit Greve.
Greves
Korrespondenz mit dem Insel-Verlag ist eine der Hauptquellen
für diesen Vortrag. Professor Spettigue hat
sie schon 1972 in der damaligen DDR untersucht, und
einige photographische Reproduktionen befinden sich
in seiner Sammlung. Allerdings war es schwierig für
den kanadischen Gelehrten, sie ohne weitere Deutschkenntnisse
voll auszuwerten, und auch sein Kollege an der Queen's
Universität, der bekannte Germanist Anthony
Riley, konnte nicht verhindern, daß sich einige
schwere Fehler in Spettigues Buch FPG: The European
Years (Ottawa: Oberon, 1973) eingeschlichen haben.
Weitere wichtige Quellen sind Hofmannsthals Verlagskorrespondenz
und natürlich die umfassenden Arbeiten des Verlagshistorikers
Heinz Sarkowski.
Greves
Insel-Korrespondenz beginnt im August 1902, endet
im September 1909 mit einem Brief an seine vermeintliche "Witwe".
Trotz dieser kurzen Zeitspanne wird darin ein wichtiger
Anteil des Übersetzungs-Programms aus der Frühzeit
des Verlages beleuchtet. Die etwa 75 Briefe und Telegramme
auf etwa 200 Seiten befinden sich im Besitz des Goethe-
und Schiller Archivs in Weimar, und Photokopien davon
sind seit Oktober 1990 auch in meinen Händen.
Ettliche Kopien und Notizen zu diesem Bestand und
eine getipptes englisches Übersetzungsfragment
- das allerdings mit Vorsicht zu genießen ist
- gibt es auch im Spettigue-Archiv in Winnipeg.
Zurück
zur Verlagsgeschichte: von Poellnitz mit seiner Vorliebe
für modernste Literatur stirbt knapp vierzigjährig
(und zufällig an Greves sechsundzwanzigsten
Geburtstag) am 14. Februar 1905 (6).
Das Programm beläuft sich zu dieser Zeit auf
etwa 120 Titel, und obwohl der Verlag finanziell
gut dazustehen scheint, erweist sich zum Schrecken
aller Beteiligten, daß er in Wirklichkeit konkursreif
ist. Wie sich herausstellt, hat von Poellnitz in
den letzten zwei Jahren seiner Tätigkeit 120.000
Mark veruntreut. Das ist eine ungeheure Summe zu
dieser Zeit, und man nimmt an, daß er das Opfer
erpresserischer Drohungen war (7).
Anton
Kippenberg übernimmt nach einem kurzen, gemeinsamen
Zwischenspiel mit dem Drucker Poeschel ab September
1906 allein die Leitung (8),
und prägt dem Verlag schnell die Merkmale seines
Geschmacks auf. Sein geschäftlicher Spürsinn
und seine "amerikanischen Methoden" (9) werden
zwar allgemein anerkannt und auch oft genug von anderen
Verlagsunternehmen beneidet. Sein literarisches Kunstverständnis
dagegen gilt im Vergleich mit dem seinem Vorgänger
als begrenzt und konservativ.
In
einem seiner ersten Briefe an Hofmannsthal beschreibt
Kippenberg seine Vorstellungen von dem künftigen
Insel-Programm: der Weltliteratur im Goethischen
Sinne gelte es zu dienen. Aus der zeitgenössischen
Literatur solle man nur wenig, und "dafür
nach Möglichkeit das Dauer Versprechende" auswählen.
Buchkunst und Buchluxus seien zu pflegen, denn dem
Inhalt des Buches müsse man die Form anpassen.
Allerdings dürfe man nie vergessen, daß der
Verlag trotz einer gewissen Kulturmission letzen
Endes ein Geschäft sei (10) .
Kippenberg
hatte 1901 mit einer Arbeit zur Faust-Sage
in Leipzig promoviert (11),
und war zeitlebens ein begeisterter Goethe-Anhänger.
Neben zahlreichen Klassikerausgaben, darunter 1908
der Volks-Goethe in sechs Bänden, bringt Kippenberg
dann auch seinem Programm gemäß in den
folgenden Jahren Auswahl- oder Gesamtausgaben heraus,
wie zum Beispiel Die Erzählungen aus den
tausendundein Nächten (12 Bände, 1907-8),
Balzacs Menschliche Komödie (14 Bände,
1908-11), Cervantes Novellen und Don Quichote (1907-8),
Lesages Gil Blas (1908) und Dickens David
Copperfield (1910). Alle sind entweder zum großen
Teil oder sogar ausschließlich von Greve übersetzt
worden, und dazu kommen unter anderem noch die Erzählungen Tausend
und ein Tag (4 Bände, 1909-10?), Die
Briefe des Junius (1909), und, allerdings bei
anderen Verlegern, Oscar Wildes Werke und
Swifts Prosaschriften (4 Bände, 1909-10) (12) .
Trotz
Heymels unermüdlichen Ermahnungen an Kippenberg,
neben dem "lawinenartig anschwellenden historischen
Verlagszweig" (13) auch
gute Kontakte zu den jüngsten Dichtern zu pflegen,
blieb Samuel Fischer das maßgebliche Haus für
diese Richtung. Großzügige Vorschußleistungen
und langjährige Verträge sicherten ihm
Autoren der zeitgenössischen deutschen und europäischen
Moderne. Selbst Hofmannsthal erkannte ihn als seinen
hauptsächlichen Verleger an, während er
der Insel lediglich "alles dem Lyrischen Verwandte" überließ (14) .
Außer Carossa und Rilke (seit 1905), an dem
Kippenberg laut Heymel mit wahrer Backfisch-Liebe
hing (15), verlegte niemand
ausschließlich bei der Insel. Dafür war
der Verlag führend in der deutschen Buchgestaltung,
und kam dem bewunderten englischen Vorbild der Morris-Presse
an künstlerischer Ausstattung am nächsten.
Greves
Korrespondenz mit Rudolf von Poellnitz beginnt im
August 1902 und endet im Dezember 1903. Für
die Zeit von 1904-1906 fehlt bis jetzt jeder Verlagsbriefwechsel
mit Greve. Für diese Jahre wird die 1985 erschienene
Korrespondenz zwischen Hofmannsthal und Kippenberg
Licht auf einige der großen Übersetzungsprojekte
werfen können. Zwischen 1907 und 1909 gibt es
dann zwar nur drei, dafür um so bedeutendere
Briefe an und von Kippenberg aus den Weimarer Beständen
(16).
In
seinem ersten Brief an von Poellnitz im August 1902 (17) beruft
Greve sich auf seinen "Freund Karl Wolfskehl",
und bietet eine Übersetzung von Dowsons Dilemmas an.
Er erwähnt, er habe bereits "die Hauptwerke
Oscar Wildes" und ähnliches für den
Bruns-Verlag in Minden übersetzt, und stellt
sehr detaillierte Honorar-Forderungen für den
Fall, daß sein Angebot angenommen werde. Von
Poellnitz stellt schon am nächsten Tag das Erscheinen
dieser Übersetzung für Januar 1903 in Aussicht.
Sie erscheint dann allerdings erst im Dezember, und
zwar mit Illustrationen von Marcus Behmer.
Mit
Hinweis auf die neuesten deutschen Veröffentlichungen
von Walter Paters Imaginary Portraits (Insel)
und Renaissance (Diederichs) versucht Greve
nur fünf Tage nach der ersten Kontaktaufnahme (18),
von Poellnitz für seine Übertragung Marius,
der Epikureer zu interessieren. Mit diesem Vorschlag
hat er weniger Glück: nach einiger Zeit sendet
von Poellnitz schließlich das Manuskript mit
der kühlen Empfehlung, einen anderen Verleger
zu finden, zurück (19).
Diese Abfuhr hat wenigstens zwei Gründe: zum
einen verkaufen sich die schon vorhandenen Pater-Übersetzungen
gar nicht gut, und dann gesteht von Poellnitz, daß ihm
allerlei Klatsch aus München und Berlin zu Ohren
gekommen ist. Besonders geärgert habe er sich über
die maßlose Übertreibung bei der Beschreibung
eines geschäftlichen Zusammentreffens mit Greve
in Leipzig, und über die hochstaplerische Behauptung,
die Insel brächte in nächster Zukunft allerlei
Arbeiten aus Greves Feder. Außerdem seien ihm
wiederholte Vorschußforderungen nach so kurzwähriger
Bekanntschaft nicht geheuer gewesen (20).
Greve
entschuldigt sein ungewöhnlich langes Schweigen
auf diesen Brief mit schlechtem Befinden. Jemand
müsse ihm übel wollen. Bei von Poellnitzens
Beschwerden handele es sich um ein großes Mißverständnis.
Auch anderweitig gingen ebenso ungerechtfertigte
Gerüchte über seinen wilden Lebenswandel
um (21) .
Etwa
zwei Monate später entflieht Greve mit Else,
der Frau seines Freundes August Endell, dem bekannten
Jugendstil-Architekten nach Italien. Daß sein
Lebenswandel in der Tat zu wünschen übrig
ließ, bestätigt sich etwa ein halbes Jahr
später. Auf dem Rückweg von Palermo, wo
er einige Zeit mit "seiner Frau" verbracht
hat (22) , wird er Anfang Mai 1903 in Bonn
wegen Betruges an einem Studienfreund verhaftet,
und etwas später zu einem Jahr Gefängnis
verurteilt. Seine Schulden betragen nach eigenen
Angaben etwa 30.000 Mark, von denen er wenigstens
seinem Freund Herman Kilian, dem Kläger, die
mit Selbstmord-Drohungen erpreßten 10.000M
abstatten muß (23) .
Den Marius versucht
er erfolglos noch mehrfach anzubringen, und nicht
nur beim Insel-Verlag, wie er Mitte November 1903
entmutigt zugibt (24) . Die näheren Umstände,
warum diese Veröffentlichung doch noch fünf
Jahre später unter Kippenberg zustande kam,
sind leider unbekannt. Ihr sind dann aber ausgesprochen
anerkennende Besprechungen im Litterarischen Echo ,
den Grenzboten , und der anglistischen Fachzeitschrift Anglia zuteil
geworden.
Trotz
den offensichtlichen Spannungen zwischen Übersetzer
und Verleger gegen Ende 1902 werden noch mehrere
gemeinsame Pläne erfolgreich ausgeführt.
So erscheint 1903 eine Sammlung von Oscar Wildes
Erzählungen unter dem Titel Das Granatapfelhaus mit
Heinrich Vogelers Zeichnungen. Sie erlebte seither
viele Neuauflagen (25) .
Brownings Tragödie
einer Seele und Auf einem Balkon. In einer
Gondel befinden sich Mitte 1903 im Druck (26) .
Alle drei erscheinen unter dem Pseudonym F. C.
Gerden, das Greve aus dem Gefängnis vorschlug (27) .
Auch der Paracelsus , den Greve auf von
Poellnitz' Anfrage übernommen hatte (28) ,
gelangt schließlich 1904 zur Ausführung.
Greves
persönliche "Katastrophe" und seine
Bitte, ihn in seiner Notlage mit möglichst vielen
Aufträgen zu unterstützen (29) ,
hatten offensichtlich Erfolg bei dem Insel-Verlagsleiter.
Mehrere Vorschläge, wie zum Beispiel Brownings A
Blot in the Scutcheon (30) oder Flaubert's Contes zu
verlegen, sowie Anfragen wie "Sollte man nicht
einmal Balzac übersetzen", oder Verga,
H.G. Wells (31) und Meredith (32) übertragen,
fallen scheinbar auf taube Ohren. Nach einigen Jahren
kommt aber tatsächlich die große Balzac-Ausgabe
unter Kippenbergs Leitung zustande, und viele der übrigen
Pläne werden schließlich von anderen Verlagen,
wie Bruns zum Beispiel, ausgeführt.
In
teils unterwürfigem, teils unverschämtem
Ton stellt Greve bald immer höhere Honorarforderungen,
und zwar auch für ältere Abmachungen. Die
fast manischen Forderungen sind sicherlich durch
Greves schwierige finanzielle Situation bedingt,
aber verständlicherweise wird von Poellnitz'
Briefstil in direktem, und proportionalem Verhältnis
zu ihnen fühlbar kälter.
Ausschlaggebende
Konflikte mit dem begabten, aber problematischen Übersetzer
kommen endlich gegen Ende 1903 zum Ausbruch. Greve
versucht mit allerlei Kunstkniffen, die Bühnenrechte
für die Browning-Dramen an Fischers neuen Bühnen-Verlag
zu vergeben (33) , sowie Abdrucke und Besprechungen
der unmittelbar bevorstehenden Dowson- und Wilde-Veröffentlichungen
an allen möglichen und unmöglichen Stellen
anzubringen (34) , und vereitelt endlich,
vielleicht unbeabsichtigt, den von Poellnitz' begehrten
Plan der Browning-Barrett Korrespondenz.
Er
erwarb zwar für den Insel-Verlag die Rechte
an einigen Browning-Barrett-Briefen, die weit wichtigeren
Liebesbriefe des Paares gelangten aber in Fischers
Hände. Greve entschuldigt sich wieder mit einem
Mißverständnis. Er habe bei dieser Übersetzung
zuerst an Bruns gedacht, und eine Auswahl nach rein
biographischen Gesichtspunkten getroffen. Eine Diskrepanz
ergebe sich nun mit von Poellnitz' Absichten nur
deshalb, weil dieser ein literarisches Monument im
Sinn habe. Natürlich sei er bereit, eine andere
Auswahl zu treffen, die den Erwartungen des Verlegers
eher entspräche. Allerdings würde das Manuskript
sich dann verdoppeln, und nicht unter 2000 M zu haben
sein. Außerdem könne er es wegen zahlreicher
anderer Verpflichtungen kaum vor Juni 1904 fertigstellen (35) .
In
diesem Fall erweist sich von Poellnitz als unversöhnlich.
In seinem letzten Brief vom 25.12.1903 spricht er
offen seine Erbitterung darüber aus, daß er
Greve diese Angelegenheit überlassen habe, und
sich nun mit einem empfindlichen Verlust abfinden
müsse. Greves Auswahl sei nichts als "zweiter
Aufguß", und er wolle diese verwässerte
Sammlung jedenfalls nicht verlegen. Er habe aber
keinen Zweifel, daß sie bei Fischer gnädig
aufgenommen werde. Tatsächlich erscheint sie
da auch 1905. Obwohl von Poellnitz erst etwa ein
Jahr später stirbt, scheint es, daß der
Kontakt zu Greve nun endgültig abgebrochen wurde.
Kippenberg überzeugt
Hofmannsthal kurz nach seinem Amtsantritt, die Einleitung
zu den Tausendundein Nächten nach der
Burton'schen Ausgabe zu übernehmen. Bei dieser
Gelegenheit sagt er stolz: "Wir dürfen
sagen, daß die deutsche Bearbeitung schlechthin
unübertrefflich ist, und daß das äußere
Gewand dem Inneren entsprechen wird, dafür leistet
wohl unsere Firma Gewähr (36). " Den
ersten Probeband findet Hofmannsthal am Ende des
Jahres dann auch "ganz reizend" (37) .
Anläßlich des vierten Bandes im September
1907 bezieht sich Kippenberg auf eine Kritik in der Neuen
Rundschau , die nur die grünen Ledereinbände
lobend erwähnt hat, und "dem inneren Wert
der Ausgabe und dem Übersetzer so gar nicht
gerecht worden ist." Kippenberg besteht darauf,
daß Greve "eine sehr anerkennenswerte
philologische Arbeit vollbracht" habe, und daß zu
Recht "von allen Seiten nur Gutes und Bestes über
diese Ausgabe" gesagt werde (38). Auch
Hofmannsthal berichtet, daß er überall "nur
Freundliches über 1001 Nacht" höre (39) .
Die kritische Literatur zu diesem Unternehmen ist
beträchtlich. Trotz aller zum Teil berechtigten
Einwände war dieser Ausgabe ein ungeheurer und
dauerhafter Publikumserfolg beschieden.
Ebenfalls
Ende 1907 gibt Hofmannsthal seine Zustimmung, die
Einleitung zur geplanten Balzac-Ausgabe zu liefern.
Harry Graf Kessler und er waren auch maßgeblich
an der Auswahl und Anordnung der 14 Bände beteiligt (40) .
Die Übersetzungsarbeit teilten sich Heinrich
Mann, René Schickele, Greve, Ernst Hardt,
und Gisela Etzel. Auch diese erfolgreiche Ausgabe
war umstritten und zog lebhafte Kritik auf sich.
Aus
den beiden Greve-Briefen an Kippenberg geht deutlich
hervor, daß der Übersetzer auch noch in
diesen Jahren unter großem finanziellen und
seelischen Druck steht. Im April 1907 reagiert Greve
beleidigt auf Kippenbergs Besorgnis, daß er
sich zuviel aufbürde. Nachdem er seine Arbeit
an den Tausendundeinen Nächten , an Lesages Gil
Blas (1908), und an Cervantes Novellen erwähnt
und dabei eingehend sein übersetzerisches Vorgehen
beschreibt, erlaubt er sich einige persönliche
Bemerkungen. Sein ungeheurer Arbeitsaufwand sei durch
seine Schulden motiviert, die er sich teils selbst
anzulasten habe, die teils aber noch aus seiner Jugend
stammten. Er mußte nämlich schon vom sechzehnten
Lebensjahr an für seine Mutter sorgen, und diese
Belastung allein betrüge noch über 4000
M im Jahr. Trotz seiner relativ hohen Einkünfte
bliebe ihm nach diesen und anderen Verpflichtungen
so gut wie nichts übrig, so daß er und
seine Frau des öfteren dem Hunger preisgegeben
seien. Er arbeite am besten im Bewußtsein einer
gewissen Sicherheit. Und da er auf Kosten anderer
Kontakte in letzter Zeit sich fast ausschließlich
dem Insel-Verlag anvertraut habe, würde er,
wenn möglich, gern auch noch den Don Quichote übernehmen.
Beide Cervantes Werke und der Gil Blas erschienen
1907 und 1908 unter dem Pseudonym Konrad Thorer (41) .
Im
Mai 1908 beklagt sich Greve bitter über ungerechtfertigte
Korrektur-Vorschläge an dem zweiten der Balzac-Bände.
Nur eine einzige von rund dreißig Anmerkungungen
will er als wirkliche Verbesserung anerkennen. In
diesem Brief gibt es auch einen Hinweis auf "die
Pater-Korrekturen", die das Zustandekommen der
zweibändigen Ausgabe zu dieser Zeit bestätigen (42) .
Am
interessantesten ist bestimmt Kippenbergs geradezu
meisterhafte Antwort auf einen offensichtlich hysterischen
und/oder unverschämten Brief der vermeintlichen "Witwe" Greves
im September 1909. Elegant weist er die übertriebenen
Anschuldigungen, Greves angeblichen Selbstmord durch
Unterbezahlung, Überbelastung, und kleinliche
Kritik maßgeblich verschuldet zu haben, weit
von sich. Zum ersten Punkt verweist er darauf, daß er
ihm "von dem nicht gerade erfreulichen und zur
Fortsetzung reizenden Anfang unserer Verbindung an
stets das allerdenkbarste Entgegenkommen gezeigt" habe.
Dafür und für die zahlreichen, großzügigen
Vorschußleistungen gäbe es reichlich Beweise.
Greves Kredit bei der Insel betrüge beispielsweise
4000 M. Anbetrachts dieser Tatsache sagt er: "Wenn
Ihr Gatte in seinem letzten Briefe dies Gefühl
der Dankbarkeit, das er mir wiederholt ausgedrückt,
ins Gegenteil verkehrt hat, so muß ich das
einem unnormalen geistigen Zustande zuschreiben,
der ihn die Dinge verzerrt hat sehen und ungerecht
werden lassen."
Die
anderen beiden Punkte bringt er miteinander in Verbindung.
Die ernsten Bedenken an Greves Arbeitsqualität
stünden in direktem Verhältnis zu dem Übermaß an
Aufträgen, die er sich selbst alter Schulden
wegen aufzuladen bemühte. Als anschauliche Beispiele
für minderwertige Übersetzungen, die er
allerdings keineswegs als Greves durchschnittliche
Leistung betrachten will, erwähnt er die ersten
beiden Bände von 1001 Nacht und Murgers Boheme , bei
denen in der zweiten Auflage "gegenüber
der ersten kein Stein auf dem anderen geblieben" sei. Sollte
Greve wirklich Selbstmord begangen haben -- und Kippenbergs
Zweifel daran ist offensichtlich, -- wäre der
Insel Verlag jedenfalls kaum verantwortlich dafür;
weitaus plausibler wäre wohl "die Tatsache
seines wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Ich weiß,
daß wir nicht der einzige Verleger sind, der
große Forderungen an ihn hatte; die Einsicht,
daß er sie niemals durch Arbeit würde
begleichen können, wird das eigentliche Motiv
seines Entschlusses gewesen sein, und die Tatsache,
daß er in der jüngsten Zeit diesselbe
Arbeit zwei Verlegern gegeben und sich von beiden
hat honorieren lassen, vielleicht dazu beigetragen
haben." Ein Mitarbeiter werde bald verschiedenes
Verlagseigentum bei Frau Greve abholen, darunter: "das
fertige Manuskript von 1001 Tag , Bd. 3 und
4; die Druckvorlage zur Jugendausgabe von 1001
Nacht , und das Manuskript der Übertragung
von Dickens David Copperfield ."
Nach
der großzügigen Versicherung, daß er
keinerlei Ansprüche auf den Nachlaß ihres
Mannes erheben werde, und sogar bereit sei, ihn von
allen weiteren Verpflichtungen zu entlasten, falls
er noch leben sollte, verbleibt Kippenberg mit der
Aussicht, auch der Witwe behilflich zu sein. Den
Ton ihres Briefes wolle er damit entschuldigen, daß die "begreifliche
Erregung, in der Sie sich befinden, Sie in Ihrem
Gefühl für die Tragweite Ihrer Worte gehindert
hat" (43) .
Greve
tauchte drei Jahre später als Frederick Philip
Grove in Manitoba auf, wo er bis 1929 als Lehrer
sein Leben fristete und ab 1922 etwa die Hälfte
seiner zahlreichen kanadischen Werke veröffentlichte.
Else Greve, die ihm 1910 nach Sparta, Kentucky, gefolgt
war und dort von ihm nach einem Jahr sitzengelassen
wurde, ist ab 1917 als Baroness Freytag-Loringhoven
durch ihr exzentrisches Gebaren, ihre dadaistische
Kunst und Kontakte mit internationalen Persönlichkeiten
wie William Carlos Williams, Man Ray, Marcel Duchamp,
Berenice Abbott, Djuna Barnes und vielen anderen
in New York, Berlin und Paris bekannt geworden.
Greves
Arbeit für den Insel-Verlag belegt einerseits
den unterschiedlichen Geschmack und Geschäftsstil
der beiden Leiter von Poellnitz und Kippenberg, und
reflektiert andererseits den Zeitgeschmack. Was den
Verkaufserfolg seiner Übersetzungen bei der
Insel anbelangt, läßt sich ersehen, daß die
Dekadenzliteratur der ersten fünf Jahre gering
war, abgesehen von Oscar Wildes Erzählungen .
Die Auflagen von nur 500 Exemplaren fanden weder
ein begeistertes Publikum, noch wurden sie eingehend
rezensiert.
Die
Rezeption von Greves Übersetzungen in fünfzehn
literarischen Zeitschriften zeigt, daß die Übertragung
von Weltliteratur dankbar aufgenommen wurde, während
man sich modernen Autoren bestenfalls zurückhaltend,
schlimmstenfalls feindlich-ablehnend verhielt. Ausfälle
gegen Übersetzer und die gesamte Übersetzungsindustrie
waren häufig, und nationalistische Töne
bei weitem keine Ausnahme. Schon 1904 hatte von Poellnitz
sich folgendermaßen verteidigen müssen: "...Man
macht mir von allen Seiten den Vorwurf, die Insel
bringe zu viele Übersetzungen, und ganz von
der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht" (44).
Kippenbergs konservative Ausrichtung auf Weltliteratur
war also in jeder Hinsicht erfolgreicher, und ähnliches
gilt auch für die deutsche Literaturproduktion
des Verlags. Die Entdeckung zeitgenössischer
Autoren war riskanter und - wenigstens kurzfristig
gesehen - geschäftlich weniger ergiebig als
die großen Auflagen der klassischen Literatur.
Fußnoten zu Aspeke
der Verlagspolitik :
1. Gerard Schuster, Einleitung zu Hugo
von Hofmannsthal, Briefwechsel mit dem Insel-Verlag,
1902-1929 , Frankfurt, Buchhändler-Vereinigung,
1987, S. 18
2. Almanach der Insel für 1900 ,
S. 20
3. Schuster, Sp.18
4. R. A. Schröder, "Die Insel",
1925. In: Aufsätze und Reden 2, S. 921
5. D.O.Spettigue, FPG : The European
Years , Ottawa, 1973.
6. Schuster, Sp. 31
7. Schuster, Sp. 33
8. Schuster, Sp. 39
9. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr.
116, 15. 7. 1910
10. Kippenberg, 1. 12. 1906
11. Schuster, Sp. 35
12. Diese Aufstellung nach eigenem Greve-Material;
weniger ausführlich aus der Inselverlags-Perspektive
bei Schuster, Sp. 43
13. Heymel an Kippenberg, 6.11.1909; bei Schuster,
Sp. 50, Fn.122
14. Hofmannsthal, 18. 5. 1906
15. Heymel an Hofmannsthal; bei Schuster, Sp. 51, Fn.123
16. Diese vereinzelten Briefe befinden sich im Marbacher
Literatur-Archiv, und in der Deutschen Staatsbibliothek,
Berlin.
17. Greve, 12. 8. 1902. Auch in: The Letters of
Frederick Philip Grove , hrsg. von D. Pacey, Toronto,1976,
S. 516. Das falsche Datum dort ist der 2. 8. 1902!
18. Greve, 17. 8.1902
19. von Poellnitz, 4. 11. 1902
20. von Poellnitz in einem langen persönlichen
Brief vom 12.11.1902
21. Greve, 19. 11. 1902
22. So Greve an von Poellnitz am 18.2.1903
23. General-Anzeiger für Bonn , 30. 5.
1903, Nr. 4761, p. 7
24. Greve, 16. 11. 1903; Pacey, S. 535
25. Sarkowski, Insel-Bibliographie, 1971
26. von Poellnitz, 11. 6. 1903
27. Greve, 6. 6. 1903; Pacey, S. 526
28. von Poellnitz, 9. 5. 1903
29. Greve, 6. 6. 1903
30. Greve, 6. 5. 1903
31. Greve, 14. 6. 1903; Pacey, S. 528
32. Greve, 3. 8. 1903
33. Greve, 26. 10. 1903; Pacey, S. 531
34. Greve, 16. 11. 1903; Pacey, S. 535
35. Greve, 3. 12. 1903
36. Kippenberg, 4. 10. 1906
37. Hofmannsthal, 28.11.1906
38. Kippenberg, 6.9.1907
39. Hofmannsthal, 14.12.1907
40. Kippenberg, 8. 1. 1908
41. Greve, 15. 4. 1907; Pacey, S. 541-543
42. Greve, 3. 5. 1907; Pacey, S. 545-546
43. Kippenberg an Else Greve, 21. 9. 1909; Pacey, S.
548-550
44. von Poellnitz, 21. 12. 1907, ablehnend an Baronin
Rothenthal, die, von Blei empfohlen, unter anderem
Meredith' Egoisten übersetzen wollte.
Further documentation availabe on
request from the author
Originally presented at the 1990 German Studies Associaion
(GSA) Conference in Buffalo, N.Y.
How to cite
this e-Version:
Divay, Gaby. "Aspekte der Verlagspolitik
des Insel-Verlages, 1900-1910".
rev. e-Ed., ©November 2005 at:
http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/psg/insel.html
(Accessed ddmmmyyyy [ex: 18nov2005]. [browser preview:
8 p.])
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